„Gerechte Strafe kann es nicht geben.“

Aiblinger Zugunglück: Aktuelles Interview mit Anwalt der Opfer

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raphael_stankeBad Aibling – Das Urteil im Prozess gegen den Fahrdienstleiter ist gesprochen. Dreieinhalb Jahre gab‘ s für Michael P., der wegen fahrlässiger Tötung als Hauptschuldiger für das Zugunglück in Bad Aibling in Traunstein vor dem Landesgericht stand. Gerecht oder ungerecht? Wie erging es den Opfern und deren Angehörigen während des Prozesses? Und: Empfinden sie Genugtuung? Wir sprachen mit Raphael Stanke (34), Rechtsanwalt in Bruckmühl, wohnhaft in Bad Aibling und einer der Anwälte der Nebenklage.

Herr Stanke, das Urteil im Prozess zum Zugunglück in Bad Aibling ist gesprochen. Sie waren vom ersten bis zum letzten Prozesstag als Anwalt der Nebenklage im Gericht. Außerdem sind Sie Aiblinger und wohnen immer noch in der Stadt. Wie haben Sie das Unglück erlebt?

Nun, ich bin ehrenamtlich auch als stellvertretender Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW) tätig und war am Unglückstag ab Nachmittag auch persönlich vor Ort. Unser Ortsverband, Bad Aibling, war bis zuletzt in das Einsatzgeschehen eingebunden. Da habe ich selbst viele Eindrücke sammeln können. Ich habe also einen ganz besonderen Bezug zu diesem Fall.

War das auch der Grund, wieso Sie von Ihren Mandanten gewählt wurden?

Nein, das ist vielmehr dem Umstand geschuldet, dass wir hier als Kanzlei fast 30 Jahre in der Region fest verankert sind.

Wen haben Sie vertreten?

Im Prozess habe ich im Rahmen der Nebenklage die Ehefrau eines Opfers, das beim Unglück ums Leben kam, sowie ihre zwei Kinder vertreten. Ich vertrete sie übrigens noch immer. Denn obwohl der strafrechtliche Prozess erst einmal abgeschlossen ist, geht die zivilrechtliche Abwicklung der Ansprüche noch lange weiter.

Um was geht es da vor allem?

Es ist ja so, dass durch den Tod des Opfers nicht nur unsägliches Leid über die Angehörigen gekommen ist. Sie müssen ja schauen, dass das Leben weitergeht. Da tauchen Themen auf wie Witwenrente, Sterbegeld, Schmerzensgeld, finanzielle Einbußen …

Wie haben Sie Ihre Mandanten erlebt: war da viel Hass und Wut auf den Angeklagten?

Das hätte ich eigentlich erwartet. Doch dem war nicht so. Da war am Anfang sogar Mitleid mit dem Fahrdienstleiter, den einer meiner Kollegen der Nebenklage als „13. Opfer“ des Unglücks bezeichnet hat. Als dann jedoch vor Gericht das Spielen mit dem Handy thematisiert und auch als eine der Ursachen für die Katastrophe erkannt wurde, gab es schon Unverständnis. Dennoch haben sie die Entschuldigung des Fahrdienstleiters angenommen.

Waren Ihre Mandanten an jedem Prozesstag vor Ort?

Nein. An keinem einzigen. Meinen Mandanten war bewusst, dass viele Medien im Gericht vor Ort sein werden und dem wollten sie dem aus dem Weg gehen. Ihnen war klar, dass sie als Opfer-Angehörige sehr im Fokus stehen würden.

Was wollten sie als Nebenkläger erreichen?

Zu Beginn der Mandatierung stand die Geltendmachung der zivilrechtlichen Ansprüche im Vordergrund. Im weiteren Verlauf haben wir auch die Möglichkeit der Nebenklage thematisiert. Es handelt sich hierbei um die Teilnahme des Geschädigten – hier der Angehörigen – an der Anklage der Staatsanwaltschaft. Meinen Mandanten war wichtig, dass sie über mich den Prozess mitverfolgen und, soweit notwendig, mitgestalten können um die Hintergründe dieser Katastrophe aufzuklären.

Bei einem Prozess gibt es Ankläger und Angeklagter. Welche Rolle nimmt da eigentlich die Nebenklage ein?

