Auf der Spur der Displaced Persons

Stadt und Sparkasse unterstützen Forschungsprojekt des Instituts für NS-Forschung

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P1050484_kWasserburg – Die Stadt sowie die Kreis- und Stadtsparkasse Wasserburg fördern und unterstützen neben einigen weiteren lokalen und überregionalen Institutionen das Forschungsprojekt über die so genannten Displaced Persons (DP)-Camps in Gabersee und Attel des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dieser Tage überreichten Bürgermeister Michael Kölbl (2. von rechts) und Vorstandsvorsitzender Richard Steinbichler (rechts) dem Projektverantwortlichen vom Nürnberger Institut die Zuwendungen der Stadt sowie der Sparkasse Wasserburg in Höhe von 5000 Euro.

Beantwortet wurden im Anschluss Fragen zum Forschungsprojekt sowie zum derzeitigen Projektstand.

Einige Hintergründe zum Forschungsprojekt nannte Stadtarchivar Matthias Haupt (Foto links):
Zwischen 1946 und 1950 verwandelten sich die Gebäude der Klinik Gabersee sowie des Klosters Attel in autonome jüdische Wohngebiete mit weit über 2.000 Bewohnern. Dabei handelte es sich um Überlebende des Holocaust aus der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und Rumänien. Die an Leib und Seele verletzten Menschen wollten Europa so schnell wie möglich verlassen. Die Mehrheit sah eine gesicherte Zukunft nur in einem eigenen Staat. Doch die britische Mandatsmacht im damaligen Palästina ließ keine jüdische Masseneinwanderung zu; auch die klassischen Emigrationsländer, wie etwa die USA, Kanada oder Australien hielten ihre Türen fest verschlossen. Daher mussten die Juden für einige Jahre in den DP-Camps ausharren. In dieser Zeit kam es in den „Wartesälen“ zu einer kurzen Blüte des in Europa nahezu völlig vernichteten jüdischen Lebens.

Die DP-Lager Gabersee und Attel unterstanden offiziell der Verwaltung der UN-Hilfsorganisation United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), doch erlaubte die US-Militärregierung den Bewohnern eine weitgehende Autonomie. Jedes Jahr wählten die DPs ihre Selbstverwaltung. Die Administration war ähnlich wie eine Gemeinde organisiert. Der Komitee-Vorsitzende übte quasi das Amt eines Bürgermeisters aus, dem zahlreiche Fachreferenten etwa für Arbeit, Kultur, Soziales, Religion oder Medizin zur Seite standen.
Es wurde eine eigene Volksschule, ein Kindergarten sowie eine Berufsschule eröffnet. Auch das Ausüben der lange verbotenen jüdische Religion ist nachweisbar: Man richtete eine Synagoge, eine Jeschiwa (Jüdische Religionshochschule), eine Mikwe (Ritualbad) und eine Koschere Küche ein. Die Freizeit verbrachten die DPs in der lagereigenen Bibliothek oder im Sportverein, wo Boxen, Tischtennis und Fußball angeboten wurde. Die Mannschaft von Makabi Attel spielte in der 2. jüdischen Liga im Rajon München. Das Team von Hakaoch Gabersee kickte sogar in der 1. Jüdischen Fußball-Liga der US-Zone.

Die Erforschung der Geschichte der „Sheerit Haplejta“ (Rest der Geretteten) zwischen 1945 und 1950 gehört zu den Schwerpunktthemen des Nürnberger Instituts.  Schon 2006 erschien mit „Heimat auf Zeit. Jüdische Kinder in Rosenheim 1946-47“ eine Publikation über das Zentrale jüdische Kinderlager in Rosenheim. Dort wurden bis zu 1.600 zumeist Waisen untergebracht. Kürzlich wurde das Projekt Internetlexikon (dt./engl.) www.after-the-shoah.org, in dem alle jüdischen DP-Camps/Communities in der US-Zone verzeichnet sind, abgeschlossen. Das Nürnberger Institut ist eine vom Finanzamt Nürnberg anerkannte gemeinnützige Forschungseinrichtung und erhält keine Grundfinanzierung durch öffentliche Einrichtungen.

Umso wichtiger war und ist es daher, dass das aktuelle Projekt zur Erforschung der Wasserburger DP Camps neben den nun zu überreichenden Förderungen durch die Stadt Wasserburg a. Inn mit dem Stadtarchiv als Projektpartner des Nürnberger Instituts sowie der Kreis- und Stadtsparkasse Wasserburg a. Inn bereits Unterstützung durch folgende Organisationen erfahren hat: Umwelt-, Kultur- und Sozialstiftung des Landkreises Rosenheim, Heimatverein für Wasserburg a. Inn und Umgebung (Historischer Verein) e.V., Bayerische Einigung und Bayerische Volksstiftung, Wasserburger Molkereien Bauer und MEGGLE, Erlös eines Benefiz-Konzerts der Klesmergruppe Mesinke.

tobias jimZur Erforschung der Displaced Persons (DP) Camps Gabersee und Attel sind aufwendige Quellenrecherchen in internationalen Archiven notwendig gewesen. Mit Hilfe der Förderungen konnten u.a. die Auswertungen in folgenden Archiven erfolgen: American Jewish Joint Distribution Committee (New York), UN-Archive (New York), YIVO-Institute (New York), Wiener Library (London), Machon Lavon Institute (Tel Aviv), Yad Vashem (Jerusalem), Central Zionist Archive (Jerusalem), United States Holocaust Memorial Museum (Washington DC), Sydney Jewish Museum (Sydney), Archiv des International Tracing Service (Bad Arolsen), TU-Berlin/ZfA (Berlin).

Im Ergebnis des Forschungsprojektes wird eine Buchveröffentlichung stehen, die voraussichtlich Anfang 2016 stattfinden wird. Eine Buchvorstellung wird es auch in Wasserburg geben. MH

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