Eine Verbeugung nach der Schließung

Poetische Hommage von Peter Ludwig an das Imaginäre Museum Wasserburgs

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1Er hat ein Film-Händchen dafür, immer wieder Wasserburg in ein besonderes Licht zu rücken. Gestern am Abend war die große Premiere des neuesten Werks von Peter Ludwig im Rahmen der Wasserburger Nächte direkt am Inn: Lost Picture Show. Der neue Film des begnadeten Pianisten berührte durch eine sehr feinfühlige Art, dem Imaginären Museum Wasserburgs eine Hommage auszusprechen. Eine Ehrenbekundung wenige Monate nach seiner Schließung. In der Hauptrolle: die Schülerin der 11. Klasse des Luitpold-Gymnasiums, Leonie Benstetter (Foto). Die Live-Musik an dem Abend zauberten Sarah Kober am Saxophon und Peter Ludwig selbst am Piano …

Fotos: Renate Drax

 

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Starker Applaus für einen nachhaltigen Kunst-Abend … Und das Wetter hielt gestern genau bis zur letzten Filmszene am Inn! Dann brach ein Gewitter herein.

Peter Ludwig beschreibt seinen neuen Film als einen „poetischen, einen surrealen Film“. Mit einem Live-Soundtrack am gestrigen Abend, den er gemeinsam mit Sarah Kober, einer überaus gefühlvollen Saxophonistin, intonierte. Der Film sei „ein Muss für Kunstliebhaber, für Musikbegeisterte und Kenner der mystischen Stadt Wasserburg”. Sagt Peter Ludwig selbst. Die junge Spontan-Entdeckung Leonie Benstetter gefällt in der Hauptrolle – nicht eingebildet und in den Mittelpunkt spielend, sondern redlich und aufrecht. Anmutig agierend, die Kunst als Hauptdarsteller achtend.

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Die bezaubernde Saxophonistin Sarah Kober.

Es wirken zudem mit: Leonies Freundin Hannah Tuschy, Petra Rossner-Dietz und Philipp Rossner (zu ihnen im folgenden gleich mehr …)

Achtung: Am heutigen Mittwochabend ist der Film – aufgrund der unsicheren Wetterlage – im Theater Wasserburg mit der Live-Musik als Begleitung. Beginn 21 Uhr, Karten gibt es an der Abendkasse!

Darum geht’s: Winter. In einem Wasserburger Café zeigt die sechzehnjährige Schülerin Leonie, eine leidenschaftliche Tänzerin, ihrer Freundin Hannah einige verwirrende Fotos, die sie im Imaginären Museum aufgenommen hat. Als Hannah geht, verliert sich Leonie in den Bildern auf ihrem Display und schläft darüber ein.

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Im Traum erlebt sie sich als die Tochter des Gründers dieses Museums, die damals, Ende der Sechziger Jahre, genau so alt war wie sie jetzt. Sie erzählt von der Arbeit ihres Vaters und den gemeinsamen Reisen nach Paris. Dort findet eines Abends ein großes Fest statt, auf dem sie die von ihrem Vater hergestellte originalgetreue Replik eines weltberühmten Gemäldes von Jan Vermeer, das kurz zuvor geraubt wurde, den Gästen zum Kauf anbietet.

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Der Inn – die Traum-Kulisse der Wasserburger Nächte!

Gleichzeitig begegnet sie Hannah auf der Innbrücke, die mit dem geraubten Gemälde an ihr vorbei geht, ohne sie zu erkennen, während im Imaginären Museum Arbeiter damit beginnen, alle Bilder zu entfernen. Leonie beobachtet fassungslos, wie ihre erträumte Welt verschwindet.

Länge: etwa 70 min.

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Peter Ludwig,  Erfinder, Komponist und Pianist von „Tango Mortale“, schreibt Tangos, Chansons, Melodramen und Kammermusik. Seine Bühnenmusiken  werden international aufgeführt, seine Orchester-Arrangements sind gefragt. Solistisch tritt er als Improvisator auf. Für „Tango à trois“ schreibt er die Musik und spielt das Klavier. Und er dreht Dokumentarfilme. Zuletzt war sein Werk über die Kulturszene ‘Die Zauberer in Wasserburg’ zu sehen.

