Das traurige Ende des jungen Schwans

Am Innufer von den Eltern verstoßen - Auch Tierklinik konnte ihn nicht retten

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Wer am Inn rund um die Stadt spazieren geht, dem fällt allerhand ins Auge – zumindest dem, der den Blick vom Handy löst. Tanzende Gräser, mächtigen Weiden, der ewige Strom, junge Schwalben, die übermütig, aus reiner Lust am Fliegen, dicht übers Wasser sausen und dieser Tage auch ein Schwanen-Paar samt Jungtieren. Um letztere spielte sich ein kleines Tier-Drama ab, das Daniela Reißmann, vielen Wasserburgern von der „Stielblüte“ in der Färbergasse bekannt, hautnah erlebte. Ihr Bericht …

>> Es war die Zeit, in der die Wildnis am Inn-Damm den Menschen wieder zugänglicher gemacht wird. Alle Jahre vor dem Inndammfest wird am Ufer rund um die Stadt das hohe Gras abgemäht. Die nötigen Mäharbeiten schreckten die Schwanen-Familie wohl auf. Die Schwäne liefen durch die Gärten der nahe gelegenen Siedlung und ließen die Gartler und Anwohner erst mal staunen. Also tat man sich beherzt zusammen, um die Tiere wieder zum Inn zu lotsen. Eine nicht ungefährliche Aufgabe, wenn man das natürliche Verhalten von Schwänen bedenkt. Vor allem wenn sie Junge haben. So ein ausgewachsenes Vieh kann ordentlich beißen.

Mit vereinten Kräften brachte man die Tiere zum Ufer. Jemand fragte, ob dieses Paar nicht eigentlich drei, statt nur zwei Junge hätte. Tatsächlich fand man einige Meter weiter noch ein Junges auf einer Stufe zum Wasser sitzen. Das hatten sie in der Aufregung wohl verloren. Man brachte es zu seiner Familie und ein schöneres Happy Ende, hätte man sich nicht vorstellen können.

Kurz nach dieser Geschichte sah dann einen jungen Schwan alleine am Ufer schwimmen sah. Beim morgendlichen Spaziergang mit dem Hund, zu dem er einen respektvollen Abstand hielt, schwamm er neben mir her. Als ich stehen blieb, schwamm er auf der Stelle. „Wo ist denn deine Mama? Bist du ganz alleine?“, dachte ich. Er gab ein leises Krächzen von sich, das wie ein Weinen klang. „So ist halt die Natur“, dachte ich. Die Elterntiere verstoßen erkrankte oder von Parasiten befallene Junge, um sich selbst und die übrige Nachkommenschaft zu schützen. Das mag grausam sein, aber man muss die Regeln und Gesetze der Natur verstehen lernen und sie respektieren.

Doch die eine Regel musste ich leider brechen, als mir der Schwan beim Mittags-Gassi mit meinem Hund abermals begegnete und mir diesmal regelrecht vor die Füße fiel. Er purzelte beim Essigwerk Burkhardt den Hang und konnte offensichtlich nicht mehr von alleine aufstehen. Der lange Hals schlackerte herum, der Schnabel ging auf und zu, aber kein Ton kam heraus. Kein bisschen Puste mehr. Das Tier war total erschöpft. Also nahm ich ihn, hielt seinen Kopf auf Abstand zu meinem und den Hund auf Abstand zum Vogel. Nach kurzem Gezeter sank er in zusammen und legte seinen Kopf von selbst ab.

 

Mir kam es so vor, als wüsste der große Vogel dass man ihm helfen wollte. Von irritierten Blicken begleitet brachte ich ihn in den Garten meiner Freunde und Nachbarn. Die halfen sofort fleißig beim telefonieren, um adäquate Hilfe für das Tier zu organisieren. Kein leichtes Unterfangen, wie sich herausstellte. Einzig die Vogelklinik in Oberschleißheim würde sich um das Tier kümmern, also fuhr ich los. Der Schwan wählte den Beifahrersitz. Eine dumme Idee? Nein. Liegen und sterben lassen, war keine Option. Solange ich dem Schwan auf dem Beifahrersitz mit meiner rechten Hand streichelte, blieb er ruhig. Nahm ich meine Hand zurück, drehte er den Kopf und blinzelte mich an, wie um zu demonstrieren „ich lebe noch, bitte weiter machen“.

