„Ein großes Erschrecken ging hinaus“

Wasserburg nimmt Abschied von Altbürgermeister Dr. Martin Geiger

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2016-10-07-15-19-56Eine große Trauergemeinde nahm am Freitagnachmittag Abschied von Wasserburgs Ehrenbürger und Altbürgermeister Dr. Martin Geiger. Zahlreiche regionale Prominenz aus Politik und Gesellschaft, die Wasserburger Vereine und Institutionen, ehemalige Bürgermeisterkollegen, die Kirchengemeinde und die Angehörigen begleiteten Dr. Geiger auf seinem letzten irdischen Weg zum Gottesacker „Am Herder“. Den Trauergottesdienst hatte zuvor in der evangelischen Christuskirche Pfarrerin Cordula Zellfelder zelebriert. „Ein großes Erschrecken ging weit über Wasserburg hinaus, als die Nachricht von Dr. Geigers Unglück in den Bergen die Runde machte“, sagte sie eingangs ihrer Traueransprache.

Zellfelder ging auf das Leben des Verstorbenen ein. Dr. Geiger sei am 10. April 1937 in einem schwäbischen Ort nahe Balingen geboren. Als Bauernbursche sei er dort mit seinem Bruder aufgewachsen. Nach dem Abitur habe er zunächst Geschichte, Geografie und Französisch studiert, ehe er sich schließlich für das Jurastudium entschieden habe.

Nach dem Studium habe er seinen Dienst bei der Regierung von Oberbayern aufgenommen. „Dr. Geiger war schon damals als Mitarbeiter sehr geschätzt und stieg rasch in höhere Positionen auf.“ 1970 sei er nach Wasserburg ans damalige Landratsamt versetzt worden.

„Geplant war ein zweijähriger Zwischenaufenthalt. Es wurde eine Stellung fürs Leben.“  Denn nur zwei Jahre später sei der junge Jurist, mittlerweile Vater zweier Kinder, als Bürgermeister der Stadt gewählt worden. „Ein Amt, das er sage und schreibe bis zu seinem Ruhestand 2002 insgesamt 30 Jahre innehatte.“

Zellfelder erinnerte auch an die Ehefrau Dr. Geigers, die vor einem Jahr verstorben war. „Das war eine schwere Zeit für Dr. Geiger. Nach einer langen Phase der Trauer war er jetzt aber wieder dabei, an die Zukunft zu denken. Just in diesem Augenblick ereilte ihn selbst der Unfalltod.“

Auf das Wasserburg im Jahre 1972 ging Bürgermeister Michael Kölbl bei seinem Nachruf ein: „Der Putz bröckelte von den Fassaden, die Stadt hatte durch den Verlust des Landratsamtes und die Auflösung des Landkreises im Zuge der damaligen Gebietsreform fundamental an Zentralität verloren. Wasserburgs Altstadt wurde regelmäßig von schweren Hochwassern heimgesucht und erstickte schon damals im Durchgangsverkehr. Kulturell lag beinahe alles am Boden.“ In dieser Zeit habe Geiger das Zepter in Wasserburg übernommen. „Als evangelischer Schwabe mitten in Oberbayern. Die Menschen wollten damals etwas Neues, eine Sicht von außen.“

Mit Dr. Geiger sei das städtische und kulturelle Leben wieder aufgeblüht. „Die Bevölkerung fasste wieder Vertrauen in ihre Stadt. Der Altbürgermeister habe in den folgenden Jahrzehnten mit unglaublichem Geschick und mit großer Weitsicht Wasserburg zu dem entwickelt, was es heute sei – ein blühendes Mittelzentrum, eine Kultur- und Schulstadt.

„Alle Ämter, die Dr. Geiger bekleidet hat, alle Bauwerke, die unter seiner Amtszeit errichtet oder saniert worden sind, alle Ehrungen, die er erhalten hat, aufzuzählen, das ist schier unmöglich. Ich würde scheitern“, so Kölbl.

