Als Wasserburg hungern musste

Die Ernährungskrise nach dem Zweiten Weltkrieg: Buch beim Heimatverein vorgestellt

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haupt_kStadtarchiv und Heimatverein sind es wichtige Anliegen, dass neueste Erkenntnisse der Stadtgeschichtsforschung einem größeren Publikum bekannt werden können und nicht nur in den Bibliotheken verstauben. Der Münchner Historiker Manuel Schwanse befasste sich mit der Ernährungskrise nach dem Zweiten Weltkrieg im Landkreis Wasserburg und stellte seine Ergebnisse jetzt beim Vortragsabend des Heimatvereins vor. Die wissenschaftliche Abschlussarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde von der Stadt gedruckt und ist ab sofort im Stadtarchiv erhältlich.

In seinem Vortrag gab Schwanse vor zahlreichen Interessierten einen Einblick in die ernährungswirtschaftlichen Herausforderungen und Sorgen der Nachkriegszeit. Dabei konzentrierte sich der Referent vor allem auf die Hungerproblematik, wobei die Alltagssorgen vieler Menschen zwischen 1945 und 1948 auch Wohnungsnot, Mangel an Kohle, Wasser und Elektrizität sowie andere Entbehrungen einschlossen.

Nach einer allgemeinen Einführung und der Darstellung der Hungerkrise in Bayern und Deutschland, beschäftigte sich Manuel Schwanse mit der Ernährungslage im Landkreis Wasserburg am Inn. Er zeigte auf, wie entbehrungsreich diese Zeit für die Wasserburger war, verwies aber gleichzeitig auf die deutlich dramatischere Ernährungssituation in Großstädten wie München.

Neben der Darstellung der Hungerkrise in Bayern und Wasserburg ging es Schwanse vor allem darum, typische Hungererfahrungen, Verhaltensweisen und Mentalitäten der Menschen aufzuzeigen. Eine prägende Erfahrung war das Zusammenleben mit „Displaced Persons“, Evakuierten, Flüchtlingen und Heimatvertriebenen. Das kriegsbedingte Eintreffen dieser Menschen führte auch im Landkreis Wasserburg zu einem gewaltigen Bevölkerungswachstum. Konflikte zwischen Einheimischen und Fremden waren an der Tagesordnung, wobei die Nahrungsmittelknappheit nur eine von vielen Streitpunkten war.

Da die ausgegebenen Rationen kaum zum Überleben reichten, waren viele Menschen auf eine illegale Zusatzversorgung angewiesen. Schwanse zeigte auf, dass sich ein Großteil der Bevölkerung am Schwarzmarkt beteiligte und Lebensmittel hamsterte. Weitere für diese Zeit prägende Erfahrungen und Mentalitäten waren die bürokratische Erfahrung im streng reglementierten Rationierungssystem und die vom Versorgungsneid geprägte Vergleichsmentalität. Zum Schluss stellte Manuel Schwanse noch die Arbeiterwohlfahrt Wasserburg vor. Diese hatte sich als eine von vielen in- und ausländischen Initiativen dem Kampf gegen Hunger und Elend verschrieben.

Nach dem Vortrag nutzen einige der Zuhörer die Möglichkeit, von ihren eigenen Erfahrungen als Kinder in der Nachkriegszeit zu berichten. Die interessanten Beiträge ergänzten Schwanses Vortrag gewinnbringend und rundeten den spannenden Vortragsabend ab.

Publikation zum Thema ab sofort im Stadtarchiv erhältlich

Der Vortrag basierte auf der Masterarbeit Manuel Schwanses. Diese wurde beim Städtischen Geschichtswettbewerb der Stadt Wasserburg mit dem 1. Preis prämiert. Bereits mit seiner Bachelorarbeit zum Dreißigjährigen Krieg in Wasserburg war Schwanse im Jahr 2013 1. Preisträger des wissenschaftlichen Wettbewerbs geworden. Um die Erkenntnisse der Masterarbeit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, gibt die Stadt Wasserburg die Arbeit ihres 1. Preisträgers in einer kleinen Druckauflage heraus. Das Werk kann ab sofort im Stadtarchiv Wasserburg zum Selbstkostenpreis von 8€ erworben werden.

Wegen ihres alltagsgeschichtlichen Ansatzes ist die Arbeit auch für historisch interessierte Laien gut und spannend zu lesen. Der Autor ermöglicht einen Einblick in die Herausforderungen des Alltags der Menschen in Bayern und Wasserburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Er zeigt auf, warum sich die meisten Bürger in der Nachkriegszeit kaum für Politik interessierten. Und nach der Lektüre dürfte jeder Leser nachvollziehen können, warum Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der bis zum Ende seines Lebens Kettenraucher gewesen war, nur und gerade während der Nachkriegszeit mit dem Rauchen aufhörte.

Ab sofort im Stadtarchiv erhältlich:

Manuel Schwanse, Die Ernährungslage in Bayern 1945-1950 unter besonderer Berücksichtigung des Landkreises Wasserburg a. Inn, Arbeit des 1. Preisträgers des wissenschaftlichen Wettbewerbes „local History & History of Arts“ der Stadt Wasserburg am Inn, Herausgegeben von der Stadt Wasserburg am Inn, Oktober 2016.

haupt

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