Und der Himmel rotzt mit mir …

Das Leben der Wasserburger Neubürgerin Hiltrud Sander (XII)

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Fashion models. Sketch.Sie kennen Hiltrud Sander nicht? Kein Wunder. Die Dame mittleren Alters ist Wasserburger Neubürgerin – erst seit ein paar Monaten da. Was für uns Stodara ganz selbstverständlich ist, muss die gute Frau aus Münster in Westfalen erstmal erkunden und lernen. „Hille”, wie wir sie liebevoll nennen, war im Weihnachtsurlaub. Ab jetzt berichtet Frau Sander aber wieder jede Woche von ihrem Leben als Neu-Wasserburgerin. Heute: Hiltrud im Sog der Grippe-Welle – unter www.wasserburger-stimme.de …

Ich bin ja nach wie vor der Ansicht, dass bei der Wahl des Zeitpunkts für unseren deutschen Fasching die Pharmaindustrie ihre skrupellosen Finger mit im Spiel hatte. Frei nach dem Motto „Gute Preise, gute Besserung“. Oder was für einen Tipp legen Sie mir ans Herz, wenn ich als attraktive Lady im besten Alter gerade beim Faschingsball mit meinen Reizen pokern möchte…und mein sexy Outfit nicht durch Schal und Bommelmütze killen möchte? Warum hat mich denn keiner gewarnt…

Irgendwann erwischt es jeden und jetzt hat es mich erwischt. Zum Glück habe ich ja, neben den gängigen Medikamenten und Hausmittelchen, seit zwei Wochen einen besonders treuen Begleiter an meiner Seite: meinen Hund Püppi! Und Püppi spürt, dass mit Frauchen etwas nicht stimmt. Mit treuherzigem Blick wacht die Hundedame neben meinem Bett, wackelt mit mir zur Toilette, tappst neben mir zum Kühlschrank und zurück und blickt nur ganz selten wehmütig in Richtung Türe.

Klar, Püppi will raus. Und Püppi muss auch raus. Tapfer, erschöpft, pflichtbewusst und atemlos – und diesmal tatsächlich bestückt mit Wollmütze und Schal – trabe ich mit Püppi in Richtung Inndamm. Dankbar marschiert mein Hund neben mir und fordert weder Stöckchen werfen, noch Kontakte zu anderen Hunden und deren Besitzern ein. Es „schneeregnet in Strömen“ und in meinem Zustand halte ich es durchaus angemessen zu sagen: Der Himmel rotzt mit mir!

Sonntag Nachmittag, ich sehe grässlich aus und möchte so nicht einmal meinen Mülltonnen gegenübertreten. Meine Nase ist dick und rot, die Augen zu Schlitzen verschwollen… klare Sache, ich befinde mich im Ausnahmezustand. Mit tief heruntergezogener Haube marschiere ich am Inn entlang als plötzlich eine männliche Stimme nach mir ruft. Der Lokomotivführer! Oh nein, lieber Gott, bitte hilf mir… wie kann der Typ es nur wagen, meinen Selbstmitleidstrip so jäh zu unterbrechen?

„Hiltrud, servus, i hob ma scho Sorgen gmacht, weil i di in da Fria gar nimma gseng hob. Wo steckstn ollaweil?“ Ich nuschele irgendwas von Faschingsball und Grippevirus und versuche den Rest meines verquollenen Grusel-Gesichts im Schal zu verstecken. „Ja, Herrgott, Hiltrud, di hods ja so richtig dawischt!“ Scheu wie ein Reh hebe ich meinen Kopf und blicke kurz zu ihm hoch. Verdammt nochmal, der Kerl sieht mal wieder zum Anbeißen aus in seinem grünen Parka, mit seinen noch grüneren Augen.

Hiltrud, stopp! Es ist jetzt absolut nicht der richtige Zeitpunkt, eine Flirtattacke zu starten. Ich bin eine bemitleidenswerte, durchnässte Kreatur und wirke alles andere als cool. In einer Mischung aus Scham und Erschöpfung starre ich den Franz an. Wie soll das nur weitergehen? Ich bin am Ende. Und das ist erst der Anfang.

Das einzig versöhnlich stimmende an der Situation ist, dass der smarte Lokführer das Grauen nicht zu realisieren scheint. „Hiltrud, jetzt gibst ma moi dei Püppi und i geh mit eam so richtig schee lang spaziern. Du duast di derweil in d´Bodwanna haun und so schee entspanna! I bring da dein Hund auf d´Nacht wieda und bis morgen in da Fria is mit deiner Gsundheit ois wieda paletti!“

Was für eine wunderbare Gattung Mensch. Oder ist es nur eine Mischung aus Solidarität unter Hundehaltern und gnadenloser Tierliebe, die ihn zu solch herzensguten Aktionen verleitet? Sicher hat er heute einen besonders guten Tag und ich darf großzügigerweise daran teilhaben. „I kimm auf Simme bei dir vorbei und bring da die Püppi wieda!“ Franz klopft mir ermunternd auf die Schulter und schwupps, weg ist er.

Hiltrud, Hiltrud…wo ist nur dein Selbstbewusstsein geblieben? Wohl wahr, es dauert seine Zeit, das Vertrauen in die Männerwelt wiederzugewinnen. Aber verdammt nochmal, Hille, Du kannst auf Dauer nicht weiterleben, als ob es kein Morgen gäbe, dich tagelang im Bett verkriechen und dafür auch noch Verständnis erwarten. Wo bleibt deine Würde? Montag ist Schontag – aber am Dienstag stehe ich in der Metzgerei wieder meinen Mann, schmettere meine Witze über die Wursttheke und raube meinen bayrischen Kolleginnen den letzen Nerv. Versprochen!!!!! Dann wird wieder gebaggert, getanzt, getrunken und gefeiert, was das Zeug hält.

Es grüßt voller Optimismus,

die Hille

 

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