„Die Asylbewerber sind Teil unserer Zukunft“

Gestern Infoabend zur Integration der Flüchtlinge in die heimische Arbeitswelt

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„Arbeitgeber, die Vertreter der Schulen und des Handwerks, die Politik und die Gewerbetreibenden, dazu viele weitere interessierte Gäste – so ein bunt gemischtes Publikum hab‘ ich selten erlebt“, sagte gestern Bürgermeister Michael Kölbl bei der Informationsveranstaltung zum Thema „Wie können Flüchtlinge und Asylbewerber in die Berufs- und Arbeitswelt integriert werden?“ in der Wasserburger Mittelschule. Der Abend startete mit kurzen Referaten, gehalten von sechs Experten. Es schloss sich eine rege Diskussion an. Tenor: Wichtigster Faktor bei der Integration ist neben der Sprache die Zeit. 

Veranstaltet wurde der Infoabend vom Arbeitskreis Schule-Wirtschaft unter den Vorsitzenden Peter Rink und Wolfgang Helmdach. Dieter Haggenmiller und Jakob Grau von der Rosenheimer Arbeitsagentur, der Chef des Rosenheimer Job-Centers, Franz Heuberger, Gerhard Heindl von der Berufsschule Wasserburg, Gerhard Schloots von der Kreishandwerkerschaft und Wolfgang Janhsen von der IHK in Rosenheim führten die zahlreichen Besucher in der Aula der Mittelschule – darunter auch Asylbewerber – zum Thema hin. Alle zeigten verschiedene Möglichkeiten auf, wie die Integration der anerkannten Asylsuchenden und auch der geduldeten Flüchtlinge funktionieren könnte.

Einig waren sich alle Experten in folgenden Fakten: Die größte Hürde ist die Sprachbarriere, die gesetzlichen Regelungen sind vielfach noch zu unausgegoren und der wichtigste Faktor bei der Integration in die heimische Arbeitswelt ist die Zeit.

Hier die Zusammenfassung der Beiträge:

DSC_0799Dieter Haggenmiller von der Arbeitsagentur: „Der Freistaat hat mittlerweile 30 Millionen Euro für das Arbeitsmarktprojekt Flucht bereitgestellt. Alleine für unseren Agenturbereich gibt es 1,5 Millionen. Damit können wir die Integration unterstützen. Als Agentur allerdings nur dann, wenn es um berufliche Förderungen geht. Die sprachlichen Probleme müssen schon im Vorfeld angepackt werden. Im Übrigen schauen wir bei allen Maßnahmen immer, ob es einen bevorrechtigten Arbeitssuchenden gibt. Es wird also niemand benachteiligt.“

 

DSC_0801Jakob Grau von der Arbeitsagentur: „Wir müssen den jungen Flüchtlingen erstmal den Begriff Ausbildung erklären. Die meisten kennen das gar nicht. Unser Duales System ist ja nicht einmal überall in Europa bekannt. Für uns ist es wichtig, verschiedene Brückenmaßnahmen wie Sprach- und Orientierungskurse für verschiedene Berufsfelder anbieten zu können. Diese Maßnahme kaufen wir gerade von anderen Anbietern ein, weil wir das natürlich selbst nicht leisten können. Eines ist klar: Schnelle Lösungen wird es nicht geben.“

 

 

DSC_0803Franz Heuberger vom Rosenheimer Job-Center: „Das Hauptproblem ist die Sprache. Wir fragen uns fast täglich, wie erkläre ich einem Asylbewerber ein Formular, das ja nicht einmal die meisten Deutschen richtig verstehen. Dann wird es für uns wichtig sein, dass der elektronische Ausweis endlich eingeführt wird. Allerdings hab‘ ich so ein Ding bisher noch nicht gesehen. Wir sind gespannt, welchen Einfluss der Ausweis auf die Mobilität der Flüchtlinge haben wird. Wir können derzeit nicht abschätzen, ob viele unseren Raum verlassen werden. Im Übrigen ist die Stimmung im Job-Center eher angespannt. Viele unsere Stammkunden fühlen sich derzeit belästigt, haben Angst, gegenüber den Flüchtlingen benachteiligt zu werden.“

 

DSC_0804Gerhard Heindl von der Berufsschule Wasserburg: „Wir haben mittlerweile seit drei Jahren berufsschulpflichtige Asylbewerber. In unserem Raum, der auch den Bereich Ebersberg umfasst, gibt es derzeit 2000 junge Männer und Frauen, die nach unserer Gesetzeslage schulpflichtig sind. Deren Vorbildung ist ganz unterschiedlich. In den speziellen Klassen, die wir anbieten, liegt der Schwerpunkt auf dem Erlernen der deutschen Sprache als Fremd- oder Zweitsprache. Auch die Mathematik spielt eine wichtige Rolle. Ohne Mathe und Deutsch kommt man in keiner Berufsausbildung weiter. Wir müssen den jungen Menschen obendrein unsere Werte vermitteln, unsere Art zu leben. Das alles braucht Zeit. Das funktioniert alles nicht in drei Monaten. Aber wir sind auf einem guten Weg, haben die ersten Absolventen auch schon in eine Berufsausbildung gebracht. Unsere Lehrer sind hochmotiviert und zuversichtlich.“

