„Fußball ist viel mehr, als nur die WM …

... der FC Bayern oder Dortmund" - Interview mit Fußball-Präsident Rainer Koch

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Koch„Wir wollen neue Reize setzen und die Jugendlichen weiter für unsere Sportart gewinnen. Fußball ist viel mehr als nur der FC Bayern, Borussia Dortmund oder die Weltmeisterschaft.“ Das sagt Rainer Koch. Er steht seit zehn Jahren an der Spitze des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV). Auf dem Verbandstag in Bad Gögging Mitte Juli stellt sich der BFV-Präsident erneut zur Wiederwahl. Im Interview spricht Koch über seine persönliche Motivation, die Schwerpunkte des Verbandstages und die wichtigsten Zukunftsprojekte des BFV …

Herr Koch, Sie leiten seit zehn Jahren die Geschicke des BFV. Spüren Sie nach so langer Zeit noch keine Amtsmüdigkeit?

Rainer Koch: Nein. Ich habe schon viele Funktionen im Fußball ausgeübt und keine war und ist so spannend wie das Amt des BFV-Präsidenten. Direkt an der Nahtstelle zwischen Amateur- und Profifußball, verantwortlich für das Wirken von über 4600 Fußballvereinen – ich mache das immer noch leidenschaftlich gerne und würde mich deshalb über eine Wiederwahl sehr freuen.

Ein Schwerpunkt der letzten vier Jahre war die BFV-Kampagne „Pro Amateurfußball“. Was sind die wichtigsten Projekte der kommenden Amtsperiode?

Rainer Koch: Unsere überaus erfolgreiche, gerade eben von der UEFA als bestes Breitenfußball-Projekt des Jahres 2014 ausgezeichnete Kampagne ‚Pro Amateurfußball‘ muss fortgesetzt werden. Die kostenlosen zusätzlichen Service- und Dienstleistungsangebote helfen ja den Vereinen, sich zukunftsfähig aufzustellen. Wir haben von 2011 bis 2013 insgesamt 276 Vereinsschulungen mit 5788 Teilnehmern durchgeführt, 4000 Notebooks an die Fußballbasis verteilt, 109 neue Schule-Vereins-Kooperationen angestoßen, bei 95 ‚Runden Tischen‘ mit den Vereinen wichtige Zukunftsthemen diskutiert und an 30 Standorten für 1200 Mädchen das Schnuppertraining ‚Ballbina kickt‘ angeboten.

Ich finde, diese Bilanz kann sich sehen lassen. Jeder dieser Bausteine trägt dazu bei, den bayerischen Amateurfußball und seine Vereine zu stärken und insbesondere für den überlebenswichtigen Nachwuchs attraktiv zu gestalten. Wichtiger nächster Schritt: Verband und Vereine müssen noch enger zusammenkommen, deshalb wird der ‚Vereinsdialog‘ auf Kreisebene in den nächsten Jahren zu einem Schwerpunktthema unserer neuen Kreisvorsitzenden werden.

Was sind weitere Zukunftsprojekte?

Rainer Koch: An erster Stelle die Fußballiade am Ende der Pfingstferien 2015 in Landshut. So ein Amateurfußball-Event hat es in Deutschland noch nie gegeben. Hoffentlich können wir unsere Vereine für die Teilnahme begeistern. Wir wollen neue Reize setzen und die Jugendlichen weiter für unsere Sportart gewinnen. Fußball ist viel mehr als nur der FC Bayern, Borussia Dortmund oder die Weltmeisterschaft.

Fußball ist ein Sport für alle, von Millionen Deutschen aktiv betrieben. Ich kann es nur immer wieder betonen: Wir müssen sichtbar machen, wie groß die Gemeinschaft des Amateurfußballs in Bayern ist. Wir müssen zeigen, wie viele Menschen der Amateurfußball tatsächlich bewegt. Nur so können wir gegenüber dem Profifußball, aber auch der Politik, der Wirtschaft und weiteren gesellschaftlichen Gruppierungen selbstbewusst auftreten und Unterstützung für den Amateurfußball einfordern.

Kommen wir zum Kerngeschäft, dem rollenden Ball auf dem Platz. Was tut sich da?

Rainer Koch: Wir wollen den Spielbetrieb weiter flexibilisieren, den Vereinen mehr Möglichkeiten bieten. Das ist gerade angesichts des demografischen Wandels enorm wichtig. Wir haben ja auf dem letzten Verbandstag schon das Rückwechseln und das Zweitspielrecht beschlossen. Beides hat sich nach anfänglicher Skepsis inzwischen absolut bewährt. Auch die Bestimmungen für Spielgemeinschaften haben wir vereinfacht.

