Als Wasserburg noch am Schwarzen Meer lag

Das Objekt des Monats Mai im städtischen Museum Wasserburg

image_pdfimage_print

Schiffzug_kDiesen Monat stellt das Museum Wasserburg ein Gemälde vor: Die Reiterei eines Schiffzugs kämpft sich stromaufwärts den steinigen Ufergrund empor. Der Stangenreiter blickt mit sorgenvollem Gesicht auf die Rossknechte, die die Pferde antreiben. Hinter ihnen liegen zwei beladene Plätten tief im Wasser. Auf ihnen sind noch die Steuermänner zu erkennen. Links dahinter erheben sich die Wasserburger Burg, die Spitzen der Kirchtürme und die Innfronnt. Über allem thronen die Innleiten.

 

Das Bild wurde vom Wasserburger Malermeister Georg Breit sen. (1837-1917) Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts gemalt. Breit restaurierte auch Kirchen und widmete sich der dekorativen Malerei. Er schuf das Gemälde nach einer Vorlage von Heinrich Bürkels (1802-1869) Gemälde „Schiffszug bei Rattenberg in Tirol“ aus dem Jahr 1825. Heinrich Bürkel war ein bekannter deutscher Landschaftsmaler des Biedermeier. Später in München ansässig, malte er hauptsächlich Landschaften und Darstellungen aus dem Volksleben der Alpen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zählten Carl Spitzweg und Adalbert Stifter zu seinen Freunden und er erhielt 1958 die Ehrenmitgliedschaft der Münchner Akademie.

 

Das Tafelgemälde Bürkels, das ursprünglich in der Nationalgalerie Berlin aufbewahrt wurde, gilt heute als verschollen. Zuletzt wurde es 1941 in den Flakturm des Zoologischen Gartens Berlin ausgelagert. Nur eine Schwarz-Weiß-Fotografie im Bildarchiv des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte in Marburg hat sich erhalten.

 

Bei genauerem Vergleich fällt auf, dass Breit die Komposition der Figuren und Schiffe übernommen und sie schlicht in die Wasserburger Kulisse versetzt hat. Während das Original nur ein Schiff, im rechten Bildhintergrund die Burgruine Rattenberg und im rechten Bildvordergrund ein Anwesen in Tiroler Bauart zeigt, ist bei Breit die Landschaft des östlichen Innufers eingezogen. Auf diese Weise gewann Breit auch Platz für ein zweites Schiff.

 

Das Gemälde Breits kam 1954 als Geschenk der Familie Nähbauer ins Museum. Der Kalkbrenner Johann Nähbauer betrieb als letzter die Innschifffahrt, indem er leere Plätten stromaufwärts ziehen ließ, um im Raum Kiefersfelden Kalksteine zu holen, die er in Wasserburg zu Kalk brannte. Das Pferdegeschirr im Museum geht ebenfalls auf ihn zurück. Zu den letzten Neuzugängen im Bereich der Innschifffahrt gehören einige Übereignungen der St. Nikolai-Schiffleut-Bruderschaft Wasserburg wie der Werkzeugkasten eines Schoppers und weitere Werkzeuge für den Schiffsbetrieb.

 

Auch wenn Wasserburg heute nicht mehr die große Handelsmetropole am Inn ist, an deren Lände die großen Schiffzüge anlegen, so macht sich doch ihre internationale Vernetzung im Straßenbild bemerkbar. Menschen aus 75 Nationen leben in der Stadt. Heute führen sie der Arbeitsplatz, die Nähe zu einem geliebten Menschen, die Ausbildung aber auch Flucht und Vertreibung hierher.

 

Das Nationenfest, das am morgigen Samstag, 31. Mai wieder im historischen Zentrum stattfinden wird, macht diese Internationalität sichtbar und erlebbar. Um auch die jüngeren Besucher mit der europäischen Dimension der Geschichte ihrer Heimatstadt vertraut zu machen, gibt es einen besonderen Programmpunkt: um 15:15 Uhr wird Stadtführerin Irene Kristen-Deliano Kinder in eine Zeit entführen, in der die Kontakte der Wasserburger Landesherren bis weit nach Ungarn reichten und hier Waren aus dem Schwarzmeerraum und Venedig ankamen.

Später haben die Teilnehmer die Möglichkeit, mit Andrea Ernst eine Flaschenpost zu gestalten und sie am Inn zu Wasser zu lassen. Von dort findet sie hoffentlich ihren Weg bei Passau in die Donau, vielleicht auch durch Österreich und Ungarn hindurch und an Rumänien und Bulgarien vorbei ins Schwarze Meer und an seine Strände – also an Orte und Länder, zu denen wir schon lange eine Beziehung haben.

 

Schiffzug_kk

Abbildungen: Georg Breit: Ungarischer Schiffzug bei Wasserburg. Öl auf Holz. Ende 19./ Anfang 20. Jahrhundert.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.