Deshalb nenne er nur den Hochwasserschutz, die Verkehrsplanung mit der Umgehungsstraße und die Entwicklung Wasserburgs zur Kultur- und Schulstadt als Beispiel für Dr. Geigers Schaffen. Und: „Der Altbürgermeister hat den Denkmalschutz zum Kapital für Wasserburg gemacht.“ Kölbl abschließend: „Die ganze Stadt trauert und sagt von ganzem Herzen danke.“

Für den Rosenheimer Kreistag, dem der Verstorbene 30 Jahre angehörte, darunter auch viele Jahre als Stellvertreter des Landrats, würdigte Landrat Wolfgang Berthaler Dr. Geigers Engagement für die kommunalen Belange und die Wünsche und Sorgen der Bürger. „1972 war nach der Gebietsreform politisch nicht gerade eine einfache Zeit. Dr. Geiger hat mit seiner ihm ganz eigenen Art fürs Zusammenwachsen gesorgt. Er war ein Brückenbauer. Sein Rat war allzeit gefragt.“

Die herausragende Persönlichkeit von Dr. Martin Geiger stellte Direktor Richard Steinbichler in seinem Nachruf in den Mittelpunkt. Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Wasserburg: „Dr. Geiger war als Verwaltungsrat der Sparkasse der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Er habe sich unermüdlich und mit großem Sachverstand für die Eigenständigkeit der Wasserburger Sparkasse eingesetzt.

Steinbichler weiter: „Dr. Geigers unerschöpfliches Wissen, sein scharfer Verstand und seine zwingende Rhetorik waren einzigartig. Dabei kamen aber sein Sinn für Gerechtigkeit, seine Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft niemals zu kurz.“

Dazu habe er obendrein eine ausgesprochene Bescheidenheit an den Tag gelegt, für die er weithin bekannt gewesen sei. Steinbichler formulierte es mit einem Schmunzeln so: „Dr. Geiger war in seiner Art, bescheiden aufzutreten, schon fast unbescheiden.“ Der Sparkassen-Direktor zusammenfassend: „Es tut unwahrscheinlich weh, ihn als Ratgeber verloren zu haben.“

Mit Nachrufen nahmen auch der Lionsclub Wasserburg, die Wohnungsbaugesellschaft und der Gemeindetag Abschied vom Wasserburger Altbürgermeister. Letzterer wurde vertreten durch Amerangs Bürgermeister Augustin Voit, der sich gerne an die Bürgermeister-Ausflüge mit Dr. Geiger erinnerte. „Er hat für das kulturelle Programm gesorgt.“ Und Voit lächelnd weiter: „Niemand unter den Bürgermeisterkollegen kann sich auch nur an eine einzige negative Eigenschaft von Dr. Geiger erinnern – außer, dass er bei den Ausflügen lieber eine Kirche als ein Wirtshaus besucht hat.“

Für den Heimatverein nahm dessen Geschäftsführer Matthias Haupt Abschied und erinnerte an das jahrzehntelange Engagement Dr. Geigers um die Historie Wasserburgs. Auf Augustin Voit hatte er augenzwinkernd eine passende Antwort: „Uns vom Heimatverein hat es bei den geschichtlichen Exkursionen, organisiert von Dr. Geiger, sehr gut gepasst, dass er lieber eine Kirche als ein Wirtshaus besucht hat.“

Kirchenpfleger Markus Pöhmerer sagte bei seinem Nachruf, die Kirchengemeinde sei tief erschüttert über den Tod von Dr. Geiger. Der Verstorbene habe eine tiefe Bindung zur Kirche und zum Glauben gehabt. Jahrzehnte sei er im Kirchenvorstand gewesen und 2004 sogar in die Landessynode berufen worden. „Dr. Geiger lebte ein durch und durch christliches Leben.“

Stadtrat Armin Sinzinger erinnerte in seinem Nachruf an das Wirken des Verstorbenen für den Wasserburger Block und die Parteifreien Kommunalpolitiker in Stadt und Land. „Dr. Geiger war Mitbegründer des Kreisverbandes der Freien Wähler.“

Nach der Trauerfeier ging es mit Bussen zum Friedhof „Am Herder“, wo dem Altbürgermeister eine große Trauergemeinde das letzte Geleit gab. Die Stadtkapelle begleitete die Fahnenabordnungen der Wasserburger Vereine – von den Feuerwehren, den Rettungsdiensten bis hin zu den Schiffsleuten und zu den Zünften.

Zu den Trauergästen gehörten unter anderem der ehemalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Zeitlmann, der Unternehmer Toni Meggle mit Ehefrau Marina, die Landtagsabgeordneten Otto Lederer und Klaus Stöttner sowie zahlreiche Bürgermeister und Altbürgermeister aus dem ganzen Landkreis Rosenheim und den benachbarten Landkreisen – und natürlich die Wasserburger Stadträte sowie die Verwaltung des Rathauses.

Als der Sarg von Dr. Geiger in den Gottesacker hinabgelassen wurde, öffnete der Himmel über Wasserburg seine Schleusen und weinte Tränen ohne Unterlass. HC

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