Berührende Fluchtgeschichten

Maria von Welser stellte ihr neues Buch in Rosenheim vor: „Kein Schutz –nirgends“

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160714_Kein Schutz, nirgends (1)Rosenheim – Auf Einladung der SPD- und DGB-Frauen war Maria von Welser nach Rosenheim gekommen, um ihr neues Buch zum Thema „Frauen und Kinder auf der Flucht“ vor großem Publikum in der Buchhandlung Thalia vorzustellen. Für die Bezirks- und Stadträtin Elisabeth Jordan (r.) war es eine große Freude, die Journalistin und Autorin begrüßen zu dürfen.

Es war jedoch weniger eine klassische Buchpräsentation – von Welser sprach über Menschen. Menschen, die ihre Heimat verloren hatten, weniger lebten als vielmehr ein Dasein fristeten. Oftmals perspektivlos. Um das Erlebte noch besser darzustellen, zeigte sie zu den Geschichten die Bilder der Menschen, die sie auf ihren Reisen in die Flüchtlingsgebiete getroffen hatte. Denn anders als viele Politikerinnen und Politiker sprach sie in Ländern wie der Türkei, dem Libanon oder Jordanien nicht über Flüchtlinge, sondern mit ihnen. Und mit ihren Augen und der Linse ihrer Kamera sah sie manchmal mehr, als Menschen eigentlich preisgeben wollen. „Jesidische Frauen erzählen immer aus dem Leben der Frau von nebenan, meinen aber in Wahrheit sich selbst. Der jesidische Glaube verbietet es, über sich selbst zu sprechen“, berichtete Welser. Sie sah verschiedene Flüchtlingslager in den unterschiedlichen Ländern. Leidtragend seien immer die Frauen und Kinder. Die Männer versuchten sich nach Europa durchzuschlagen. Auf der Balkanroute waren letztes Jahr bis zu 75 Prozent Männer. „Wo sind die Frauen und Kinder?“, fragte sich die Autorin – und fand sie in den Flüchtlingslagern. Jede Frau, jedes Kind habe ihr eigenes Schicksal, doch sie hätten eines gemeinsam – die Kinder seien ohne Zukunft. Für von Welser die größte Kümmernis auf ihrer Reise. „Eine ‚lost generation’. Und keiner weiß, was aus ihnen wird“, sagte von Welser.

Der Libanon habe eine Sonderstellung in der Flüchtlingsfrage: Bei einer Einwohnerzahl von 4,5 Millionen Menschen leben dort geschätzt 2 Millionen Flüchtlinge. Für ein Land, das selbst vom Bürgerkrieg geprägt ist, kein leichtes Unterfangen. Die sozialen Spannungen nähmen zu. Willkommenskultur sehe anders aus. Flüchtlinge nähmen für Hungerlöhne jede Arbeit an, die sie bekommen könnten. Libanesen hätten so oft keine Möglichkeit mehr, Arbeit zu finden. Anders als Libanesinnen gelten syrische Frauen als sehr zurückhaltend und angepasster. Viele Libanesen nähmen sich daher als Zweit- oder Drittfrau nun Syrerinnen. Eine Tatsache, die den libanesischen Frauen nicht Recht sei. Auch hier käme es so zu gesellschaftlichen Spannungen.
Die Unterkünfte der Flüchtlinge im Libanon seien menschenunwürdig. Die Settlements, sogenannte „ITS“, sind Behausungen aus Pappe, Papier oder Stoffresten. 1.728 dieser ITS gibt es insgesamt im Libanon.

Auch die Situation in der Türkei sei nicht wirklich besser. Es gibt 25 Flüchtlingslager nahe der Grenze zu Syrien. „Viele Frauen wollen zurück nach Syrien. Sie bekommen keine Arbeit in der Türkei. Lieber gehen sie in das Land zurück, um sich an der Waffe ausbilden zu lassen und für ihre dortige Freiheit zu kämpfen. Ihre Kinder lassen sie bei den Großeltern“, berichtete von Welser.
Das Fazit der Journalistin fiel nüchtern aus. Die Flüchtlingsfrage sei noch lange nicht geklärt. Bis zu 700.000 Menschen warteten in Libyen auf ihre Überfahrt nach Europa, und das Türkei-EU Abkommen funktioniere bis heute nicht. Die abschließende Diskussion mit dem Publikum zeigte, wie präsent die Thematik in Rosenheim noch immer ist und wie sehr sich die Menschen – auch wenn die Berichterstattung in den Medien das Thema nur noch am Rande streift – damit auseinandersetzen.
SPD-Bezirksrätin Jordan lobte in ihrem Schlusswort den unermüdlichen Einsatz der städtischen Behörden in Rosenheim. Sie betonte aber auch die enorme Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements in der Flüchtlingsfrage. „Die Zivilgesellschaft war im vergangenen Jahr der Bundes- und Landespolitik bei der Aufnahme der Flüchtlinge oftmals einen Schritt voraus. Ohne diesen Einsatz der Ehrenamtlichen wäre vieles bis heute nicht möglich“, sagte Jordan abschließend.

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