Isch abbe gar kein Fahrrad!

Aus dem Leben der Wasserburger Neubürgerin Hiltrud Sander (XV)

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Fashion models. Sketch.Sie kennen Hiltrud Sander nicht? Kein Wunder. Die Dame mittleren Alters ist Wasserburger Neubürgerin – erst seit ein paar Monaten da. Was für uns Stodara ganz selbstverständlich ist, muss die gute Frau aus Münster in Westfalen erstmal erkunden und lernen. „Hille”, wie wir sie liebevoll nennen, berichtet jede Woche von ihrem Leben als Neu-Wasserburgerin. Heute stellt sie glasklar fest: Isch abbe gar kein Fahrrad! www.wasserburger-stimme.de …

Bella Italia, wir kommen! Vor lauter Aufregung um den gemeinsamen Kurzurlaub am Gardasee hatte ich schon seit gestern keinen Bissen mehr hinunter bekommen. Zwei einsame Bratensemmeln, dazu ein Radler „auf ex“ zu Dienstschluss, das war alles, was in meinem Bauch herumschwamm.

Bereits um 6 Uhr war ich hellwach. Ich duschte, ich föhnte, ich schminkte, ich sprühte, schminkte nochmal drüber und föhnte noch eins drauf. Pünktlich zur Ladenöffnung hüpfte ich in das gegenüberliegende Modehaus, um ein paar neckische Highlights für die Reise in den Süden zu ergattern. Dass aber auch am Gardasee der Februar kein Badewetter zu bieten hatte, das mochte ich mir nicht eingestehen. Mein Buidl von einem Urlaub verlangte nach Röckchen mit Punkten, bunten Tüchern und glitzernden Shirts!

Mein rosa Lack-Trolley war bis zum Rand bepackt mit all den Dingen von welchen ich meinte, sie wären im Urlaub unverzichtbar. Auch ein dickes Buch fand seinen Platz zwischen den Pantoffeln und meinem schicken Negligé. Ich dachte mir, so mit dem Roman unterm Sonnenschirm, das sei sozusagen Pflicht. In dieser Beziehung war ich ja quasi jungfräulich. Münster und Wasserburg, mehr kannte ich nicht von der Welt.

Meinem Franz gefiel das aber ganz und gar nicht. Er meinte, Reisen erweitere den Horizont und lud mich kurzerhand zu einem verlängerten Wochenende in den Süden ein. Ja, mein Franzl zeigte mir die große weite Welt. Als Lokomotivführer hatte er schon eine Menge gesehen: Von München nach Salzburg und Retour – und das täglich!

Meine Püppi wollte er aber auf keinen Fall dabei haben und so topften wir die zickige Hundedame zusammen mit seinem Vierbeiner kurzerhand in „Oibich“ auf dem Bauernhof seiner Eltern ein. Nach dem Eierlikörbesäufnis mit Sicherheit kein weiterer Pluspunkt bei meiner Schwiegermutter in spe…

Nun war es soweit. Mit einem fliederfarbenen Kurzarmshirt, Funktionsjacke und dreiviertellanger Cargo-Hose bekleidet, so stand der Franz vor meiner Tür. Seine Füße steckten samt Wollstrümpfen in mintgrünen Crocs. Autsch, das tat selbst meinen Augen weh! So wollte er mit mir nach Italien fahren? Nichts für ungut, aber sein Outfit grenzte beinahe an Landfriedensbruch.

Ich ging eigentlich davon aus, dass wir es uns gut gehen lassen wollten in Bella Italia…frei nach dem Motto: „Vino rosso? Vino biancho? Ach egal, Hauptsache al dente!“ Wieso mussten seine Hosen also tausend Taschen haben und ab Kniehöhe mit einem Reißverschluss abtrennbar sein? Ganz zu schweigen von seinem gruseligen Gummi-Schuhwerk, welches einzig und allein an einem Ort Berechtigung fand: Im feuchten Kühlraum meiner heimischen Metzgerei!

Ich hatte vollstes Verständnis dafür, dass man auf Reisen bequeme Kleidung trägt – zumal zwischen Hotel und Ristorante mit Seeblick durchaus einige Meter zu Fuß zurückgelegt werden mussten. Aber war das Grund genug, wie ein sportsüchtiger Camping-Freak einzurücken?

Was war ich doch für ein oberflächliches Weib, was machte ich mir für sinnlose Gedanken. Mein Franz war ein Goldschatz, mit oder ohne Trekking-Outfit. Die Autofahrt mit ihm glich einem Traum. Franzl hatte an alles gedacht: Ein kühles Fläschchen Sekt für die Lady, ein alkoholfreies Bier für den Fahrer…aus dem Radio säuselte Eros Ramazzotti und in einer Kühlbox warteten liebevoll gestapelte Streichwurstbrote und saure Gürkchen auf meine heißersehnte Fressattacke!

Schon nach wenigen Stunden waren wir am Ziel. Direkt am See stand unser Hotel mit dem verheißungsvollen Namen „Aurora“, der Sonnenaufgang. Bei unserer Herberge handelte es sich um ein eher mittelmäßiges Mittelklassehotel…typisch italienisch (habe ich mir sagen lassen) bestückt mit einer Menge Sternen. Schon seit den achtziger Jahren war es das Rückzugsnest meines Lokomotivführers.

Hungrig von der Fahrt und süchtig nach dem „dolce far niente“ lotste ich den Franz auf der Zielgeraden in eine kleines Ristorante direkt neben unserem Hotel. Dort war es rappelvoll mit Deutschen. In der Mehrheit handelte es sich dabei um nicht mehr ganz taufrische aber dennoch sehr rüstige Radsportler.

Wie mich der Franz in ein Radfahrer-Outfit presste und aus welchem Grund er unbedingt die Hose mit den tausend Taschen dabei haben musste…das erzähle ich Ihnen kommende Woche.

Arrivederci und Hals & Beinbruch…

Ihre Hille

 

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