Ihre Hoffnung war so groß. Und ihr Traum.

Forsting: Die Geschichte einer Abschiebung - Erzählt von Ulrike Rüd-Bschoch

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Begegnung und Abschied – dieser berührende Text von Ulrike Rüd-Bschoch erreichte unsere Redaktion heute. Die Forstingerin arbeitet engagiert im Asyl-Helferkreis vor Ort. Ihr Bericht über eine junge Mutter, deren großer Traum es war, in Frieden mit ihrer Familie hier leben zu können – vielleicht einmal als Erzieherin arbeiten zu können: „Gerade komme ich aus der Container-Unterkunft der Asylbewerber in Forsting. Draußen ist es dunkel und kalt. Ein kleiner Bub namens Saad geht neben mir, und erzählt, dass er den Auftrag hat, mir zu zeigen, wo Maria das restliche Gepäck gelagert hat …

… das wir mit unserem Auto nächste Woche nach Ingolstadt bringen werden. Ich kann die schweren Taschen nicht ohne Hilfe von zwei jungen Männern zum Auto tragen und frage mich, wie Maria mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern – unterwegs im Zug und Bus – das ohne Hilfe hätten bewerkstelligen sollen. 

In diesem Augenblick sehe ich Maria vor meinem inneren Auge, das ernste, blasse Gesicht, die wachen, braunen Augen mit den mädchenhaften Ponyfransen, selbstbewusst die langen, glänzenden, schwarzen Haare offen tragend – Maria, die Ukrainerin – die ich hier die letzten neun Monate mit Deutschunterricht begleiten durfte. Maria, die, noch eine Spur blasser, jedoch nach außen gefasst, mir letzte Woche mitgeteilt hatte, dass sie abgeschoben wird.

Ich stelle sie mir bei der Abreise vor, ihre kleine dreijährige Emily an der einen Hand, in der anderen einen großen Koffer, hinter sich herziehend, auf das Taxi wartend, das sie nach Rosenheim zum Bahnhof bringen soll. Neben ihr Volodymyr, ihr großer, freundlicher Mann, den Kinderwagen mit Milan vor sich her schiebend, beladen mit zwei weiteren schweren Taschen. Sie müssen von Forsting über Rosenheim nach Ingolstadt in eine neue Unterkunft, die Wartehalle zur Abschiebung.

Ich frage mich: Was mag in ihnen vorgehen, während sie frühmorgens bei eisiger Kälte auf das Taxi nach Rosenheim warten? Wie soll es in ihrem Leben weiter gehen? Zurück in ein Land, in dem selbst Politiker sich meist nur mit kugelsicherer Weste ein Bild der aktuellen Situation machen?

Da mag der ein oder andere mit den Schultern zucken und sagen: Die hatten doch keine „Bleibeperspektive“. Und doch hatte sie Hoffnung – und diese Hoffnung drückte sich in ihrem angenehmen Auftreten aus.
Die zunächst höfliche Zurückhaltung wandelte sich in eine vertraute Nähe, die sogar öfter dazu führte, dass wir im Unterricht lachten und damit auch ihre Lebenslust zum Vorschein kam. „Putzen und kochen“ waren nicht ihr Lebensziel, obwohl sie diese Verben hervorragend konjugieren konnte … eigentlich wollte sie ihren Beruf als Erzieherin so gerne ausführen.

Diese persönliche Begegnung und der Abschied haben mich berührt, weil mir auch ein wenig Einblick in das Seelenleben eines jungen Menschen gegönnt wurde, der in Deutschland mit seiner Familie auf ein Leben in Frieden gehofft hatte.
Und das hätten wir ihr alle, die sie hier in Forsting und Pfaffing kennen gelernt hatten, so sehr gewünscht.“

Ulrike Rüd-Bschoch

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