„Unsere Heimat soll den Fußball feiern“

Zehn Jahre BFV-Präsident: Unser Interview mit Rainer Koch

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Rainer KochSein größter Wunsch ist es, dass in ganz Bayern der Fußball gefeiert wird – dass dieser schöne Sport in Fröhlichkeit und Gemeinschaft gelebt wird“. Seit genau zehn Jahren steht Rainer Koch an der Spitze des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) und leitet zusammen mit dem Präsidium und dem Vorstand die Geschicke des größten DFB-Landesverbandes. Jetzt feierte der 55-jährige Jurist aus Poing sein Jubiläum. Im Interview spricht Koch über seine Jugendzeit, den Weg an die Spitze, turbulente Wochen vor seiner Wahl und verrät, was ihn in seiner Funktion am meisten bewegt.

Spieler beim Kirchheimer SC, gleichzeitig Schiedsrichter und Jugendtrainer, später Jugendleiter. Herr Koch, Sie waren scheinbar schon in Ihrer Jugend und dann als junger Erwachsener „fußballverrückt“.

 

Rainer Koch: Ich finde seit jeher alle Facetten des Fußballs faszinierend und damals habe ich mich praktisch in allen Bereichen ausprobieren wollen. Ich bin dann im zweiten Erwachsenenjahr aber zur Erkenntnis gekommen, dass ich im Schiedsrichterbereich mehr Spaß und Erfolg haben würde. Deswegen habe ich in der Ersten Mannschaft beim Kirchheimer SC aufgehört und war dann fünf Jahre lang Schiedsrichter in der Bayern- und Landesliga, damals der dritt- bzw. vierthöchsten Spielklasse. Nach Ende meines Jurastudiums merkte ich während der Referendarzeit schnell, dass sich der Spitzenschiedsrichterbereich nicht mit dem weiteren beruflichen Weg zum Richter vereinbaren lassen würde und beendete deshalb frühzeitig im Jahr 1986 meine aktive Schiedsrichterkarriere. Danach war ich dann nach Erwerb der B-Lizenz (heute C-Lizenz) einige Jahre A-Juniorentrainer bei Falke Markt Schwaben.

 

Sie waren von 1982 bis 1986 mit 23 Jahren bereits Beisitzer im Münchner Schiedsrichter-Ausschuss. Was hat Sie schon so früh an der Funktionärsarbeit gereizt?

 

Rainer Koch: Es hat mich immer interessiert, Fußball zu gestalten und zu organisieren. Egal, ob als Jugendtrainer im Verein, als Jugendleiter oder im Schiedsrichter-Ausschuss. Deswegen war und ist es heute für mich nach wie vor die schönste Aufgabe, Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes zu sein. Insofern war das damals eine logische und natürliche Entwicklung.

 

Haben Sie zu der Zeit denn darüber nachgedacht, vielleicht mal als Präsident an der Spitze des BFV zu stehen?

 

Rainer Koch: Man ist gut beraten, nicht immer jeden nächsten Schritt zu planen. Entscheidend ist, dass man die jeweils anstehenden Schritte und Projekte optimal bewältigt und Funktionen bestmöglich ausübt. Dann ist es im Fußball so, dass sich auch immer wieder neue Chancen auftun. So war es in meinem Fall auch.

 

Das heißt?

 

Rainer Koch: Als ich beruflich Richter geworden bin, war es sicher für Alfred Fackler, damals Oberbayerns Bezirksvorsitzender, naheliegend, mich in irgendeiner Art und Weise wieder ins Verbandsleben einzubinden. Er hat mich gefragt, ob ich aufgrund meiner bisherigen Tätigkeiten im Fußball und für den Verband, gepaart mit meiner Berufsausbildung, nicht in die Sportgerichtsbarkeit gehen will.

 

Und Sie haben zugesagt…

 

Rainer Koch: Ja, ich habe ab 1990 gerne als Jugend-Sportgerichtsvorsitzender im BFV-Bezirk Oberbayern mitgearbeitet. Zunächst tatsächlich nur aus Liebe zum Fußball und Spaß an der Verbandsarbeit. Es war ja überhaupt nicht absehbar, dass das mit weiteren Schritten verbunden sein würde. Der Weg in den DFB und die DFB-Sportgerichtsbarkeit wurde zum Beispiel nur deshalb zum Thema, weil der damalige stellvertretende Vorsitzende des BFV-Verbands-Sportgerichts und DFB-Sportgerichtsbeisitzer Günter Moosreiner kurzfristig aus den Funktionen ausgeschieden ist. Nur deswegen konnte  ich 1996 Beisitzer im DFB-Sportgericht werden. Ansonsten wäre ich dann 1998 sicher auch nicht Vorsitzender des DFB-Sportgerichts geworden. Wer weiß, wie dann der Weg weitergegangen wäre. Deswegen kann man so was gar nicht planen.

