„Die OP ist immer der komplizierteste Weg“

Dr. Sebastian Sinz vom Sportpark Fit&Fun macht so manche Operation überflüssig

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073PR – Der Wasserburger Sportmediziner Dr. Sebastian Sinz hat eine effektive Methode, Schmerzen der verschiedensten Art zu behandeln. „Bandscheibenoperationen sind in der Regel nicht notwendig“, sagt er. In Wasserburg hat der Orthopäde und Unfallchriurg im Sportpark Fit&Fun eine sportmedizinische Privatpraxis. Angegliedert ist dort ein Diagnostikzentrum für funktionelle Medizin. Wir sprachen mit Dr. Sinz über das Thema „Schmerzen“ und wie man diese ohne Operationen lindern kann.
Herr Dr. Sinz , wie kam es, dass Sie sich mit dem Thema Schmerz so eingehend befasst haben?

Da ich während meiner Studienzeit extrem viel Sport getrieben habe und zwei Ironman absolvierte, zog ich mir im Laufe der Zeit muskuläre Verkürzungen zu. Diese führten zu muskulären Dysbalanen, die Beschwerden in der Lendenwirbelsäule und in der Hüfte auslösten. Da ich wusste, dass es keine Arthrose war, habe ich durch gezieltes Öffnen dieser Muskel-Verkürzungen meine Beschwerden wieder zu behoben. Mit dem Wissen von heute hätte ich mich definitiv anders auf meine Wettkämpfe vorbereitet. In der Schulmedizin fand ich keine erprobten Methoden, die Schmerzen wirklich dauerhaft zu beheben. So beschäftigte ich mich während meiner Praxistätigkeit erneut mit der Anatomie und machte ganz neue Entdeckungen: Viele Operationen müssen nicht durchgeführt werden, da die Ursache damit nicht behoben wird. Nur die Ursachenerkennung und die Behebung derselben lindert die Schmerzen.
Mir wurde klar, dass die Knochen, die in der Anatomie immer besondere Beachtung finden, gar nicht diese große Rolle spielen, da sie relativ statisch sind und sich nicht so schnell verändern können wie ein Muskel. Der Mensch besteht aus insgesamt 206 Knochen. Diese wiegen beim Mann mit 1,80 Metern Größe zirka 3,2 Kilo.

022_1Stattdessen erkannte ich den großen Stellenwert der Muskulatur beim Menschen, welche ganz einfach und oft innerhalb von Minuten verändert werden kann. Schmerzen kommen immer von der Muskulatur und liegen in falschen Bewegungsmustern begründet. Die Muskulatur des Körpers besteht aus 656 Muskeln ist mit zu 80 Prozent  des gesamten Körpergewichts das größte Organ.

Zu einer Bewegung gehören immer zwei Muskeln. Wird die Vorderseite des Oberschenkelmuskels (M. rectus femoris) angespannt, also verkürzt, muss der Gegenspieler des Oberschenkels (M. biceps femoris) auf der Rückseite durch Verlängerung nachgeben. Der Schmerz tritt im aktiven, bewusst spür- und steuerbaren Muskel auf. Die Behandlung erfolgt aber am Gegenspieler. Dort liegt die Ursache für den Schmerz. Manchmal genügt eine Behandlung, um Schmerzen eines Muskels zum Verschwinden zu bringen. Bei Patienten mit lang anhaltenden Schmerzen bestehen schon sämliche Kompensationsmechanismen, so dass die Schmerzen in verschiedenen Körperregionen zu finden sind. Der Weg zur Schmerzfreiheit und zur wiedererlangten Lebensqualität wird hier länger dauern.

Zu Ihnen kommen viele Patienten mit Bandscheiben-, Knie- und Kreuzbeschwerden …

Ja, Die ganzen Operationen sind überwiegend vermeidbar. Mir ist es immer noch unerklärlich, warum die Krankenkassen einfache und funktionierende – denn darüber gibt es inzwischen unzählige Dokumentationen – Behandlung nicht bezahlen. Stattdessen wird der komplizierte Weg einer Operation gegangen. Dabei muss man den Schmerz nur richtig verstehen. Wenn etwas weh tut, dann ist das eine gesunde Reaktion. Tatsächlich ist es der gesunde Teil des Körpers, der Schmerzen aufweist. Wenn Sie mir sagen: „Mein Knie tut von innen heraus weh“, dann weiß ich, das Knie ist der beste Teil Ihres Körpers. Da ist eventuell der Fuß, der Oberschenkel oder die Hüfte Schuld. Aber es ist völlig falsch, das Knie zu operieren.

Wie sieht eine Behandlung bei Ihnen aus?