Dem Nebenkläger werden bestimmte Rechte eingeräumt, wie etwa die ständige Anwesenheit in der Hauptverhandlung sowie auch das Recht, Zeugen und den Angeklagten zu befragen. Man kann so aktiv den Prozess mitgestalten, darüber hinaus auch eigene Beweisanträge stellen um sicherzustellen, dass eine größtmögliche Aufklärung erfolgt. Im vorliegenden Fall kann ich jedoch sagen, dass die Ermittlungsbehörden hier sehr gewissenhaft gearbeitet haben.

Wovor hatten Sie da Bedenken?

Uns war in diesem Prozess vor allem die Frage wichtig, inwieweit die Bahn an dem Unglück eine gewisse Mitschuld bzw. Mitverantwortung trägt.

Und …?

Sicher gibt es immer einige technische Neuerungen und Vorgaben, die besser hätten sein können. Doch am Ende muss man klar, so auch die Feststellungen der Kammer im Urteilsspruch, sagen: Ein Mitverschulden der Bahn lässt sich hier nicht finden, technisch war alles in Ordnung. Am Ende steht doch, trotz der modernsten Technik, immer der Mensch.

Stichwort  Mensch: Wie haben Sie den angeklagten Fahrdienstleiter selbst während des Prozesses erlebt?

Am ersten Prozesstag war er zu Beginn sichtlich aufgewühlt und nervös. Da hat er sich ja auch bei den Angehörigen und Opfern entschuldigt. Danach wirkte er sehr gefasst auf mich, verfolgte auch die Ausführungen der Kammer zum Urteil sehr regungslos. Sehr emotional zeigte sich der Angeklagte bei den Plädoyers der Nebenklage. Ich habe hier den Angeklagten wissen lassen, dass meine Mandanten seine Entschuldigung annehmen, was ihn zu Tränen rührte.

Und wie beurteilen Sie den Prozess im Gesamten?

Er wurde – bei allen Emotionen, die bei so einer Katastrophe mit dabei sind – sehr sachlich geführt. Es gab auch keine großen Grabenkämpfe zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft, da es ja auch ein Schuldeingeständnis gleich zu Beginn gab. Der Vorsitzende Richter selbst dankte allen Prozessbeteiligten nach Ausspruch des Urteils für den ruhigen und sachlichen Verhandlungsstil.

Die Richter waren sehr umsichtig und haben sich sehr gut vorbereitet, haben sich hier vor allem in die technischen, teils sehr komplexen, Fragestellungen eingearbeitet. Ohnehin muss ich sagen, dass angesichts der vielen Gutachten, die erstellt und ausgewertet wurden, hier sehr schnell gearbeitet wurde. Das war schon ein unglaublicher Ermittlungsaufwand, der da in kurzer Zeit betrieben wurde.

Was haben Sie in Ihrem Plädoyer gesagt?

Ich habe mich den tatsächlichen und rechtlichen Feststellungen der Staatsanwaltschaft angeschlossen. Ich habe nochmals, mit Blick auf das Handyspielen des Angeklagten, festgehalten, dass es sich hier nicht nur um eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ handelt, sondern vielmehr um allesamt vermeidbare Fehlhandlungen.

Zum Abschluss meines Plädoyers habe ich den Angeklagten wissen lassen, dass meine Mandanten seine Entschuldigung annehmen.

Dreieinhalb Jahre Gefängnis: Empfinden Sie die Strafe als gerecht?

Gerechtigkeit liegt sicherlich immer im Auge des Betrachters, die eine gerechte Strafe kann es in so einem Fall gar nicht geben. Mit der Zug-Katastrophe sind so viele Einzelschicksale verbunden und jeder Betroffene hat ein anderes Rechtsempfinden. Und egal, wer welches Strafmaß für angemessen hält: Am Ende wissen doch alle, dass jede Strafe dieser Welt die Opfer nicht mehr lebendig oder gesund machen kann.

Ich denke, die Frage ob hier eine gerechte Strafe ausgesprochen wurde, kann im Ergebnis dahinstehen, dies wird sich jeder selbst fragen müssen. Wichtig ist, dass durch den Prozess eine lückenlose Aufklärung der Umstände erfolgen konnte, welche zu dieser Katastrophe geführt haben. Ich hoffe, dass dies den Hinterbliebenen und den Verletzten vielleicht ein Stück weit für die persönliche Aufarbeitung helfen kann.

 

 

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