 

Letzte Zwischenetappe beim BFV vor dem Präsidentenamt war der Vorsitz des Verbands-Sportgerichts von 1998 bis 2004. Und dann wurde es richtig turbulent. Wie war das damals 2004, als Sie BFV-Präsident geworden sind? Nur wenige kennen die Abläufe im Detail.

 

Rainer Koch: Es war eine spannende Zeit. Nach seiner Wiederwahl zum BFV-Präsidenten im Sommer 2002 war Heiner Schmidhuber sehr bald klar, dass er sich in seiner letzten Amtsperiode befand und dass er rechtzeitig für eine geordnete Nachfolge sorgen wollte. Er hat längere Zeit nach dem richtigen Zeitpunkt und Ort gesucht, um mich über seinen noch keineswegs offiziell angekündigten Rückzug als BFV-Präsident für das Jahr 2006 zu informieren.

 

Doch es kam dann eher zufällig…

 

Rainer Koch: Genau. Am 19. Juni 2004 in Portugal spielten bei der EM Deutschland und Lettland in Porto gegeneinander. Ich war für die UEFA-Disziplinarkommission vor Ort und habe Heiner, der mit dem DFB-Vorstand da war, angeboten, das Spiel mit mir zusammen auf der Tribüne zu verfolgen. Da waren wir für über zwei Stunden ganz unter uns. Wir haben an diesem Tag zum allerersten Mal ein langes und intensives Gespräch über die Lage des Amateurfußballs in Bayern und die Zukunft des BFV geführt. In der Halbzeitpause hat Heiner die zentrale Frage nach der künftigen BFV-Führung angeschnitten und mich in seine Überlegungen eingeweiht, beim Verbandstag 2006 nicht mehr kandidieren und mich als seinen Nachfolger vorschlagen zu wollen.

 

Der Plan ging zumindest in dieser Form nicht auf.

 

Rainer Koch: Das ist richtig. Nach dem katastrophalen Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der EM haben sich die Ereignisse im DFB überschlagen. Es gab fast über Nacht gravierende Veränderungen an der DFB-Spitze. Theo Zwanziger rückte als DFB-Präsident in eine Doppelspitze zu Gerhard Mayer-Vorfelder auf und Heiner sollte ihm als neuer DFB-Schatzmeister nachfolgen.

Am 23. Oktober 2004, auf dem DFB-Bundestag in Osnabrück, wurde Heiner dann auch gewählt. Wegen satzungsmäßiger Unvereinbarkeit der beiden Ämter war er zum Rücktritt als BFV-Präsident gezwungen. In Bayern musste also umgehend ein neuer Präsident her. Da war es natürlich gut, dass wir drei Monate zuvor schon über seine Nachfolge gesprochen und uns sachlich und personell über die Zukunft des BFV verständigt hatten. So fiel es Heiner leicht, mich zwei Wochen später, am 6. November 2004, auf dem außerordentlichen BFV-Verbandstag gemeinsam mit seinen Kollegen im Präsidium, die mich ebenfalls alle unterstützten, als seinen Nachfolger vorzuschlagen. Glücklicherweise war ihr Votum so überzeugend, dass ich von den Delegierten einstimmig gewählt wurde.

 

Was fast niemand weiß: Alfred Fackler, damals Vizepräsident des BFV, war 15 Tage lang Übergangspräsident. 

 

Rainer Koch: Das stimmt. Das war schon ein wenig kurios. Drei verschiedene BFV-Präsidenten in drei Wochen – ich nehme an, dass so eine Konstellation einmalig bleiben wird. Speziell Alfred Fackler bin ich sehr dankbar, dass er sich in diesen Wochen übergangsweise zur Verfügung gestellt und mich darüber hinaus gerade in meiner Anfangszeit stets mit Rat und Tat begleitet hat.

 

Was hat Ihnen Heiner Schmidhuber mit auf den Weg gegeben?

 

Rainer Koch: Das Wissen, dass ein solider Haushalt grundlegend für eine erfolgreiche Verbandsführung ist. Nur so können innovative Projekte auf den Weg gebracht werden. Wenn du heute nicht weißt, wie du morgen die Ausgaben gegenfinanzieren sollst, dann ist es von vorneherein schwierig. Dann kann ein Verband auch sportpolitisch nicht gut geführt werden.

 

Unmittelbar nach der Wahl, was war da Ihre wichtigste Aufgabe?

 

Rainer Koch: Als erstes musste die überfällige, über sechs Millionen Euro teure Sanierung der Verbandszentrale in der Brienner Straße in Angriff genommen werden. Daneben galt es, die Konsolidierungsmaßnahmen von Heiner Schmidhuber mit Blick auf die Sportschule Oberhaching zum Abschluss zu bringen und zugleich die von ihm noch initiierte Gründung der BFV Service GmbH, unserer Marketingtochter, voranzutreiben. Die Entwicklung der Service GmbH, die heute maßgeblich zur wirtschaftlichen Entlastung der Vereine beiträgt, ist sicher eines der erfolgreichsten Projekte der letzten zehn Jahre. Der jährliche Umsatz hat sich von 489.000 Euro im Jahr 2004 auf 1.970.000 Euro im Jahr 2013 mehr als vervierfacht.

