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Rundum gelungene Abiturfeier des Luitpold-Gymnasiums - Die Rede des Schulleiters

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Feierliche Stimmung im Wasserburger Rathaussaal: 97 Abiturienten des Luitpold-Gymnasiums hatten sich zu ihrem großen Tag festlich herausgeputzt. Und auch der historische Rathaussaal zeigte sich bei der Abschlussfeier bunt geschmückt von seiner allerbesten Seite. Schulleiter Peter Rink konnte zahlreiche Ehrengäste begrüßen. Unter ihnen: Der Zweite Bürgermeister der Stadt, Werner Gartner, der stellvertretende Landrat Josef Huber, der Elternbeiratsvorsitzende Sebastian Weger und Edith Stürmlinger, die Vorsitzende der Luitpoldiana Fördergemeinschaft. 

Alle Drei sprachen Grußworte zu den Abiturienten.

In seiner Abiturrede ging Schulleiter Peter Rink auf Wilhelm von Humboldt ein, der das dreistufige Schulsystem in Preußen eingeführt hatte. „Damals ging es beim Lernen noch um die ,Befreiung des Menschen‘,  heute steht mehr die Qualifikation für den Beruf im Mittelpunkt.“

 

 

 

 

 

 

Die Abiturrede 2017 von Direktor Peter Rink in vollem Umfang:

>> Meine sehr verehrten Damen und Herren,

seit 12 Jahren habe ich nunmehr die Freude, die Leitung dieser
Schule inne haben zu dürfen.

Heuer brach zum ersten Male unter den Abiturienten und deren
Eltern Nervosität aus, weil die Furcht laut wurde, es könnte nicht
genügend Plätze im Auditorium für diese Zeugnisverleihung geben.
Ich wurde angesprochen von Elternbeiräten, bei Veranstaltungen
des Heimatvereins kam man auf mich zu, Eltern schrieben mir
Briefe, es war beeindruckend, ein solch großes Interesse an der
Abiturfeier war auch für mich neu; so hatte ich das noch nicht
erlebt.

Als ich vor gut 45 Jahren mein Abiturzeugnis erhielt, da gab es eine
solche Feier nicht. Wir holten uns unser Zeugnis im Sekretariat ab,
ebenso wie später an der Universität. Unser Schulleiter hatte zu
große Sorge (und die Sorge war nicht unberechtigt), dass wir eine
evtl. Feier zu einem Happening gestalten würden, in dem wir die
Gesellschaft und alles, was sie zu bieten hatte, in Grund und Boden
verdammen würden. Die Verantwortlichen der Schule befürchteten,
wir würden zu einer Fundamentalkritik an Schule und Gesellschaft
ausholen. Man war froh, dass wir aus der Schule heraus waren,
dass man uns los war. Die Elternhäuser waren nicht selten auch
froh, dass die Kinder endlich aus dem Haus waren und auch die
Abiturienten teilten nicht selten diese Freude.

Heute feiert man gerne das Bestehen der Abiturprüfung und
manche Abiturientin nutzt die Chance, in einem Kleid aufzutreten,
das auch gut bei einer Hochzeit oder einem Galaball ausgeführt werden könnte. Ganz so wie Goethe den Dichter im Prolog zu Faust sagen lässt: „Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten. Und spielen ohne Gage mit“. Ja, der Wandel der Zeiten ändert auch die Bedeutung der Feste. Eine gute Gelegenheit, darüber
nachzudenken, was wir hier heute eigentlich feiern.
In der letzten Woche wurde der 250. Geburtstag Wilhelm von
Humboldts gefeiert. Die Zeitschrift „Cicero“ hat dem großen
preußischen Liberalen Humboldt die Maiausgabe 2017 gewidmet.
Wilhelm von Humboldt gilt als Stammvater des Liberalismus in
Deutschland.

In seiner 1792 verfassten Abhandlung „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ schrieb er: „Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welche die ewig unveränderliche
Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionirlichste
Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist
Freiheit die erste, und unerlässliche Bedingung.“

Er begründete ein dreistufiges Bildungssystem, mit dem wir in
Deutschland bis heute leben, und ich meine, ganz gut leben. Um
Humboldts Gedanken auf das 21. Jahrhundert hinüberzubrechen:
Ein studium generale sollte vom Gymnasium geleistet werden. Der
Abiturient sollte genügend Allgemeinbildung im Herzen tragen,
damit er die dritte Stufe der Bildung, die Universität, erfolgreich
bewerkstelligen könne.

