Der Schritt in ein neues Leben

Wie kann Integration funktionieren? Die Geschichte von Amed Tambourra

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Er arbeitet als Praktikant bei der „Zeislmeier“-Tankstelle in Wasserburg, besucht eine Sprachenschule in Rosenheim, sein bester Freund ist Deutscher: Die Geschichte von Amed Tambourra, der vor knapp zwei Jahren aus Mali geflohen ist, zeigt, dass die Integration von Flüchtlingen möglich ist. Durch sein eigenes Engagement und die Unterstützung seiner Freunde sowie seines Chefs überwindet Amed alltägliche und bürokratische Probleme auf seinem Weg, ein festes Mitglied in einer fremden Gesellschaft zu werden. Unser Portrait …

Wer beim „Zeislmeier“ in Wasserburg zum Tanken fährt, hat ihn bestimmt schon gesehen: Mitarbeiter Amed Tambourra. Er ist freundlich und hilfsbereit und kommt mit seinem Chef, den Kollegen und Kunden bestens zurecht. Lang und gefährlich war seine Flucht aus Mali und groß ist seine permanente Angst um seine kleine Tochter und seine Frau, die in Senegal auf der Flucht leben. Aber Amed kämpft sich durch. Er will arbeiten, deutsch sprechen, in Kontakt kommen und als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden – und er will seine Familie bei sich haben.

Die politische Lage in seinem Heimatland zwang Amed Tambourra vor knapp zwei Jahren zu dem Entschluss, eine neue Heimat für sich und seine Familie zu finden. „Zuhause in Mali ist es für uns viel zu gefährlich geworden. Ich wollte immer nach Deutschland. Viele, die ich kenne, sind nach Frankreich oder Italien geflüchtet. Aber in meinem Herzen wusste ich, dass ich in Deutschland leben möchte“, erklärt der 26-Jährige. Zurück ließ er seine junge Ehefrau und seine vierjährige Tochter, die bereits nach Senegal geflüchtet sind. Seitdem Amed in Deutschland ist, können sie nur telefonisch Kontakt halten – dementsprechend hoch sind seine Telefonrechnungen.

Der Asylbewerber unterstützt seine Familie finanziell von Deutschland aus. Seitdem er eine Arbeit hat, sendet er seiner Frau und Tochter regelmäßig mehr als die Hälfte seines Gehaltes zu. Dies funktioniert über ein kompliziertes Transfer-Verfahren.

Das Geld für seine Flucht, etwa 2500 Euro, konnte er sich über Jahre bei Malerarbeiten und als Verkäufer in seiner Heimat ansparen. Dann machte er sich auf den gefährlichen Weg: „Zuerst bin ich mit einem Auto nach Lybien gefahren. Dort musste ich das Auto hergeben. Nach einem Monat fand ich einen Kapitän, der mich nach langem Betteln auf seinem Schiff mit in die Türkei nahm“, erzählt der junge Malier.

Nach einem weiteren Monat konnte Amed mit dem Boot nach Griechenland fahren, von wo aus ihn seine Reise überwiegend zu Fuß durch Albanien, Montenegro, Serbien, Ungarn und Österreich führte – bis er endlich in Deutschland ankam. „Wenn wir zu Fuß über die Grenzen gehen mussten, sind wir kontrolliert worden. Das konnte einem ganz schön Angst einjagen. Auch wusste ich unterwegs nichts von meiner Frau und meiner Tochter“, erzählt Amed.

Die ersten Monate verbrachte der Malier in Raubling: „Mit einem Bauzaun wurden im Übergangslager die Asylbewerber nach Nationalitäten getrennt, um Streit zu vermeiden“, schildert Ameds Freund Werner Kuba die Zustände, die gerade mal ein Jahr in der Vergangenheit liegen.

Hier prallten Welten aufeinander: „Einmal brachte ein Metzger aus der Region Wiener Würste vorbei. Die konnte nur kaum einer essen – Muslime essen nun mal kein Schweinefleisch. Der Metzger hatte es nur gut gemeint, aber so eine Situation kann selbstverständlich zu Missverständnissen führen“, so Kuba.

Kuba hatte Amed damals zufällig in einer Bäckerei kennengelernt – der Flüchtling wollte dort eine Handykarte kaufen, um seine Frau anzurufen. Schnell schlossen die beiden Freundschaft. „Werner hat mir seine Telefonnummer gegeben. Aber ich konnte ja nur Französisch sprechen. Also musste mir jemand aus der Turnhalle beim Gespräch helfen. Dann hat Werner mich ab und zu abgeholt, ist mit mir an den See gefahren und hat angefangen, mir Deutsch beizubringen“, erzählt der Flüchtling.

Sein neuer Freund unterstützte Amed dabei, einen Wohnplatz zu finden. Schließlich konnte der Malier nach Eiselfing ziehen. Dort leben, verteilt auf zwei Wohnungen, sieben Flüchtlinge aus Nigerien, Mali und Pakistan. „Die Stimmung in der Wohngemeinschaft ist freundschaftlich und harmonisch“, so Werner Kuba.

Gemeinsam mit drei weiteren Freiwilligen unterstützt er die Asylbewerber bei behördlichen, aber auch alltäglichen Schwierigkeiten sowie der Verkehrserziehung: „Die meisten der Jungs haben nie Kochen gelernt. Das übernimmt in ihren Herkunftsländern traditionell die Frau, während der Mann das Geld verdient. Wir mussten ihnen zum Beispiel erklären, dass man Radieschen nicht in der Pfanne kocht – die hatten sie nämlich noch nie davor gesehen! Und ein Kohlrabi schmeckt halt auch nicht, wenn man mit Schale davon abbeißt.