 

Inzwischen sind Sie dreimal mit überragender Zustimmung wiedergewählt worden. Wie war das beim ersten Mal 2006? Waren Sie da besonders nervös, ob die Vereine Ihnen wieder das Vertrauen schenken?

 

Rainer Koch: Der Respekt vor den Delegierten ist immer gleich groß. Deswegen ist es mir ja auch besonders wichtig, transparent und offen sowohl auf die Entscheidungsträger in den Verbandsebenen als auch in den Vereinen zuzugehen. Deswegen bin ich 2010 und 2014 auf allen Kreis- und Bezirkstagen persönlich gewesen und wenn ich gesund bleibe, dann weiß ich heute schon, dass ich das 2018 wieder machen werde. Natürlich werde ich auch versuchen, in der Zeit dazwischen immer den Kontakt zur Vereinsbasis zu halten – soweit das bei 4682 Vereinen geht, denn wenn ich jeden Tag einen Verein besuchen würde, dann bräuchte ich fast 13 Jahre, um einmal bei jedem Klub gewesen zu sein.

 

Sie gehörten schon mit 49 Jahren sehr früh als Vizepräsident auch zum DFB-Präsidium. Wie schafft man es da, Gehör zu finden und sich Respekt zu erarbeiten?

 

Rainer Koch: Grundsätzlich glaube ich, dass das Lebensalter nicht entscheidend ist. Im Gegenteil, es scheint mir wichtig zu sein, Spitzenämter im Sport schon in jüngeren Jahren erreichen zu können. Nur so hat man auch die nötige Zeitspanne und die persönliche Kraft, um große Projekte mit auf den Weg zu bringen. Deswegen freue ich mich sehr, dass es uns gelungen ist, beim letzten Verbandstag im Juli das BFV-Präsidium deutlich zu verjüngen. Wir haben jetzt mit Jürgen Faltenbacher, Silke Raml und Jürgen Pfau drei sehr junge Vertreter dabei. Es stört mich nicht, dass ich jetzt schon zu den Älteren im Präsidium gehöre…

 

Was bewegt Sie in Ihrer Funktion als BFV-Präsident am meisten?

 

Rainer Koch: Die Zukunftssicherung des Amateurfußballs und der Vereine, bei denen ja das Herz des Amateurfußballs schlägt. Alles, was der BFV macht, muss darauf ausgerichtet sein, dass auch in den nächsten Jahrzehnten unter veränderten demografischen Rahmenbedingungen möglichst in jedem Dorf in Bayern Amateurfußball zuhause ist.

Gibt es Begegnungen aus den letzten zehn Jahren, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

 

Rainer Koch: Begegnungen gibt es viele. Das Schöne an der Funktion des BFV-Präsidenten ist, dass man eben sowohl mit den Vorsitzenden kleiner Fußballvereine in Kontakt kommt, als auch mit den Größen des Weltfußballs. Das erlebe ich oftmals innerhalb weniger Stunden an nur einem Tag.

 

Was nehmen Sie sich für die kommenden vier Jahre vor?

 

Rainer Koch: Das nächste große Ziel ist der Erfolg der Fußballiade 2015 in Landshut.

 

Wie definieren Sie Erfolg?

 

Rainer Koch: Wenn das Motto der Fußballiade, nämlich „Bayern feiert Fußball“, auch tatsächlich gelebt wird. Wenn über die Fußballgemeinde hinaus in der gesamten Gesellschaft deutlich wird, dass der Fußball in Bayern auf mehreren Säulen ruht, der Breiten- und Amateurfußball eine mindestens ebenso wichtige Säule wie der Profifußball ist und er einen bedeutenden gesellschaftlichen Stellenwert hat.

 

Welche weiteren Ziele haben Sie noch?

 

Rainer Koch: Wie immer, ist es auch in den nächsten Jahren wichtig, den BFV wirtschaftlich stabil zu halten, mit möglichst geringen Gebührenbelastungen für die Vereine. In der schnelllebigen Zeit, bei den sich permanent verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wollen wir die Amateurfußballvereine so unterstützen, dass trotz stürmischer See alle Klippen umschifft werden können. Der BFV muss ein leistungsstarker Dienstleister seiner Vereine bleiben, der schnell, innovativ  und zukunftsorientiert auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert. Da setzen wir natürlich ganz besonders weiter auf unsere Kampagne „Pro Amateurfußball“. Sicher muss auch der Breiten- und Freizeitfußball als wichtiges Standbein der Vereine ausgebaut werden.

 

Letzte Frage: Werden Sie nochmal ein Comeback als Schiedsrichter feiern?

 

Rainer Koch: Ich will nicht ausschließen, dass es das nochmal in einem Benefizspiel gibt. Mehr aber sicher nicht (lacht). Ich freue mich, dass wir in Bayern herausragende Schiedsrichter und mit Angelika Söder jetzt auch wieder eine FIFA-Schiedsrichterin haben.

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