„Ich kann es nicht mehr verantworten!“

Edeka in Schonstett schließt am 22. April - Wir sprachen mit dem Betreiber

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„Schonstetter – wacht auf aus dem Dornröschenschlaf!“ Diesen Appell sendet Stephan Helma aus. Er schließt am 22. April seine Schonstetter Edeka-Filiale. Eine zentrale Anlaufstelle für kleine Einkäufe im Ortskern wird damit aufgelöst. Schuld seien die Schonstetter selbst, meint Helma, der Besitzer mehrerer Edeka-Filialen im Landkreis Rosenheim ist …

Vor 26 Jahren eröffnete Stephan Helma den kleinen Edeka-Laden in Schonstett. Die Idee war simpel: Ein klares Nahversorger-Geschäft auf 400 Quadratmetern Ladenfläche, in welchem sämtliche Notwendigkeiten für den Haushalt sowie Lebensmittel und diverse Kleinigkeiten zu einem günstigen Preis für die Anwohner des Ortes angeboten werden.

Doch den Schonstettern habe das nicht gereicht, meint der Ladenbesitzer: „Heute braucht einfach jeder ein Vollsortiment auf 1.200 Quadratmetern Ladenfläche, bei dem man die Auswahl zwischen 15 Buttersorten hat. Die Nachfrage für Nahversorgung vor Ort ist einfach nicht mehr gegeben – schon lange nicht mehr“, erklärt Helma.

Fehlende Einnahmen und die mangelnde Kaufkraft vor Ort sind die Gründe, warum Helma den Laden schließen muss. „Als Einzelhändler ist man eben darauf angewiesen, dass die Ansässigen hier einkaufen. Doch die fahren lieber woanders hin. Und kaum macht man das Geschäft dicht, fallen die Leute aus allen Wolken. Und dann ist der Aufschrei groß.“

Die Familie Helma betreibt bereits in der vierten Generation – seit stolzen 111 Jahren – Einzelhandels-Geschäfte in der Region. Umso mehr schmerzt es den Geschäftsmann, nun den Standort  in Schonstett aufgeben zu müssen. „26 Jahre hatten die Schonstetter Zeit, bei mir einzukaufen. Vielleicht haben einige vergessen, dass nicht nur der Lebensmittelmarkt selbst – in diesem Fall meine eigene Familie – auf die Kunden vor Ort angewiesen ist, sondern sie auch auf uns. Doch jetzt ist Schluss, ich kann die jahrelangen Subventionen meiner Familie und meinen Mitarbeitern gegenüber nicht mehr verantworten.“

Trotz der gut überlegten und bereits gefällten Entscheidung der Schließung, bedauert Helma die Entwicklung: „Besonders die Kunden, die uns dennoch über Jahrzehnte die Treue gehalten haben und jetzt mit ansehen müssen, wie einer der letzten, ursprünglichen Kramerladen von Bord geht, tun mir sehr leid.“

Helma weiter: „Von Luft und Liebe können wir eben nicht existieren und leben. Ich werde diesen Schritt nicht bereuen, die Entscheidung habe ich mir gut überlegt – immerhin sind die Kunden ja nicht von heute auf morgen fern geblieben, das hat sich ja lange angebahnt.“

Dennoch gibt es vielleicht Hoffnung für den Einzelhandel in Schonstett: „Meine Entscheidung ist endgültig. Doch die Ladenfläche bleibt ja bestehen und wird vermietet. Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ein weiterer Lebensmittel-Einzelhandel an diesem Standort überlebensfähig wäre. Aber ich habe mit dem Zweiten Bürgermeister des Ortes gesprochen, der gemeinsam mit der Gemeinde die Schonstetter dazu anregen will, ein Lebensmittelgeschäft in abgespeckter Version in Eigenregie zu gestalten. Dazu braucht man aber auch die Unterstützung der Anwohner, damit die Kaufkraft vor Ort gewährleistet ist. Vielleicht wachen sie ja noch auf aus ihrem Dornröschenschlaf, die Schonstetter!“

HF

Fotos: MR

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10 Gedanken zu „„Ich kann es nicht mehr verantworten!“

  1. wenn Aldi Leute die jetzt ein Jammer lidl singen und merken e da ka nn man nicht mehr einkaufen dann haben sie es ver pennyt.

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  2. Herr Helma, sie haben ja so Recht! Die Kunden rennen alle zu den Großen, oder kaufen im Internet. Der kleine Händler wird nur noch von oben herab behandelt. Es wird auch in Wasserburg bald keine kleinen Geschäfte mehr geben! Genau aus dem Grund, den sie oben genannt haben! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!! Aber dem Kunden ist das doch egal, wenn die Kleinen vor Ort zusperren müssen! Wieso sich die Kunden über solch einer Schließung wundern, wundert mich auch! Siehe auch Innkaufhaus!

