Ein sicheres Zuhause auf Zeit

Familien aus der Region geben notleidenden Kindern Schutz und Geborgenheit

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Unter der Leitung des Caritas-Kinderdorfes in Irschenberg nehmen derzeit 13 Familien in der Region Kinder für einen gewissen Zeitraum bei sich auf. Kinder, die aufgrund von Notlagen oder Schicksalsschlägen in ihren eigenen Familien nicht mehr sicher waren und deshalb aus diesen heraus genommen werden mussten. Sie finden in den so genannten Bereitschafts-Pflegefamilien Schutz und Geborgenheit. Wir haben eine davon besucht …

Familie Huber (Name von der Redaktion geändert) ist so eine Familie. Seit sieben Jahren nimmt sie Kinder und Jugendliche bei sich auf, die auf Grund von massiver Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung oder anderen Gründen nicht mehr bei ihren eigenen Eltern bleiben können. Die Buben und Mädchen wurden vom Jugendamt in Obhut genommen.

Wenn es die Situation erfordert, kann oder muss dies innerhalb von wenigen Stunden erfolgen.

Dann wird schnell ein sicherer Platz benötigt. Wie für den neun Monate alten Jungen Ben (Name von der Redaktion geändert), den die Hubers zeitlich begrenzt bei sich aufgenommen haben. Das Baby findet dort neben der täglichen Betreuung das, was es in dieser schwierigen Situation braucht: Aufmerksamkeit, Trost, Nestwärme und eine stabile Umgebung. Und das so lange, bis eine Lösung für Ben gefunden ist. Dies kann von wenigen Tagen bis hin zu einigen Monaten dauern.

Das Alter der Kinder, die Pflegeeltern aufnehmen, können diese selbst bestimmen. Frau Huber empfiehlt, sich gerade am Anfang auf jüngere Kinder zu konzentrieren, denn die seien in der Regel einfacher im Kennenlernen und Betreuen.

„Wichtig ist, dass alle sich im Klaren sind, was sie leisten möchten. Das betrifft die ganze Familie. Auch wenn die Eltern letztlich die Entscheidung treffen, müssen auch die leiblichen Kinder mitspielen“, meint die Heilpädagogin. Eine pädagogische Ausbildung, wie in ihrem Fall, ist keine Voraussetzung für die anspruchsvolle Aufgabe.

„Die Kandidaten sollten jedoch eigene Erziehungserfahrung mitbringen. Uns ist es vor allem wichtig, dass sich jemand intensiv um die Pflegekinder kümmern kann“, erklärt Rudolf Kley (Foto), Leiter des Fachdienstes Inobhutnahme, Bereitschaftspflege im Kinderdorf.

Die Hubers haben im Laufe der Zeit mehr als 40 Schützlinge betreut, die alle aus der Region oder dem Großraum München kamen. Kley weist darauf hin, dass die Unterbringung der Kinder deshalb anonym erfolge: „Der Schutz unserer Pflegefamilien ist uns sehr wichtig. Paare oder Einzelpersonen, die bereit sind, mit einem Kind in einer Lebensgemeinschaft zu leben, sei es nur für eine kurze Zeit, sind für uns ein hohes Gut.“

Leben bereits Kinder im Haushalt der Bewerber, die älter als drei Jahre sind, ist das zweifelsohne von Vorteil. Die Eingewöhnung fällt den Pflegekindern leichter. Oftmals vertrauen sie den Kindern der Familie Dinge an, die sie Erwachsenen nicht sagen würden.

Wie im Fall einer Jugendlichen im Hause Huber, die nach ihrer Ankunft extrem abweisend zum ältesten Sohn der Familie war. Erst als das Mädchen der leiblichen Tochter der Hubers nach einiger Zeit offenbarte, dass sie von ihrem eigen großen Bruder zuhause missbraucht worden war, hatte die Familie eine Erklärung für ihr Verhalten und konnte entsprechend handeln.

Die Aufgabe ist für Personen interessant, die Kindern gerne helfen möchten, ausgeglichen sind und auch mit schwierigen Situationen umgehen können.

Natürlich, und das ist dem Sozialpädagogen Kley wichtig zu erwähnen, erhalten die Familien für ihr Engagement eine angemessene Aufwandsentschädigung. Darüber hinaus haben sie die Möglichkeiten, an Fortbildungsmaßnehmen teilzunehmen und sich regelmäßig mit anderen Pflegefamilien auszutauschen.

Das Caritas Kinderdorf stellt neben einer Einarbeitung auch eine permanente Begleitung während einer Belegung sicher. Dazu Frau Huber: „In der Zusammenarbeit mit den Pädagogen aus dem Caritas Kinderdorf schätze ich den partnerschaftlichen Umgang und die sehr kompetente Betreuung. Und wenn ich große Probleme habe, kann ich auch am Wochenende oder abends noch jemanden anrufen, der mir dann hilft.“

Für Kinder und Jugendliche in Bayern wurden 3.644 gerichtliche Maßnahmen eines Familiengerichts im Laufe des Jahres 2016 aufgrund einer Gefährdung des Kindeswohls eingeleitet. Wie das Bayerische Landesamt für Statistik weiter mitteilt, waren alleine in Oberbayern 1.162 Mädchen und Buben im vergangenen Jahr betroffen.

Da deren Zahl seit Jahren zunimmt, sucht das Caritas Kinderdorf Irschenberg neue Pflegefamilien auch im Landkreis Rosenheim.

Den meisten Inobhutnahmen, abgesehen derer unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, liegt meistens eine massive Überforderung der Eltern oder eines Elternteils zugrunde. Oft haben diese Probleme mit Alkohol und Drogen oder psychische Auffälligkeiten. So wie im Fall des neunmonatigen Ben.

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