Das Museum

Zum Jahresende 2014 schloss das Erste Imaginäre Museum Wasserburg. Interessierte hatten ein letztes Mal an einem Tag der offenen Tür die Möglichkeit, das Museum noch einmal zu besuchen und mit Museumsleiterin Petra Roßner-Dietz ins Gespräch zu kommen.

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Eine Filmszene …

Der Eröffnung des Ersten Imaginären Museums 1979 in den Räumen des Pensionats I der Heilig-Geist-Spitalstiftung gingen längere Überlegungen zur Nutzung des 1971 frei gewordenen mittelalterlichen Gebäudes voraus. Gesucht wurde eine Lösung, die mit wenigen Eingriffen in die Gebäudesubstanz verbunden war, das Gebäude öffentlich zugänglich machte, für die kleine Stadt finanzierbar war und Wasserburg in seiner kulturellen und touristischen Attraktivität stärkte.

Die Idee des „Musée Imaginaire“ nach den 1941 erstmals in Worte gefassten und später vielfach veröffentlichten Vorstellungen des französischen Kulturstaatsministers André Malraux eröffnete für Wasserburg neue Perspektiven. Nach Meinung Malrauxs sei in Paris ein Museum zu errichten gewesen, das mit dem Mittel der Fotografie Abbilder aller bedeutenden Kunstwerke an einem Ort zu Studienzwecken versammeln sollte, um einen wahrhaftigen und vollständigen Eindruck von Kunst zu vermitteln. In einer Zeit, in der Fotographien nicht universell über digitale Medien verfügbar und Reisen aufwendig war, stellte dies eine berechtigte Forderung dar.

drucker1Der Künstler und Drucker Günter Dietz (Foto – er lebte 1919 bis 1995) hatte in Bremen ein Druckverfahren zur originalgetreuen Wiedergabe von Malerei entwickelt und sich bei Soyen vor den Toren Wasserburgs mit seiner Werkstatt niedergelassen. Gemeinsam mit Bürgermeister Dr. Martin Geiger entwickelte er das Konzept des Ersten Imaginären Museums, das die Malerei bedeutender Künstler vom ausgehenden Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert anhand hochwertiger Repliken zeigte und gleichzeitig den Besucher mit dem vom ihm entwickelten aufwendigen Druckverfahren vertraut machte. Betrieben wurde das Museum gemeinsam von der Stadt Wasserburg a. Inn und der Dietz Offizin, wobei es sich zum Teil aus den Eintrittsgeldern und den Provisionen für den Verkauf von Gemälderepliken finanzierte. Die Stadt gewann eine gut besuchte Kulturinstitution hinzu und die Firma einen Präsentations- und Wirkungsraum, der zudem ihre künstlerische und kulturelle Arbeit auch außerhalb der Werkstatt ermöglichte und sie der Öffentlichkeit näher brachte.

Im Laufe der Jahre gingen die Besucherzahlen deutlich zurück. Die Gründe hierfür sind vielfältig: unter anderem wurden die Öffnungszeiten als Einsparungsmaßnahme gekürzt, neuere Entwicklungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wurden nur unzureichend aufgegriffen und eine Modernisierung der Präsentation fand in den 35 Jahren nicht statt. Diverse Bemühungen zur Belebung des Museums führten leider nicht zum gewünschten Erfolg. Die Vertragspartner Stadt Wasserburg a. Inn und die Dietz Offizin kamen deshalb überein, das Museum zu schließen.

Um allen Interessierten nochmals die Möglichkeit zu geben das Museum zu besuchen, findet am 7. Dezember von 13 Uhr bis 17 Uhr ein Tag der offenen Tür bei freiem Eintritt statt. Für Gespräche und Fragen steht an diesem Sonntag die Museumsleitung zur Verfügung.

