Die Gitarre als letzte Waffe

Begegnung mit Regisseurin Desirée von Trotha in Wasserburg

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War am Samstagabend zu Gast in Wasserburg und hatte viel zu sagen: Regisseurin Desiree von Trotha. Foto: Renate Drax

War am Samstagabend zu Gast in Wasserburg und hatte viel zu sagen: Regisseurin Desiree von Trotha. Foto: Renate Drax

Wasserburg – „Gestern sah ich ihren Film und bin immer noch bewegt. Er dokumentiert nicht nur ein Festival, sondern eine Kultur und die staunenswerte Art, wie Sie Teil dieser Kultur werden konnten. Eine Kostbarkeit, diese gerade so gefährdete Welt so nah sehen zu können. Gratulation.“ Diese Worte schrieb Roger Willemsen in einem Brief an Desirée von Trotha. Die Regisseurin war am Samstagabend zu Gast im Wasserburger Kino Utopia von Rainer Gottwald und stellte ihren neuen Film „Woodstock in Timbuktu“ persönlich vor. Ihr Werk ist ein Dokument menschlicher Würde und Verständigung.

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Von Trotha lebt jedes Jahr monatelang  in der Sahara.

Von Trotha lebt jedes Jahr monatelang in der Sahara.

Über das „Festival au Désert“ in Mali und den Touareg-Musikern, die mit ihren E-­Gitarren die Wüste beleben, konnte man in den letzten zwei Jahren immer wieder auch in der Musikpresse lesen. Filmemacherin Désirée von Trotha, die sechs Monate im Jahr in der Sahara verbringt, reiste 2012 dorthin und porträtierte die kreativen Protagonisten der Nomadenbevölkerung Kel Tamaschek. Noch diese Woche ist der Film im Utopia-Kino in Wasserburg zu sehen.

Im Gespräch mit der Wasserburger Stimme sagt die Autorin, dass es beeindruckend für sie war, als ihr neuestes Werk gemeinsam mit dem großen Gatsby in Hamburg lief – und beide Kinosäale gleich voll waren. Darüber habe sie sich sehr gefreut. Für sie sei es selbstverständlich auch aufs Land zu kommen – wie hier nach Wasserburg am Inn. Die Botschaft des Friedens für ein so fernes Land zu vermitteln – das ist ihre Intention. Mit Woodstock in Timbuktu gelingt es ihr auf großartige Weise.

TimbuktuIn den Dünen von Timbuktu in Mali treffen sich jährlich Musiker, Künstler und Kulturvertreter der nomadischen Tuareg, die sich selbst Kel Tamaschek nennen. Sie möchten gemeinsam ihrer bedrohten Kultur ein Forum geben. Trotha verbringt gut sechs Monate im Jahr in der Sahara und das schon seit über einem Jahrzehnt. Ihre Nähe und ihr Wissen um die Kultur, Ihre präzisen, respektvollen und guten Fragen an die Protagonisten des Festivals – all das macht den Film aus.

Neben den beindruckenden Bildern stellt die Regisseurin jene Fragen, die nicht nur die speziellen Lebensumstände der Wüstenvölker der Kel Tamaschek betreffen, sie stellt die Fragen auch immer an die Zuschauer, und die verfehlen ihre Wirkung nicht. Diese Fragen sind grundsätzlicher Art – und auf die ganze Welt übertragbar.

Timbuktu 2Widerstand ist einer der zentralen Begriffe, den sich die Kel Tamaschek auf ihre Fahnen geschrieben haben und dieser ist weit gefächert. Widerstand begann bereits in der Kolonialzeit, als die europäischen Mächte sich Land und Leute unterwarfen, Grenzen mit dem Lineal zogen, die Wüste zerschnitten und heute in Form von internationalen Großkonzernen Bodenschätze schürfen und das Land seiner Rohstoffe entledigt. Die Arabisierungswellen im afrikanischen Norden haben den Nomaden ebenso zugesetzt, wie die bis heute weit verbreitete Missdeutung, der Name „Tuareg“ stamme vom arabischen „Tawariq“ und bedeute „von Gott Verstoßene“. Damit und durch ihr nomadisches Leben wurden sie im muslimischen Norden Afrikas zu Außenseitern gestempelt. Die liberale islamische Auffassung der Kel Tamaschek steht im Widerspruch zu den strengen muslimischen Dogmen. Das zeigt sich allein im respektvollen Umgang mit den Frauen der Stämme.

Timbuktu 3Die nomadischen Stämme kämpfen immer noch um ihre Freiheit, für den Fortbestand ihrer Kultur, aber auch um internationale Anerkennung und Hilfe. Das Festival au Désert und die internationale Aufmerksamkeit helfen dabei. Einige der Musiker sagen, sie haben die Kalaschnikow mit der Gitarre eingetauscht. Nun sei ihre Verbitterung nicht aus Gewehrläufen, sondern in den Texten und Worten zu hören. Für die Menschen der Region bedeutet das Festival immer auch, fertig zu werden mit der Angst vor der Angst – denn hinter den Dünen herrscht im nächsten Moment schon wieder Krieg. Das Festival fällt in diesem Jahr aus. Seine Teilnehmer und Organisatoren sind auf der Flucht. Durch die politischen Unruhen und den Krieg mit islamischen Fundamentalisten im Norden Malis sind die Macher und Künstler in alle Sahara-Winde verstreut, sagt von Trotha in Wasserburg und das Festival sei „in exile“. Umso mehr ist der Film ein Appell eines vergessenen Volkes – an die Welt !

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