079Zu aller erst betrachte ich mit meinem Patienten seine Körperstatik im Spiegel. Somit erstelle ich mir meine Prioritätenliste für meine Behandlung.  Ich behandle die Muskeln an bestimmten Stellen mit Fingerdruck oder mit Stoßwelle, nach einigen Minuten lösen sich die Verhärtungen im Muskel. Der Schmerz lässt nach und die Beweglichkeit wird besser.
Bei Kreuzproblemen ist die Beweglichkeit entscheidend. Manchmal passiert zuerst auch gar nichts, doch dann geht‘s los: Emotionen können hochkommen und sich ganz vehement lösen. Erleichterung tritt ein. Teilweise muss man auch mit einer Spritze arbeiten, wenn die betroffene Stelle unter einem Knochen liegt oder viel Fettgewebe da ist.

Was bewirkt die Stoßwelle?

Der Muskel hat eine bestimmte innere geometrische Struktur und daraus
entstehen spezielle Bewegungsbahnen. Um einen schmerzenden Muskel zu behandeln, muss ich einen neuen Bewegungsrichtungsreiz ausüben, damit sich die zu Schmerzen führenden Bewegungsabläufe harmonisieren. Generell darf nicht in Richtung Muskelverkürzung gearbeitet werden; Die Länge ist das Entscheidende.

Wie wird der Reiz weitergeleitet? Durch Nerven?

Nein. Die schnellsten Nervenfasern haben eine Überleitungszeit von 100 Metern pro Sekunde. All diese Funktionen des Denkens und Verarbeitens von gleichzeitigen Eindrücken, die so schnell erfolgen, dass wir sie gar nicht wahrnehmen, kann das langsame Nervengewebe überhaupt nicht bewerkstelligen. Das Bindegewebe hingegen kann Impulse in Lichtgeschwindigkeit weiterleiten. Meines Erachtens nach ist das Bindegewebe der Chef im Körper. 60 bis 80 Prozent – die Angaben variieren da noch – des Körpergewebes sind Bindegewebe. Der Rest, vielleicht 30 Prozent, ist Nervengewebe. Und auf diese 30 Prozent stürzt sich die gesamte Anatomie und zieht daraus ihre Schlüsse.

Hat Ihre Methode etwas mit der Akupressur gemeinsam?

Zum Teil gibt es Gemeinsamkeiten. Aber es ist schon ein anderes Prinzip, eine andere Theorie dahinter.

Sie behandeln auch Migräne. Was ist da das Problem?

Da sind im Prinzip auch die Muskeln das Problem. Muskeln im vorderen Halsbereich, die zu schwach ausgebildet sind, da wir vom vielen Sitzen eine schlechte Haltung haben: die Schultern hängen nach vorne

Würden Sie sagen, dass Angst Schmerz ist?

Nein, würde ich nicht. Schmerz ist für mich ein muskuläres Problem. Es gibt ja berechtigte Angst, vor einem wilden Tier etwa. Die verschwindet sobald die Gefahr nicht mehr da ist. Und dann gibt es eine Angst, die ohne Substrat entsteht, plötzlich aus dem Nichts auftaucht. Solche Angst sitzt besonders im Hals, im Thorax und in der Lendenwirbelsäule. Diese Angst kann ich bei der Therapie lösen. Die Leute glauben meist gar nicht, dass auch Angst behandelbar ist.

Welchen Sport empfehlen Sie?

Früher hätte ich das Fahrradfahren zu 100 Prozent empfohlen. Bei Patienten mit Knie- oder Kreuzproblemen sehe ich immer mehr ab vom Fahrradfahren. Die Muskeln, die bei unserer sitzenden Lebensweise sowieso schon ständig beansprucht und verkürzt werden, werden beim Fahrradfahren zunehmend kürzer. Eine gewissermaßen entgegengesetzte Bewegung ist hier viel hilfreicher. Deswegen habe ich mir eine einfache Übung ausgedacht, wo der Patient sich rücklings über einen Baumstamm legt. Der Körper macht einen großen Bogen, der Kopf wird etwas zur Brust gezogen. Damit werden ganz andere Muskeln bewegt. Diese Übung kann man jederzeit auch selber machen. Sonst ist Gehen und Laufen in allen Variationen die Sportart, die ich empfehle.
Was bedeutet eigentlich Kinematik?
Kinematik ist die Lehre der Bewegungen ohne Einfluss von Kraft. Kraft spielt für mich keine große Rolle. Was mich interessiert, ist Bewegung. Der Kraft wird viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Alles ist in ständiger Bewegung. Selbst die Knochen bleiben nicht gleich. Sie brauchen aber viel länger, um sich zu erneuern. Sie können auch gar nicht verschleißen. Nach zehn Tagen sind die Knochen erneuert, die Zellen bewerkstelligen das. Ihr Körper ist im Prinzip ein Vierteljahr alt.

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