Ein Rückblick auf 35 Jahre Museumsbetrieb von Museumsleiterin Petra Roßner-Dietz

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Im Oktober 1978 hat der Stadtrat einstimmig den Beschluss zur Errichtung des „Ersten Imaginären Museums, Sammlung Günter Dietz“ in Wasserburg am Inn im Pensionat I gefasst. Das sogenannte Pensionat I bildet zusammen mit der Spitalkirche den Kern des Heilig-Geist-Spitals. Voraus gingen Überlegungen der Stadt, wie man mit dem leer stehenden Gebäude verfahren sollte, welches seit 1971 als Altersheim geschlossen war. Vieles wurde angedacht und wieder verworfen. Es gab etliche vergebliche Bemühungen für die Verwertung des Spitalgebäudes, aber es war zu dem Zeitpunkt nicht möglich, einen mit wirtschaftlichen Mitteln realisierbaren Verwendungszweck für das sogenannte Pensionat I zu finden.

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Seine Hommage an das Museum: Lost Picture Show – von Peter Ludwig.

Die Räume sind u. a. für folgende Verwendungen untersucht worden: Staatliche Büchereiberatungsstelle und Stadtarchiv, Gastronomie, Weinstube etc., Jugendherberge, Staatliche Gemäldegalerie (Prinz von Hohenzollern), Wohnungen, Geschäftsräume. Die Verwirklichung ist meist an unverhältnismäßig hohen Kosten und der schwierigen verkehrsmäßigen Erschließung des Gebäudes in der Bruckgasse gescheitert. Man sah es als glückliche Wendung, dass genau zu diesem Zeitpunkt Günter Dietz aus der Nähe von Soyen mit dem Vorhaben an die damals Verantwortlichen herangetreten war, ein sogenanntes „Imaginäres Museum“ einzurichten. Er unterbreitete das Angebot, je ein Exemplar von den seit 1963 entstandenen DIETZ-Repliken auszustellen.

DIETZ-Repliken sind authentische Nachschöpfungen von Bildern alter und neuer Meister in einem besonderen Siebdruckverfahren auf maltechnischer Grundlage, das so ausgereift ist, dass die Repliken vom Original oft nur im Röntgenverfahren zu unterscheiden sind. Die „DIETZ-Replik“ ist in der Fachwelt zu einem Begriff geworden, es wird darüber bis heute in unzähligen Zeitungsartikeln, im Fernsehen, Reiseführern und Lexika berichtet. Selbst im Deutschen Museum in München hatte das von Günter Dietz erarbeitete Verfahren über 30 Jahre seinen Platz.

Mit der Gründung dieses Museums und der Zusammenarbeit mit Günter Dietz wollte die Stadt Wasserburg am Inn nicht in erster Linie den „Jahrmarkt der Sensationen“ bereichern, sondern in der Vielfalt ihrer kulturellen Einrichtungen modernen Entwicklungen des Kunstschaffens Platz und Raum bieten. Neben den historischen Museen, neben den ansässigen Künstlern, die selbst eine Galerie unterhalten, und ergänzend zu den regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen der Bildenden Kunst, der Literatur und der Musik sollte hier eine adäquate Möglichkeit geschaffen werden, das Lebenswerk von Günter Dietz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Gebäudestruktur konnte für diesen Zweck beibehalten werden. Die technischen Einrichtungen, die eine Gemäldegalerie erfordert, verlangten keine großen Eingriffe in die Bausubstanz.

So ist es mit relativ geringen Mitteln gelungen, dass ein bedeutendes Bauwerk der Stadt Wasserburg im positiven Sinn zugänglich ist und damit auch der allgemeine Zugang zu einem der bedeutendsten Kunstwerke der Stadt, nämlich dem spätgotischen Altarrelief der Heilig-Geist-Spitalkirche.

Die Rede zur Eröffnung des Imaginären Museums 1979 erarbeitete seinerzeit Prof. Henri Pfeiffer, ein Klee-Schüler aus Paris. Demzufolge versuchte Paul Klee, seine eigenen Werke zu reproduzieren. Paul Klee erkannte sehr schnell, dass ihm dies allein mit malerischen Mitteln nicht möglich war.
Zitiert ist der selbstironische Satz: „Paul Klee hat versucht, das Bild noch einmal zu malen – es geht nicht.“ Pfeiffer ist fest davon überzeugt, dass eine DIETZ-Replik eines seiner Bilder bei Paul Klee Genugtuung und Freude ausgelöst hätte. Pfeiffer zieht noch einen Vergleich. Seit 1789 gibt es im Louvre das „Atelier des Moulages“. Es hat im Louvre sehr klein angefangen, ist genauso alt wie der Louvre, und stellt bemerkenswerte Werke der Kunst her, nämlich Skulpturen, Repliken der Weltkunst. Noch heute werden dort Repliken für Museen und Kunstsammler hergestellt, ausgestellt und in alle Welt verkauft. Der Umfang der Exponate ist so bedeutend, dass er jede Konkurrenz ausschaltet. Das haben Wasserburg und Paris gemeinsam, ein Museum mit imaginärer Kunst, was so viel wie „wahres Abbild“ bedeutet.

