Wer ist denn nun verantwortlich?

Gedanken von Regisseur Uwe Bertram zur Musiktheater-Trilogie

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_DSC035_610>> Als Regisseur ist man immer auf der Suche nach einer Formensprache, um sich zu entäußern. Aus dem Grund habe ich in der Vergangenheit schon mehrfach Schauspiel mit Tanz verknüpft. Jetzt hat es mich interessiert, Schauspiel mit Musik zu verknüpfen. Das Musiktheater zwingt einen ja geradezu in eine bestimmte formale Entäußerung. Der spezielle Reiz, mich den drei Waits/Wilson-Produktionen „The Black Rider“, „Alice“ und „Woyzeck“ zu widmen, lag für mich darin, herauszufinden, was Tom Waits und Robert Wilson in ihrer künstlerischen Zusammenarbeit bewogen haben könnte, eben genau diese drei Stücke zu machen. Worin lag die Intention? Wieso haben sie genau diese Themenkreise umgesetzt?

 

Ich habe mich mit Dramaturgen und dem Ensemble auf die Suche begeben, was in den Stücken zu finden ist. Und ich habe etwas gefunden. Etwas, was nicht das sein muss, was Waits und Wilson gesucht haben. Aber für mich bin ich zu einem Ergebnis gekommen: Es schien mir auffällig, dass sich bei allen Hauptfiguren – Wilhem, Dodgson und Woyzeck – eine Frage ergibt, die sich für mich grundsätzlich für jedes Individuum stellt: Bin ich selbst für meine Handlungen verantwortlich?

Oder sind es die Umstände oder Gott oder der Teufel, wobei für mich die Gott-Teufel-Unterscheidung bedeutet, welche Seite zum Schwingen kommt. Musste Wilhelm also durch einen Betrug seine Braut gewinnen? Oder hätte er es durch Eigenbestimmung durchsetzen können? Das Stück lehrt uns, dass der Betrug die falsche Wahl war. „Einen ehrlichen Mann betrügt man nicht, auf den Leim geht dir nur ein Bösewicht.“ Bei Dodgson, der unter dem Namen Lewis Carroll als Autor von „Alice im Wunderland“ bekannt wurde, wird es allerdings spannend: Er hatte eine Obsession. Er wurde aber nie übergriffig, lebte seine Neigung nicht physisch aus. Er setzte sie in Bilder und Geschichten um. In diesem Fall würde ich sagen, jemand hat eine richtige Entscheidung getroffen. Er hat jedenfalls nicht behauptet, irgendjemand sei schuld, dass er kleine Mädchen verführt. Er wurde sicher damit konfrontiert. Aber vielleicht verdanken wir genau seinem inneren Kampf diese wunderbaren Geschichten.

Büchners Leistung wiederum war, dass er aufzeigte, wie gesellschaftliche Umstände Menschen zum Handeln bringen. Woyzeck ist arm, er wird ausgebeutet, für medizinische Experimente missbraucht und verliert seine Frau an den Tambourmajor. Trotzdem stelle ich die Frage: Können Gott und Teufel oder Umstände als Begründung dienen, um einen anderen Menschen zu töten? Nein. Der Mensch sollte trotz allem in der Lage sein, einen anderen Menschen nicht zu töten. Jeder sollte seine Situation mit allen Problemstellungen für sich selbst bewältigen und die Schuldfrage nicht nach außen verlagern. Man wird als Mensch nicht entschuldet durch ein Wirken von Gott, Teufel oder Gesellschaft. Einer der schwierigsten Sätze für mich: „Ich konnte ja nicht anders.“ In den drei Waits/Wilson-Produktionen sehen wir drei Individuen genau in diesem Konflikt: Kann ich anders – oder nicht? Ich sage, es geht. Ich sage, ich kann meine Probleme selbst lösen, es muss nicht jemand anderes dafür herhalten.

Im klassischsten Sinne würde ich behaupten, ich bin wohl ein Humanist. Ich glaube an einen inneren Kodex, an ein ethisches Bild, an Katharsis. Und halte es dementsprechend für möglich, dass wir in der Welt ein paar Schritte weiter kämen, wenn diese Haltung weiter verbreitet wäre. Stücke, wie die drei vorliegenden, sind ja immer nur Beispiele. Der Witz von Theater liegt darin, dass Fragestellungen komprimiert und auf die Spitze getrieben werden. Im Leben mag es nicht immer um Leben und Tod gehen. Obwohl … Mein Lieblingsspruch ist ja: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“<<

Foto: Christian Flamm

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