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    1. Ich finde das ehrlich gesagt gar nicht so schlimm, so entsteht wieder mehr Wohnraum (der wird vielleicht nicht in Schonstett gebraucht, aber in Wasserburg, München, Rosenheim etc.) und wenn ein Lieferwagen die Sachen gebündelt ausfährt, ist das auch umweltschonender – wie wenn jeder einzeln zum Supermarkt fährt oder der Lieferant statt 100 Mini-Läden nur noch die Logistik-Zentren beliefert.

      Amazon fresh wird beispielsweise die Großstädte demnächst massiv verändern, ob das die „guade oide Zeit“-Romantiker nun gut finden oder nicht, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.

      Ich denke auch, dass die wirklich Innovativen, die eben kein 0815-Produkt herstellen oder verkaufen, immer überleben.
      Und jetzt lasst die Dislikes und Gegenargumente hageln 😉

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      1. digitale welt

        In der Tat – besonders schön ist, dass die 111 Jährigen dann auch noch ihre Kunden beschimpfen, dass die doch heimtückisch das eigene Produkt nicht mehr annehmen – anstatt sich zu fragen, wie man mit Innovation, besonderem Service und guten Ideen wieder attraktiv für die Kunden werden kann. Stattdessen jammert man, beschimpft die Kunden, macht aber so weiter wie bisher. In 5 Jahren wenn Herr Helma dann andere Standorte zumachen muss, weil er wieder einfach so weiter gemacht hat, geht das gleiche wieder von vorn los. Amazon Fresh freut´s.

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  3. Das ist wirklich traurig. Ein Beispiel, dass Nahversorgung auch anders geht, haben wir bei uns in Pfaffing. Den „Scheuerl“ (EDEKA Friedl) gibt es auch seit x-Jahren und wir gehen hin und kaufen dort ein.

    Keine Ahnung, wieviel Verkaufsfläche vorhanden ist, aber es gibt das, was man braucht. Also, liebe Pfaffinger: Bitte weiter so ….

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    1. Die kleinen Geschäfte vor Ort, bieten für Menschen vor Ort, auch Arbeits-/Ausbildungsplätze! Amazon beutet die Arbeitnehmer, zum Vorteil für Kunden, aus! Außerdem, wenn kein Platz da ist um sich zu vergrößern, um dem Kunden mehr Auswahl bieten können, was soll man da ändern? Es werden außerhalb der Städte, wertvolle Grünflächen verbaut und die Städte sterben aus! Wo ist das Zubetonieren der ländlichen Gegenden umweltfreundlich? Wenn man mehr Lkw’s braucht um jeden einzelnen Haushalt die einzeln bestellten Päckchen zu bringen? Welche Wohnqualität bieten Städte älteren Menschen die nicht mehr zufuß ihre Einkäufe erledigen können? Ich frag mich, was da umweltschonender ist? Umweltschonender ist, um die Ecke einzukaufen, ohne sich ins Auto zu sitzen, oder sich seine Wahre von Amazon, vor die Haustüre bringen zu lassen! Dann würde nicht so viel Natur draufgehen und Arbeits/-und Ausbildungsplätze gäbe es auch vor Ort! Ob im Handwerk, oder Einzelhandel ! Aber das ist ihnen bestimmt auch alles egal!

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  4. Amazon und der ganze Internethandel funktioniert eh nur, weil de ganzen Logistiker, Paketdienste etc…..auf Billiglohnbasis arbeiten.

    Werds glücklich beim Ausbeuten!

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    1. Du glaubst die Leute in den Logistik Zentren von REWE oder EDEKA und die Fahrer verdienen deutlich mehr bzw. funktionieren ohne Logistik?
      Klar ist Amazon ein widerliches Unternehmen, aber bei ALDI, LIDL. etc. gab und gibt es doch auch immer wieder diesselben Vorwürfe.

      Kurzsichtige Argumentationsketten und Konservativismus sorgen dafür, dass Menschen den Glauben in soziale Ideen verlieren, tolle Arbeit 👍
      Und wenn du in den REWE gehst und deine Bananen kaufst, wird keiner ausgebeutet?

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  5. Ich habe Herrn Helma als klugen Geschäftsmann kennengelernt und als Rechner, irgendwo muss ja seine Größe herkommen,
    Es ist in Schonstett genauso wie überall – einem Privatmann wird kein Euro gegönnt.

    Erst beim Dorfladen kaufen die Schonstetter wieder ein, da wird dann mit Geschäftsführer und zehn 450 Euro-Beschäftigen auf einmal wieder Gewinn gemacht und alles ist gut.

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  6. Hallo Gottfried,
    da hast du natürlich recht, deshalb versuche ich ja so weit wie möglich regionale/saisonale Produkte zu kaufen und Fleisch direkt vom Bauern.

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