 

DSC_0807Gerhard Schloots von der Kreishandwerkerschaft: „Erstmal ein Lob an unsere Berufsschulen. Es ist toll, was da im Landkreis Rosenheim und in Wasserburg geleistet wird. Bei der Integration der Flüchtlinge in unsere Handwerksbetriebe läuft alles ein wenig zäh an, aber wir starten. Die größte Hürde ist die Sprache. Und dann stellt sich vielen unsere Betriebe die Frage: Wer zahlt was? Wir haben das Problem mit dem Mindestlohn. Auch das Thema Praktika ist noch ungeklärt. Und dann muss die Frage erlaubt sein: Wie soll ein Asylbewerber alles in drei Monaten nachholen, was ein deutscher Mittelschüler sein ganzes, wenn auch junges Leben lang erlernt hat? Wir brauchen Zeit, viel mehr Zeit.“

 

DSC_0810Wolfgang Janhsen von der IHK:  „Die Integration in die IHK-Berufe, zum Beispiel in die kaufmännischen, ist natürlich fast noch schwieriger als in die handwerklichen. Die sprachlichen Anforderungen sind da sehr hoch. Wir brauchen die Regelung 3+2. Das heißt, drei Jahre intensive Ausbildung plus zwei Jahre im Beruf. Nur so haben auch die Arbeitgeber etwas von der Integration.  Wir haben deshalb einen Leitfaden mit wichtigen Punkten herausgegeben, mit denen wir die Probleme angehen wollen:  Die Vermittlung von Fachbegriffen in den verschiedenen Berufssparten, Maßnahmen, mit denen wir prüfen, wo der Asylbewerber beruflich steht, die Teilqualifikation von Bewerbern, die die Altersgrenzen überschreiten und die Schulung unserer Arbeitgeber, die natürlich vor ganz neuen Herausforderungen stehen. Eines ist klar: Die Asylbewerber sind Teil unserer Zukunft.“

Letzteres sahen auch alle Besucher des Infoabends so. Janhsen bekam für seinen Schlusssatz viel Applaus.

 

DSC_0816Im Anschluss gab es eine rege Diskussion, die der Vorsitzende des Arbeitskreises Schule-Wirtschaft und Leiter des Luitpold Gymnasiums, Peter Rink (Foto), moderierte. Bei vielen Fragen mussten auch die Experten immer weider ausweichend antworten – noch liegt das neue Integrationsgesetz nur als Entwurf vor und lässt offenbar Raum für Spekulationen.

Einen klaren Standpunkt äußerte allerdings Gerhard Schloots auf die Frage einer Teilnehmerin, ob man für die  Asylbewerber und Flüchtlinge nicht Sonderregelungen bei der Ausbildung und Prüfung schaffen könne:

„Wir haben Jahr für Jahr unsere Prüfungsanforderungen hochgeschraubt. Das Niveau jetzt runterzuschrauben, dazu sage ich klar nein. Unser Niveau schützt den Standort Deutschland. Wenn wir da Hürden fallen lassen, schaden wir uns selbst.“

Ins gleiche Horn stieß Peter Rink: „Wir sollten den Flüchtlingen helfen, sich mit unserem System zurecht zu finden und uns nicht selbst an das Niveau anderer Länder anpassen.“ 

Bürgermeister Kölbl abschließend: „Deutschland verändert sich täglich. Das ist auch gut so. Teil dieser Veränderung sind die Flüchtlinge und wir müssen und werden diese Herausforderung meistern.“ HC

 

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3 Gedanken zu „„Die Asylbewerber sind Teil unserer Zukunft“

  1. wasserbürger

    Leider hatte ich keine Zeit an dem Abend, möchte allerdings dazu sagen, dass es mich sehr freut, endlich eine sachliche und fachliche Auseinandersetzung zu dem Thema zu haben.
    Und ich bin mir sicher, um so mehr wir uns kompetent mit dem Thema
    auseinandersetzen, desto weniger Zulauf werden Populisten haben.

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    1. Monika Rieger

      Es freut mich auch sehr endlich Unterstützung von Politik und Arbeitsagentur und Jobcenter zu bekommen. Die letzten Jahre mussten wir uns im Helferkreis mehr oder weniger allein durchwurschteln und uns dann noch anhören, Flüchtlinge wollen nicht arbeiten,sondern Sozialleistungen abgreifen. Das trifft auf die meisten nicht zu. Jeder Mensch möchte Leistung zeigen und für sich selbst sorgen können.

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    2. friedhelm sdunowski

      … wünsche euch viel Erfolg, und dass die Populisten draußen bleiben ..

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