Da die Repliken nahezu alle Epochen europäischen Kunstschaffens umfassen – von der Romanik bis zur Gegenwart- und die Vielfalt der ausgestellten Werke sowohl nach den angewandten Techniken als nach ihrer Farbigkeit sehr differenzierte Ansprüche stellen, konnte hier eine „Galerie der Galerien“ geschaffen werden, deren Einmaligkeit und Besonderheit die Besucher beeindruckt. Die Gäste und Bewohner der Stadt Wasserburg haben damit die Möglichkeit, Bildern aus nahezu allen namhaften Galerien Europas zu begegnen, die als Serigraphien in technischer Vollkommenheit mit dem Original übereinstimmen. Darüber hinaus sind auch Originalserigraphien zeitgenössischer Künstler ausgestellt.

Denn seit ihrer Gründung arbeiten auch weltweit anerkannte Künstler in der DIETZ-Offizin. Es werden in Zusammenarbeit mit den Künstlern Editionen gedruckt, Versuche für neuartige Gestaltungsmöglichkeiten im Einklang mit dem Drucker geschaffen. Ein bezeichnender Satz des hochkarätigen Künstlers Marino Marini ist „Der Künstler bedient sich der Kunst des Reproduzenten“. Alle Künstler der Wiener Schule wie Brauer, Hausner, Fuchs, etc. waren in der DIETZ-Offizin zu Gast, Künstler aus Großbritannien wie Richard Hamilton, Peter Phillips. Mit Picasso, Dali, Max Ernst, Chagall sind nur ein paar der ganz Großen genannt, die sich des Dietz-Verfahrens bedienten. Zwei Jahre lebte Friedensreich Hundertwasser bei Günter Dietz und seiner Familie in Bachmühle bei Soyen. Es entstanden bedeutende Editionen bei der sehr fruchtbaren Zusammenarbeit, u. a. die weltberühmte Kassette „Regentag“.

Kunstsammler wie Gunther Sachs und Lothar Günter Buchheim unterstützten Dietz, indem sie ihm Werke berühmter Künstler ausliehen, damit dieser möglichst originalgetreu arbeiten konnte. Heute spannt sich der Bogen dieser positiven Symbiose mit Künstlern zu den Malern Arik Brauer, Eckart Schädrich, Frank Wahle, Heinz Mack, Elvira Bach, u. a.

Zusammenfassend sei gesagt: Kein anderes Druckverfahren, kein vermeintlicher Nachahmer hat es bis heute trotz aller technischen Möglichkeiten geschafft, Bilder in dieser Perfektion mit den entsprechenden Materialien, die auch der Künstler genutzt hat, nachzuvollziehen. Zugrunde liegen die große Erfahrung, die künstlerische Bildung und das Wissen um Materialien, das nun in zweiter und dritter Generation im handwerklichen Druckverfahren fortgesetzt wird.

Das Museum bestand 35 Jahre. Wie bei jeder Kunst-Institution gab es Kritiker und Befürworter. Einig waren sich alle, dass auf diese Weise durch das Museum Reproduktionen der Bildenden Kunst weit stärker als bisher als pädagogisches Instrument und als Angebot an Lehrer und Schüler zur Verfügung gestellt werden konnten.

„Große Kunst“ zu demokratisieren, es möglich zu machen, einen verhältnismäßig großen Kreis von Menschen an einem Ort an der Weltkunst teilhaben zu lassen, nicht auf Kaufhauskitsch angewiesen zu sein- das ist das wahre Anliegen der Werkstatt Dietz, zu einer Zeit – 1979 wie heute – in der es wahre Kunst immer schwerer hat, zur Bildung der Menschen beizutragen.

 

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