Auf den Kreistagen hat sich eine überragende Mehrheit der Vereine für die Möglichkeit eines freiwilligen Spielklassenwechsels in eine niedrigere Liga und ein erweitertes Zusatzspielrecht im Senioren-/Hallen- und Freizeitfußball ausgesprochen. Beides haben wir zur Saison 2014/2015 schon auf den Weg gebracht.

Die Delegierten stimmen neben der bisher mehrheitlich befürworteten „Fair Play-Liga“ im U9-Bereich auch über flexible Mannschaftsgrößen in den unteren beiden Spielklassen ab. Die Idee hat bei den Vereinen auf den Kreis- und Bezirkstagen vielerorts keine Zustimmung gefunden. Müsste man das Thema dann nicht eher ad acta legen?

Rainer Koch: Wir nehmen das Votum ernst. Deshalb wird auf dem Verbandstag auch nicht über eine bayernweite Einführung von flexiblen Mannschaftsgrößen abgestimmt. Aber man muss die Ergebnisse der Kreis- und Bezirkstage differenziert betrachten. Bayern ist ein Flächenstaat, es gab erhebliche regionale Unterschiede. Alle vier unterfränkischen Kreise haben sich zum Beispiel deutlich dafür ausgesprochen. In Unterfranken ist also der Rückgang an Spielern offensichtlich schon stärker angekommen. Da könnten flexible Mannschaftsgrößen Sinn machen.

Das heißt?

Rainer Koch: Wir schlagen dem Verbandstag vor, den Bezirken selbst die Entscheidung über eine mögliche Einführung in ihren Kreisen zu überlassen.

Was sind für Sie die Höhepunkte des Verbandstages?

Rainer Koch: Natürlich freue ich mich, dass DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zugesagt hat. Die für den DFB sehr erfolgreiche Fußball-WM in Brasilien wird sicher nochmal Thema sein. Die Wahl zum ‚Bayern-Treffer des Jahres‘ ist auch ein Highlight. Es gibt ja nichts Attraktiveres im Fußball als tolle Tore. Wichtig sind neben dem klassischen Verbandstagsprogramm mit Neuwahlen und zahlreichen Antragsbehandlungen vor allem auch die Vertragsunterzeichnung mit dem ‚FIFA Medical Centre‘ Regensburg und die Scheckübergaben unserer Sozialstiftung.

Was steckt hinter der Kooperation des BFV mit dem „FIFA Medical Centre“?

Rainer Koch: Wir arbeiten bereits seit einigen Jahren bei der medizinischen Betreuung unserer Auswahlspieler zusammen. Diese Partnerschaft wollen wir ausbauen. Konkret: Die Fachleute der Uniklinik Regensburg führen zukünftig bei allen Spielerinnen und Spielern, die erstmals für eine BFV-Regionalauswahl nominiert werden, eine umfassende sportmedizinische Untersuchung durch. Das ‚FIFA Medical Centre‘ übernimmt auch die Steuerung der medizinischen Betreuung in den 19 BFV-Nachwuchsleistungszentren.

Thema BFV-Sozialstiftung: Der Sozialeuro bei den Entscheidungs- und Relegationsspielen hat anfangs für Unmut bei den Vereinen gesorgt. Sind die Kritiker inzwischen verstummt?

Rainer Koch: Der Sozialeuro trifft inzwischen auf breite Akzeptanz. Ich glaube, dass der Kritik vielerorts zwei Missverständnisse zugrunde lagen. Zum einen wird der Sozialeuro nämlich nicht, wie zum Teil fälschlicherweise gedacht, vom normalen Eintrittspreis abgezogen, sondern zusätzlich erhoben. Den Vereinen entsteht also kein finanzieller Schaden. Und zum anderen wurde die Bereitschaft der Zuschauer unterschätzt, für den guten Zweck einen Euro mehr zu zahlen.

Gerade hier bin ich stolz, dass die Solidarität innerhalb der Fußballfamilie so groß ist. Der Sozialeuro wird aber auch deshalb inzwischen als sehr positiv betrachtet, weil die Menschen sehen, dass wir mit dem Geld konkrete Hilfe in ihrer Region leisten. Über 150.000 Euro hat die Sozialstiftung schon eingesetzt, um in Not geratene Mitglieder der bayerischen Fußballfamilie zu unterstützen. Auf dem Verbandstag werden drei Spendenschecks über insgesamt 42.000 Euro an Menschen übergeben, die vom Jahrhunderthochwasser massiv betroffen waren. Das ist wirklich eine gute Sache.

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