Das Gymnasium sollte bei Humboldt junge Menschen in die Lage
versetzen, sofort studieren zu können. Aber kann eine Idee aus der Zeit der Jahrhundertwende zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert für die Bildungslandschaft des 21. Jahrhunderts taugen? Hat sich die solchermaßen verstandene Bildung nicht überlebt? Benötigen wir heutzutage angesichts der
informationstechnologischen Revolution nicht neue, andere
Konzepte?

Bildung fungiert in der gegenwärtigen Debatte in aller Regel als
Sammelbegriff für all jene Lern- und Trainingsprozesse, denen sich
Menschen unterziehen müssen, um im Kampf um die knapper und
anspruchsvoller werdenden Arbeitsplätze mithalten zu können. Das
unterscheidet uns von der Zeit Wilhelm von Humboldts. Bildung war
gar nicht so sehr auf die Chancen am Arbeitsmarkt ausgerichtet,
sondern war Mittel zur Befreiung des Menschen.

Derzeit ist es hingegen so, dass eine gewisse Wettbewerbsrhetorik im
Bildungsdiskurs eine entscheidende Rolle spiele, wie der Wiener
Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann feststellt. Liessmann
ist der Ansicht, dass die Nützlichkeit erworbenen Wissens und
angeeigneter Kompetenzen für berufliche Karrieren einerseits und
die Erfordernisse einer dynamischen globalisierten Wirtschaft
andererseits zum entscheidenden Gesichtspunkt würden, an dem
sich die Lehrpläne der Primar- und Sekundarschulen ebenso zu
orientieren hätten wie die Universitäten. Man spreche zwar immer
noch von Bildung, fordere aber in aller Regel eine an den
Erfordernissen der Ökonomie orientierte, effizient und
kostengünstig gestaltete sozusagen maßgeschneiderte
Qualifizierung von Arbeitskräften, also ihre Ausbildung und die
Schulung diverser „Kompetenzen“.

Die auf Kompetenzorientierung ausgerichteten Lehrpläne des (sic!) „Lehrplan plus“ gingen in die gleiche Richtung. An der Inflation von power-point-gestützten
Präsentationen kann man das gut ablesen. Josef Kraus nennt dies „betreutes Lesen“, weil nicht selten punktuelles Wissen als allgemeine Kompetenz verkauft werden soll.

Gleichzeitig erleben wir, dass die Aneignung von Wissen und
Qualifikationen generell an Bedeutung verlieren und stattdessen
soziale Integration und die Herstellung gerechter Verhältnisse in
den Mittelpunkt des pädagogischen Interesses gerückt werden soll.
Schule sollte dann wohl die Defizite der Gesellschaft ausgleichen
und für Chancengerechtigkeit und Chancengleichheit sorgen.
Individualisierung und Inklusion werden so zu Schlagworten, meint
Liessmann, die den Charakter von Glaubenswahrheiten annähmen,
die keinen Widerspruch mehr duldeten. Ganz im Sinne von Marie
von Ebner-Eschenbach: „Wer nichts weiß, muss alles glauben!“
Bildung soll dann wohl jene Werthaltung verlieren, die es jedem
ermöglicht, sozial aufzusteigen und damit zum Kriterium für
beruflichen und sozialen Erfolg zu werden.

So gesehen, erfahre die klassische Idee von Bildung im Sinne
Wilhelm von Humboldts Druck von zwei Seiten: durch die
utilitaristische Forderung nach Nützlichkeit einerseits und durch die
Forderung nach Praxisnähe, Schülerzentriertheit andererseits.
Liessmann behauptet, dass wir eine Ausbildung mit dem Ziel
durchliefen, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bildeten,
arbeiteten wir daran, etwas zu werden.

Bildung im Humboldtschen Sinne hatte stets mit Freiheit und Muße,
mit Konzentration und Kontemplation, mit Distanz und Spiel zu tun.
Ein Kunstwerk zu betrachten und zu verstehen, habe deshalb etwas
mit Bildung zu tun, die Fähigkeit, eine Steuererklärung korrekt auszufüllen, eher nicht, wenngleich zweiteres wohl eher lebensdienlich sein dürfte.

