Auch nach 119 Jahren: Lange nicht Schluss

Margarete Kölbl führt seit heute Friseusalon Postler&Kölbl weiter - Bewegende Geschichte

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P1040250Hans Postler lacht: „Ich hab’s mal ausgerechnet: Meine Frau hat in den letzten Jahrzehnten wohl mehr als sechs Mal den Kilimandscharo bestiegen.“ Beim Blick auf die schmale Wendeltreppe, die Christl Postler seit 63 Jahren in ihrem Friseursalon in der Wasserburger Schustergasse fast täglich rauf und runter steigt, weiß man, dass das eine echte sportliche Meisterleistung ist. Im kommenden Jahr feiert der kleine, aber feine Laden sein 120-jähriges Bestehen. Und das Bestehen ist auch weiter gesichert, denn am Freitag übernahm Margarete Kölbl die Geschäfte von ihrer Tante Christl. 

 

P1040260Die Treppe verbindet die Teile des kleinen Salons, die früher in Herren- und Frauenabteilung getrennt waren. „Für Herren und Damen gab’s früher sogar zwei getrennte Eingänge. Die Männer warteten auf einer langen Bank, die in der Färbergasse aufgestellt war, bis sie an die Reihe kamen“, erinnert sich Christl Postler, die in ihrem Friseursalon noch jede Menge Friseur- und Badeutensilien aus längst vergangenen Tagen über die Jahrzehnte hinweg gerettet hat. „Auch an unserer Einrichtung haben wir nicht viel verändert. Sie stammt aus den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts, war damals ausgesprochen schick und ist heute fast schon wieder richtig modern.“

Zu den alten Handwerkszeugen aus dem Friseursalon in der Schustergasse zählen unter anderem eine Zahnreiß-Zange aus den Zeiten der Baderei und so genannte Onduliereisen, mit denen man früher den Damen schicke „Pariser Locken“ ins Haar zauberte. „Dafür brauchte man viel Fingerspitzengefühl. War das Eisen zu heiß, waren die Haare beim Teufel.“

Mit ihren 78 Jahren ist Christl Postler, Friseurin aus Leidenschaft, längst nicht müde. „Aber irgendwie muss ich ja doch mal in den Ruhestand gehen.“ Und da war schnell die Idee geboren: Nichte Margarete Kölbl, die Frau von Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl und selbst Friseurmeisterin, übernimmt das Geschäft. Und weil die Tante noch längst nicht des Treppensteigens müde ist, hilft diese gerne weiter im Laden aus.

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Der Friseuersalon von Margarete Kölbl ist immer dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

 

Hans Postler hat zum 100-jährigen Bestehen des traditionsreichen Friseursalons 1996 die Geschichte folgendermaßen zusammengefasst: 

Die Geschichte des Friseursalons Postler&Kölbl, der am Pfingstmontag 1996 seinen 100. Geburtstag feierte, beginnt mit folgender Vorgeschichte:  In einer Annonce im Wasserburger Anzeiger vom 5. Oktober 1892 war zu lesen: „Nachdem ich meinem Gehlfen wegen häuslicher Zwistigkeiten gekündigt habe, derselbe aber aus Hass meinen werthen Kundschaften vorschwindelte, ich gäbe mein Geschäft auf, was aber nicht der Fall ist, bitte ich meinen verehrlichen Herrn Kunden, mich ferner empfohlen sein zu lassen, indem ich einen ganz verlässigen Geschäftsführer erhalten habe. Mit vollster Hochachtung Anna Krämer, approb. Baders-Witwe.“

Stilgerecht: Selbst das Telefon hat historischen Wert - funktioniert aber natürlich.

Stilgerecht: Selbst das Telefon hat historischen Wert – funktioniert aber natürlich.

Von dieser approbierten Baderswitwe kauften Georg und Juliane Millauer, die Großeltern von Christl Postler, beziehungsweise die Urgroßeltern von Magarete Kölbl, im Jahre 1896 das Anwesen Nummer 50 in Wasserburg. Straßennamen gab es in der damaligen Urkunde noch nicht. Mit einer eignen Urkunde des Sradtmagistrats wurde dem Ehepaar Millauer das Heimat- und Bürgerrecht der Stadt Wasserburg verliehen.

Mit eingeschlossen im Hauskauf war der Baderbetrieb mit Inventar. Die im Inventarverzeichnis aufgeführte Handmangel versah 100 Jahre zuverlässig ihren Dienst und steht heute im Heimatmuseum. Juliane Millauer stellte nach dem frühen Tod ihres Mannes einen Wandergesellen namens Karl Vogt ein und heiratete ihn später. Zu den Tätigkeiten eines approbierten Baders gehörte bis kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs das Wundversorgen, Zahnreißen, Blutegel- und Schröpfkopfsetzen und der Aderlass. Für dringende Fälle gab es eine Nachtglocke.

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Die Tochter von Margarete, Julia Kölbl, mit alten Zeitungsausschnitten.

Auf einem alten Foto ist zu erkennen, dass eine Ortskrankenkasse gleich im Haus war. Christl Postler hatte als kleines Mädchen oft beim Aderlassen zugeschaut und hielt den Kupferpfennig bereit, mit dessen Hilfe dann ein Pressverband angelegt wurde. Sie war auch dabei, als ihr Onkel Franz-Xaver Hofer einmal am Sonntagvormittag dem Elektromeister Georg Spenger einen wehen Zahn zog. Nach der Erweiterung des Baderbetriebes zum Friseursalon war es selbstverständlich, dass dieser Montag bis Samstag von 8 bis 19 Uhr und am Sonntag von 9 bis 12 Uhr geöffnet war. Vor dem Kirchgang ließen sich die feinen Damen noch schnell auffrisieren!

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Christl Postler mit dem Bild ihrer Mutter.

Im Jahre 1929 eröffnete Carla Meyer, die Mutter von Christl Postler, in dem bestehenden Herrenfriseurgeschäft einen Damensalon. Erst drei Jahre später wurde der erste Dauerwelle-Apparat installiert, der von den Kundinnen allerdings Halsfestigkeit verlangte: Ihr Eröffnungsangebot: „Pariser Locken“ mit dem Onduliereisen. War doch jeder einzelne eiserne Lockenwickler mit einer eigenen Stromzuteilung verbunden. Das Geschäft bestand jetzt aus dem Badersbetrieb, dem Damen- und Herrensalon, und auch ein eigens patentiertes Kletten- und Brennessel-Haarwasser wurde hergestellt und vertrieben.

P1040254Ein Aufdruck auf den Flaschenetiketten garantierte den Erflog nach Anwendung von ein bis zwei Flaschen zu zwei Mark. Auch Tabakwaren wurden früher in dem Geschäft verkauft. Bis in die 50er Jahre waren Männer und Frauen noch strenggetrennt: Im Erdgeschoss, auf einer langen Bank wartend und Witze erzählend, die Männer, im ersten Stock die Frauen. Heute sitzen beide einträchtig nebeneinander.

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Ein Gedanke zu „Auch nach 119 Jahren: Lange nicht Schluss

  1. Erna Schraner-Kölbl

    Grüezi, als Ausland-Deutsche bzw. Wasserburgerin finde ich es natürlich mega interessant über meine Heimatstadt, deren Bewohner und den Geschehnissen „up to date“ sein zu können. Der Artikel über den Friseursalon meiner Schwägerin ist originell, informativ und erfolgsversprechend! Merci vielmal.

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