Die Mitarbeiter der Vogelklinik nahmen das Schwänchen in Empfang und versorgten ihn mit Infusionen, „Päppel-Futter“ und einem leichten Beruhigungsmittel für die erste Nacht, denn es war bereits Abend geworden. Die Nacht musste er in Quarantäne verbringen bis er am nächsten Tag eingehend untersucht werden konnte.
Zwei Tage später rief ich in der Klinik an und fragt nach. Der Schwan lebe, für nähere Auskünfte müsste ich zum Ende der nächsten Woche anrufen.

 

Doch ließ der nächste Kontakt nicht so lange auf sich warten, schon wartete der nächste Patient auf die Fahrt  mit dem Vogel-Taxi ins Krankenhaus. Eine junge Amsel mit gebrochenem Flügel, fehlender Schwanzfeder und einem insgesamt etwas
‚angekauten‘ Erscheinungsbild konnte ich nicht liegen lassen.  Mit menschlicher Begleitung und diesmal nur einer Handvoll Vogel, der noch erbärmlicher aussah als der letzte, fuhr ich erneut nach Oberschleißheim.

Ich dachte kurz an den Schwan, der sich vielleicht schon einigermaßen erholt hätte und freute mich, dass ich ihn vielleicht noch mal zu sehen bekäme. Doch dann kam die traurige Nachricht:  Alle Bemühungen, dem Schwan zu helfen, waren vergebens. Kurz bevor wir die Amsel einlieferten, schlummerte er hinüber ins Jenseits. Er war geröntgt worden, ein großes Blutbild wurde angelegt. Er wurde gegen die Parasiten behandelt und gefüttert. Kurz sah es so aus, als käme er durch. Doch dann ging es ihm wieder schlechter. Man untersuchte ihn erneut, fand aber nichts was den immer schlechter werdenden Zustand erklären könnte. Am Ende versagten seine Nieren.

War ihm die Trennung der Familie sprichwörtlich an die Nieren gegangen? Wenn man bedenkt, dass Schwäne immer im Verbund leben und ein Leben lang zusammen bleiben,
könnte man auf die Idee kommen. Sie können ja auch am ‚gebrochenen Herzen‘ sterben.
Die Tierärztin versicherte uns dass es dennoch das Beste war, ihn in die Klinik zu bringen. Draußen hätte ihn ein langsamer, qualvoller Tod erwartet. Die ersten Fressfeinde hätten sich bald über seinen geschwächten Körper hergemacht. Genau wie über die kleine Amsel.

Auch sie wurde in der Oberschließheimer Klinik eingehend untersucht und behandelt, als handle es sich um ein geliebtes Haustier. Mit dem Unterschied, das für ein Wildtier in Not niemand persönlich aufkommen kann. Die Ärzte der Uniklinik Oberschleißheim und ihre Mitarbeiter tun es aus einer gewissen Ethik heraus, dass diese Tiere genauso liebevoll umsorgt werden. Es wird lediglich um eine Spende gebeten.

Menschen, die an der ersten ‚Rettung‘ der Schwanenfamilie beteiligt waren, meinen Freunden und den Mitarbeitern der Tierklinik möchte ich danken. Sie haben sich spontan zusammen getan, für etwas, dessen Sinn und Ausgang ungewiss war. Eine Belohnung wurde auch nicht in Aussicht gestellt, weswegen sich ein anderer nicht einmal umgedreht hätte. Aber sie haben aus dem Herzen heraus gehandelt… <<

 

Wer in ähnliche Situationen kommt kann sich an folgende Adresse wenden:

Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Zierfische
Ludwig-Maximilian-Universität München
Sonnenstraße 18
85764 Oberschleißheim

Telefon: 089/218076070

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3 Gedanken zu „Das traurige Ende des jungen Schwans

  1. Das ist sehr traurig. Danke, dass Du für den kleinen Schwan da warst.

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  2. Respekt an Alle, die sich so liebevoll um die zwei Tiere gekümmert haben! Schön, dass es so Menschen wie Euch gibt! Hut ab!

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  3. Die Schwanenfamilie ist bei unserem Haus vorbei gelaufen – schön brav hintereinander, ein Elternteil vorn die Kinder in der Mitte und ein anderes Elternteil hinterher.
    Sie hielten sich immer in der Nähe der Kapelle am Wasser auf, bis die Näharbeiten am Inn losgingen.
    Wir versuchten sie von der Straße Richtung Stadt wieder auf den Inn zu reiben. Am nächsten Tag wurde wieder gemäht und die Familie lief wieder davon – diesmal nur noch mit 2 jungen – wir gingen auf die Suche des dritten und würden auch fündig.
    Danke das du dich so um den kleinen gekümmert hast. Ich habe leider noch nie gehört das Vogel die von Menschen berührt wurden durch kommen.

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