Gefangen in der Kafka-Maschine

Uraufführung am Belacqua begeistert Publikum - Den Atem bis zum Schluss einteilen!

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phpThumb_generated_thumbnailjpg (2)Ein Abend im Maschinenraum des Lebens: Sechs Werke von Franz Kafka verbindet das Theater Belacqua im jüngsten Stück „Kafka“, das am Freitag Uraufführung hatte. Was bleibt, wenn alle Lichter ausgehen, sind arger Pessimismus und eine Skepsis, ob sich das Rätsel der Welt wird jemals lösen lassen. Zweifel? Nicht wegen der Inszenierung – die das Publikum wie immer begeistert feierte – sondern wegen der Texte Kafkas. 

„Ein Schauplatz menschlicher Mechaniken im Umgang mit dem Rätsel Welt“,  so beschreiben die  Belacquarianer in ihrer Vorankündigung selbst ihre Kafka-Maschine, die am Freitag zum ersten Mal vor Publikum in Gang gesetzt wurde. Die Montage der Textfragmente aus „In der Strafkolonie“, „Auf der Galerie“, „Ein Hungerkünstler“, „Ein Bericht für eine Akademie“, „Elf Söhne“ und „Josefine, die Sängerin oder: Das Volk der Mäuse“ erinnert ein bisschen an Heiner Müllers Hamletmaschine. Der brillante, wenn auch nicht unumstrittene Dramatiker Müller belässt es aber bei der textlichen Montage, das Belacqua unter der Leitung von Uwe Bertram setzt noch eins oben drauf. Es baut eine „echte“ Maschine um die sechs Textdarsteller herum – und bohrt damit Löcher in Müllers Manifest: „Was der Text sagt, sagt der Text … die Interpretation ist die Arbeit des Zuschauers, die darf nicht auf der Bühne stattfinden“. Denn eines ist klar: Susan Hecker, Hilmar Henjes, Nik Mayr, Frank Piotraschke, Regina Alma Semmler und Judith Toth (Foto oben) interpretieren ihre Kafka-Texte sehr wohl – hauchen ihnen auf der Bühne Sekunde für Sekunde Leben ein. Und das bis zur Erschöpfung, bis zur Gleichgültigkeit vor Erschöpfung.

Wenn die Seile im Räderwerk der Kafka-Maschine, die alle Stücke und Darsteller zusammenhalten, quietschen, ist man sich manchmal nicht mehr im Klaren: Dreht sich alles um die Menschen, die allesamt untereinander verbunden sind, aber nicht voneinander wissen oder aber geht es wirklich nur um die Texte Kafkas? Wohl beides.

Zusammengehalten und in Gang gesetzt wird Bertrams Kafka-Maschine von den Musikern des Belacquas, die nicht nur räumlich den Rahmen bilden, sondern auch Anlasser und Bewegungsmelder der Inszenierung sind. Ein bisschen viel wird’s wenn sie sich in das Stück einschalten (einer löffelt minutenlang einen Joghurt, auch als sein Becher längst leer ist). Das Publikum hat ohnehin viel zu denken und zu schauen, der Sidekick lenkt da nur ab …

100 Minuten und keine Sekunde Langeweile – das liegt vor allem an den lebenden Texten, die sich ins Hirn brennen: „Auf dem Pferde schwirrend.“ „Auf dem Pferde schwirrend.“ „Auf dem Pferde schwirrend….“ Wenn Hilmar Henjes das vorträgt oder Nik Mayr das harte, aber unumgängliche Schicksal des Hungerkünstlers beschreibt, geht das augenblicklich und unter Umgehung des Blutkreislaufes direkt unter die Haut.

Wenn Judith Todth von Josefine, der Sängerin des Mäusevolkes, genervt ist, glaubt man ihre Häme zu riechen. In der gleichen Millisekunde verschiedene Charaktere nebeneinander, übereinander, ineinander stapeln: Susan Hecker macht’s möglich.

Regina Semmler gibt dem Publikum in all dem Gezerre Halt. Schon zu Beginn berichtet sie von ihren elf Söhne, die sie im Laufe der Inszenierung vorstellen wird. Elf. Die Zahl merkt man sich und man weiß, wie man sich den Atem bis zum Schluss einteilen kann – vom ersten bis zum elften Sohn. Und dann noch Frank Piotraschke: Der vorgeführte Affe, der mit seinem Text klettert, bis er merkt, dass auch ganz oben auf dem Zaun nichts anderes ist, als unten. Kafka brutal. ♦ HC

 

Die Kafka-Maschine brummt wie geölt wieder an folgenden Tagen: Am Sonntag, 6. April, 19 Uhr, Freitag, 11. April, 20 Uhr, Samstag, 12. April, 20 Uhr, Sonntag, 13. April, 19 Uhr, Freitag, 25. April, 20 Uhr, Samstag, 26. April, 20 Uhr.

Regie: Uwe Bertram. Musikalische Leitung: Leonhard Schilde.

Texte: Franz Kafka. Text-Montage: Eva-Maria Schwarzfischer. Dramaturgie: Constanze Dürmeier. Kostüme: Gewandhaus Gruber/Annett Segerer. Bühne: Uwe Bertram/Nik Mayr/Bernd Berleb.

Es spielen: Susan Hecker, Hilmar Henjes, Nik Mayr, Frank Piotraschke, Regina Alma Semmler, Judith Toth.

Musiker: Alex Haas, Pit Holzapfel, Anno Kesting, Wolfgang Roth, Leonhard Schilde.

Kartenbestellung und weitere Informationen über www.belacqua.de, Rückfragen unter Telefon 08071/597345. Kartenvorverkauf unter anderem auch über Kroiss Ticket-Zentrum Rosenheim, Buchhandlung Fabula Wasserburg und Kulturpunkt Isen.

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Fotos: Christian Flamm

 

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Ein Gedanke zu „Gefangen in der Kafka-Maschine

  1. Manfred Feith-Umbehr

    Ich habe schon lange nicht mehr so einen aufregenden Theaterabend erlebt und möchte einen Besuch dieses Stückes allen Theaterinteressierten und auch allen Theatermuffeln ans Herz legen. Hier macht Theater wieder Freude. Hervorragende Schauspieler, die auch noch wunderbar live singen können. Tolle Musiker, faszinierende Regieideen und natürlich ergreifende Texte von Kafka und keine Minute Langeweile und das in der Provinz! Begeisternd!

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