Bildung ist kaum denkbar ohne Neugier, ohne Leidenschaft, ohne
Reflexion und Selbstreflexion, ohne Wertung und Bewertung, ohne
den Mut und das Wagnis, sich durch das, was man im
Bildungsprozess erfährt, verändern zu lassen. Blanke Ausbildung
orientiert sich andererseits an operationalisierbaren Fähigkeiten, die
nicht im Hinblick auf die Einsetzbarkeit des Menschen für
verschiedene Zwecke vermittelt und geübt werden können.
Aber wir wissen natürlich, dass das Bemühen um die Freiheit, für
die die Bildung ein ganz wichtiges Vehikel war, heute nicht mehr
gleichermaßen notwendig ist: Und doch: Wenn ich beobachte, wie Denkprozesse verkümmern, weil nicht mehr abseits der erwünschten Haltungen gedacht wird;
wenn Toleranz gefordert, gleichzeitig aber unliebsame Meinungen
aus dem demokratischen Konsens ausgeschlossen werden, wenn
Traditionen negiert werden, da ist es leider nicht mehr weit zum
Neusprech von Georges Orwells 1984.

Wir müssen unbedingt den Mut haben, auch unbequeme Meinungen zu ertragen und wir
müssen uns mit ihnen auseinandersetzen und bitte immer erst
nachher entscheiden, ob an dieser oder jener Meinung etwas dran
ist. Alles andere wäre sonst von Vorurteilen durchsetzt.

„Wer googeln kann, braucht nichts zu wissen“, höre ich zuweilen.
Ja, die Verführung zu dieser Erkenntnis mag groß sein, aber wenn
ich genauer hinsehe, spüre ich, dass Recherche mehr ist, als
wikipedia aufzuschlagen und abzuhaken, und so komisch das
klingen mag: Auch totes Wissen kann sehr hilfreich sein und es ist nicht verkehrt, die Köpfe junger Menschen damit zu behelligen.

Wenn ich weiß, wofür der Begriff „Selektion“ steht, komme ich nicht
im Traum auf die Idee, diesen Begriff für das gegliederte
Schulwesen zu missbrauchen, denn die Gefühle der Opfer des
Holocaust halte ich für schützenswert.

Ja, wir müssen wissen und wir müssen wissen wollen, damit wir
uns in dieser unübersichtlich gewordenen Welt zurechtfinden und
bestehen können. Gerade in dieser Zeit der weltweiten Migration ist
es wichtig, andere Kulturen begreifen zu wollen, und dies nicht nur,
weil wir mit der anderen Kultur Geschäfte machen wollen, sondern
weil wir uns darauf einlassen müssen wollen, auch das eigene
Weltbild verändern zu lassen. Und dazu gehört, dass wir eben nicht
alles messen können. „Wie messen Sie die Schönheit einer
Landschaft?“, fragte mich einmal Alois Glück bei einem
Abendessen. Das geht eigentlich nicht mit Algorithmen oder
Kompetenzen, das geht nur mit Herzensbildung. Und wenn ich die
nicht habe, wäre mein Leben letztlich arm, auch wenn ich in einer
der reichsten Gesellschaften der Erde lebte.

Neben dem Wissen brauche ich dann auch die Urteilskraft, die mir
hilft zu entscheiden, was gut für mich und andere ist und was nicht.
Ich brauche einen Wertekanon, auf dessen Hintergrund ich richtig
entscheiden kann.

Im ersten Brief an die Thessaloniker schreibt Paulus: „Prüft aber
alles und das Gute behaltet!“ In diesem Satz steht alles drin: Ich brauche die analytische
Fähigkeit, alles zu prüfen und ich brauche Werte, die mir helfen zu
entscheiden, was gut ist und was nicht.

Ich hoffe, Ihr konntet an dieser Schule gut vorbereitet werden zu
prüfen, dass Ihr diese analytischen Fähigkeiten erworben habt und
dass Ihr gelernt habt, das Gute zu bewahren. Wenn das im Ansatz
gelungen sein sollte, dann kann ich mir guten Gewissens für Euch
und für Euer Leben wünschen, dass Ihr Euch auch weiterhin bilden
wollt, denn das können andere nicht für Euch erledigen, auch Eure
Eltern nicht, sondern nur Ihr selbst, auch in der modernen Welt des
21. Jahrhunderts. Das wäre ganz im Sinne von Wilhelm von
Humboldts klassischem Bildungsideal.

Als ich meine Abiturprüfung bestand, gab es noch keine
Taschenrechner oder smartphones. Wir erledigten unsere Aufgaben
in der Mathematik mit Hilfe von Rechenschieber und
Logarithmentafel, aber wir haben gelernt zu prüfen und zu
bewahren und zu verwerfen. Natürlich habe ich sehr viele Fehler
gemacht und nicht immer daraus gut gelernt. Hätte ich nur
Kompetenzen erworben, wäre ich wohl schon an der Frage, wie
man einen PC bedient, gescheitert.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. <<

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Ein Gedanke zu „Auf den weiteren Weg bestens vorbereitet

  1. Das ist ein wunderbarer Inhalt

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