„Das ist kein Straßenfest, sondern Arbeit“

Prof. Dr. Klaus Jürgen Bade aus Berlin sprach beim Heimatverein über Flüchtlingskrise

 „Abwehrhaltungen und Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise“ – so lautet der Titel eines Vortrags, der außergewöhnlich viele Interessierte in den Wasserburger Rathaussaal lockte. Gastredner war kein Geringerer als Prof. Dr. Klaus Jürgen Bade aus Berlin, der auf Einladung des Heimatvereins nach Wasserburg gekommen war. Der Migrationsforscher, Publizist und Politikberater ist unter anderem Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und des bundesweiten interdisziplinären Rates für Migration (RfM). Tenor seines Vortrags: „Integration von Flüchtlingen, das ist keine entspannte Rutschpartie zum fröhlichen Straßenfest, sondern harte Arbeit.“

Professor Bade ging in Wasserburg unter anderem auf folgende Fragen ein: Was waren und sind die Hintergründe der sogenannten Flüchtlingskrise? Woher kommen die Abwehrhaltungen in weiten Teilen der Bevölkerung? Worin liegen die Unterschiede zwischen der politisch von oben gestifteten Willkommenskultur und der von unten entstandenen bürgergesellschaftlichen Willkommensbewegung? Und er gab darauf auch unbequeme Antworten. Bade:  „Mit Anfang 70 habe ich keine Lust mehr auf fragwürdige Kompromisse. Ich hau‘ auch mal mit der flachen Hand in die Suppe.“

Sein Referat gliederte er in fünf Unterpunkte: Flüchtlingskrise, Akzeptanz  und Abwehr, Integrationskrise, Willkommenskultur und Verfall des humanitären Wertesystem.

Zur Flüchtlingskrise allgemein sagte der Professor, wann, wo und wie Flüchtlingsstrom einsetzen würde, das war nicht abzuschätzen, „aber dass er kommt, das war klar“. Soziale, ökologische, ökonomische, klimatische, religiöse und politische Auseinandersetzungen seien weltweit Nährboden für Flucht. Das größte Problem dabei sei, das viele Flüchtlinge oft nicht den Ausbildungsstand der aufnehmenden Gesellschaft hätten. „Nachholende Integration durch Bildung ist aber möglich.“ Bildung sei von Anfang an wichtig und egal, wie die Aussicht auf Bleiberecht stünden.

Zum Thema „Akzeptanz und Abwehr“ sagte Professor Bade, er habe Hochachtung vor Bundeskanzlerin Merkel. Mit ihrem „Wir schaffen das“ habe sie viele Ehrenamtliche aktiviert. Ein Fehler sei aber gewesen, dass keiner darauf geachtet habe, die Mehrheitsgesellschaft auf dem Weg zu bunter Mischung mitzunehmen. „Eine schrumpfende, aber umso lärmendere Gruppe von Kulturpessimisten, die den Untergang des Abendlandes wittern malen den Teufel an die Wand. Unsere alternde Gesellschaft braucht aber Einwanderung“, so Professor Bade.

Die Prognose des Experten für die kommenden Jahre: „60  Prozent der Flüchtlinge werden mehr oder weniger lange im Land bleiben. 38 Prozent der Bundesbürger rechnen mit Gelingen der Integration in den Arbeitsmarkt, 58 Prozent mit dem Misslingen. Je geringer das Bildungsniveau der Deutschen, desto größer die Angst vor der Konkurrenz.“ Was durchaus nicht ganz unbegründet sei.

Er sei dennoch zuversichtlich, dass die Integartion klappen könne. „Unsere Kommunen können Integration. Die machen das seit der Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg. Ob Gastarbeiter oder Spätaussiedler – unsere Kommunen haben das immer geschafft. Die brauchen keine Ratschläge, aber sie brauchen Geld.

Der Professor weiter: In ganz Deutschland hätten auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise Ehrenamtliche angepackt und den „schwimmenden Behörden den Arsch gerettet“. Professor Bade nannte dies eine  „Sternstunde der Demokratie“. Das Ausland habe 2015 dann fassungslos auf Deutschland geblickt, wo brennendes Engagement auf brennende Unterkünfte traf. 2016 sei man jetzt auf einem „Alltagsplateau“ gelandet. Die Aufgaben der Ehrenamtlichen hätten sich gewandelt, sie würden sich jetzt oft im Behörden- und Gesetzesdschungel aufarbeiten.

„2016 schienen die Warnungen vor einem Kippen der Stimmung zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden, auch Dank Boulevard und sozialer Netzwerke“. so der Professor. Man müsse den Rechtsstaat so aufstellen, dass er Gefährder nicht nur beobachte, sondern auch bekämpfen könne. „Aber Sicherheit schafft man nicht dadurch, dass man jeden Flüchtling misstrauisch beäugt.“

Seine Devise für die Zukunft: „Helfen, retten, teilen, der Stimmungsmache widerstehen und voneinander lernen – sonst ist humanitäres Verhalten am Ende. Die Willkommenskultur der Bürgerschaft war ein echtes Leuchtfeuer.“ RED

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