Auch das mit dem Radfahren ist so eine Sache: Ein Rad hat jeder von ihnen gespendet bekommen, aber woher sollen sie denn unsere Verkehrsregeln kennen?“ Die vier Helfer besuchen die Wohngemeinschaft regelmäßig. Sie unterstützen bei Einkäufen, geben Kochkurse und wirken bei bürokratischen Angelegenheiten mit.

Wahllos sprach Amed auf seiner Suche nach Arbeit in Geschäften und auf der Straße Menschen an. Bei der Tankstelle Zeislmeier hatte er Glück: Die beiden Mitarbeiter, die der Flüchtling angesprochen hatte, stellten ihn dem Chef, Robert Zeislmeier, vor. Dieser hatte zu diesem Zeitpunkt zwar keine Stelle für den jungen Mann frei, ließ sich aber dessen Telefonnummer geben.

Nach nur zwei Wochen kam dann der Anruf: Es gibt Arbeit! Nach einem gelungenen Probepraktikum wurde Amed als Praktikant fest eingestellt. Robert Zeislmeier, Chef und Inhaber der Tankstelle, ist mit seiner neuen Arbeitskraft mehr als zufrieden.

DSC_0686Die Entscheidung, einen Flüchtling bei sich einzustellen, hat Zeislmeier sogar Kunden gekostet: „Manche Kunden kommen jetzt nicht mehr zu uns zum Tanken. Doch da muss ich sagen: Wenn ich jemanden einstelle, der motiviert und pünktlich ist und etwas auf dem Kasten hat, sind mir als Arbeitgeber Herkunftsland und Religion vollkommen egal.“

Der Unternehmer kann nicht verstehen, warum nicht mehr Firmen in der Region junge, engagierte Asylbewerber und Asylanten bei sich einstellen. „Es werden einem von den Behörden schon einige Steine in den Weg geworfen. Doch dem muss man sich halt stellen – und es lohnt sich! Wie sollen sonst unsere neuen Mitbürger in die Gesellschaft integriert werden?“ Durch sein Engagement kann Amed nun halbtags auf die Sprachschule gehen. Am Nachmittag arbeitet er in der Tankstelle. Nun möchte sein Chef im eine geringfügige Festanstellung anbieten.

„Gemeinsam mit seinem Freund Werner Kuba haben Amed und ich uns überlegt, wie es weitergehen soll. Eine Ausbildung ist meiner Meinung nach momentan nicht sinnvoll, da es noch keine integrierenden Berufsschulklassen in der Region gibt“, so Zeislmeier. Amed könne sich zwar bereits sehr gut sprachlich verständigen, jedoch fehle es ihm an mathematischen und fachlichen Grundlagen, die an der Berufsschule von Nöten sind. „Es wäre schade, wenn er seine Ausbildung nicht beenden kann, nur weil er sich noch nicht ausreichend in die Klasse integrieren kann und aufgrund seiner Herkunft nicht viel von Mathematik und uns gebräuchlichen Regelungen versteht. Bevor er da komplett untergeht, soll er erst einmal seine praktischen Grundlagen erweitern“.

Momentan kämpft der Tankstellenbesitzer mit den Behörden um eine Sonderregelung für Amed. Dieser könne nach den aktuellen Regelungen nur ein Drittel seines Gehaltes behalten – und davon sendet der junge Malier fast alles seiner Familie zu. Mit einem Sonderstatus könne er sein Gehalt im vollen Umfang sowie seinen Wohnplatz in Eiselfing behalten, müsse aber auf Zuschüsse von staatlicher Seite verzichten. „Das wäre die beste Lösung für ihn“, meint Zeislmeier.

Sein großes Ziel, endlich seine Familie wieder zu sehen, liegt für den Malier jedoch noch in weiter Ferne. „Niemand weiß, wann sich seine Frau und Tochter auf den Weg nach Deutschland machen können. Eine Flucht, wie die von Amed, wäre lebensgefährlich für die beiden“, erklärt Werner Kuba die Situation seines Freundes. Doch die bisherigen Erfolgserlebnisse des Flüchtlings sorgen dafür, dass seine Zuversicht nicht abreißt: „Ich habe hier ein Zuhause gefunden und fühle mich wohl. Aber erst wenn meine Familie hier ist, kann ich richtig glücklich und zufrieden sein.“

HF

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3 Gedanken zu „Der Schritt in ein neues Leben

  1. Irene Meissner

    Auch wir am Holzhofweg haben so tüchtige junge Männer:

    Einer hat bereits das 2. Ausbildungsjahr im Straßenbau hinter sich und die praktische Prüfung mit 2 abgeschnitten.

    Ein anderer ist bereits im 2. Jahr bei der Firma Gärtner (Spezialputzfirma) mit Erfolg tätig.

    Beiden ist es wichtig, ohne „Geld vom Staat“ auszukommen und würden auch gerne für eine eigene Wohnung aufkommen, wenn’s eine gäbe.
    Ich bin vom Patenprojekt und sozusagen ‚die Oma der Beiden‘.

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  2. Ich freue mich über diesen Bericht, das Engagement von Herrn Zeislmeier und Herrn Kuba, wünsche Herrn Tambourra auf seinem Weg alles Gute.

    Er hat mich neulich an der Tankstellenkasse freundlich und kompetent bedient und sprach schon sehr gut deutsch. Ich hätte nicht gedacht, dass er erst seit zwei Jahren in Deutschland ist.

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  3. Das Engagement vieler Flüchtlinge und der Helfer ist einfach toll. Nur so kann Integration wirklich funktionieren. Das bringt uns alle weiter! Leider wird das auf diese Art und Weise nur funktionieren, wenn die Anzahl der Flüchtlinge begrenzt wird. Oder schaffen wir das auch, wenn noch einige Hunderttausend dazukommen? Vermutlich nicht mehr. Das wäre schade.

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