Die Verrohung der Sitten…

Immer freitags: Neubürgerin berichtet aus Wasserburg

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Fashion models. Sketch.Wasserburg – Sie kennen Hiltrud Sander nicht? Kein Wunder. Die Dame mittleren Alters ist Wasserburger Neubürgerin – erst seit ein paar Wochen da. Was für uns Stodara ganz selbstverständlich ist, muss die gute Frau aus Münster in Westfalen erstmal erkunden und lernen. Zum Beispiel: Dass die Sitten in der Stadt zunehmend verrohen. Immer freitags wird Frau Sander jetzt von ihrem Leben als Neu-Wasserburgerin berichten. Ihr neuester Bericht auf www.wasserburger-stimme.de:

Einfach zauberhaft, wie heute die Sonne in mein Fenster scheint. Ich habe frei, denn es ist Brückentag. Ob ich mich hübsch zurechtgemacht in eines dieser wunderhübschen Wasserburger Straßencafés setzen soll, um ein wenig Ausschau zu halten? Zwei Monate in meiner neuen Heimatstadt und ich habe immer noch nicht so richtig Aufsehen erregt bei der Männerwelt. Wie denn auch, wenn den Herren hier ganz offensichtlich völlig falsche Frauenbilder vorgelebt werden! Wie aufgescheuchte Weberknechte tanzen die Gedanken in meinem Kopf herum und bitten hektisch darum erschlagen, äh, geordnet zu werden.

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Nur kein Neid, liebe Hille, denke ich mir…immer schön locker bleiben, auch du hast deine schönen Seiten. Seit meinem letzten Spaziergang durch die Stadt macht mir die schleichende Verrohung der Sitten ganz schön zu schaffen. Hat man sich in den 50er Jahren schwerstens dafür geschämt, wenn das Röcklein nur knapp das Knie bedeckte, so kann man in Wasserburg heutzutage die splitternackte Tamara von Nebenan im Schaukasten des hiesigen Fotografen bestaunen. Zwischen rührseligen Babyfotos und harmonisch dreinblickenden Brautpaaren geben sich dort zunehmend spärlich bekleidete Damen ihr Stell-Dich-ein.

Ausgetragen wird der nackte Wahnsinn des lokalen Fotografen auf dem Rücken nicht mehr ganz so knackiger Ladies und der einst romantische und so entspannte Sonntagsspaziergang durch die Gassen der Altstadt wird zum Höllenritt für die Damenwelt Ü40.

„Schau mal Spatzerl, was für einen attraktiven Rahmen die Frau Obermaier im Negligé hat!“, raunt der eigentlich ganz harmlos dreinblickende Herr vor mir seiner weiblichen Begleitung ins Ohr. Seine Stimme droht zu versagen und er kommt schwer ins Röcheln. Wirbelstürme, Feuersbrünste, Magersucht … wen wundert heute noch irgendwas. Parallel zum steigenden Erwerbsdruck in der Wirtschaft brauchen wir wohl immer mehr flockige Unterhaltung.

Aber wie gnädig, zum Glück für uns Frauen hatte der Wasserburger Star-Fotograf doch noch die weise Eingabe, ein paar nackte Männerkörper im Shippendale Style in seinen Auslagen zu präsentieren. Wie, Sie meinen ich bin prüde? Beim bloßen Anblick dieser glatt rasierten Männerleibe, ersticke ich beinahe an meinem Coffee to go…

Ihre aufgebrachte Hiltrud Sander

 

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