Die zuagroaste Schnapsdrossel

Das Leben der Wasserburger Neubürgerin Hiltrud Sander (XIII)

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Fashion models. Sketch.Sie kennen Hiltrud Sander nicht? Kein Wunder. Die Dame mittleren Alters ist Wasserburger Neubürgerin – erst seit ein paar Monaten da. Was für uns Stodara ganz selbstverständlich ist, muss die gute Frau aus Münster in Westfalen erstmal erkunden und lernen. „Hille”, wie wir sie liebevoll nennen, berichtet jede Woche von ihrem Leben als Neu-Wasserburgerin. Heute: Hiltrud auf dem Lande – unter www.wasserburger-stimme.de …

Montag Morgen und mich plagt derber Schlafmangel. Stellen Sie sich vor, gestern wurde ich bereits im Morgengrauen aus dem Tiefschlaf gegurrt. Nein, nicht vom Lokomotivführer, der darf noch nicht an meiner Seite grunzen – da bin ich diesmal unerbittlich – das Gurren und Krähen kam von draußen!

„Gurr gurr“ in Abwechslung mit „Kikeriki“. Ich dachte mir zuerst: Wow, Frühling liegt in der Luft, seine beliebtesten Vorboten sind ja die Vögel.
Aber als ich aus meinem Fenster spähte, da traute ich meinen Augen nicht. Die ganze Ledererzeile glich einer nicht mehr enden wollenden Legebatterie. Hühner, Hühner und nochmal Hühner. Dazwischen Tauben und Hähne. Man konnte sie riechen, sehen und hören.

Zu all den Tauben, Hühnern und Hähnen und deren mehr als skurril wirkenden Haltern gesellte sich bereits ab 7 Uhr morgens eine Schar Schaulustiger und Interessenten.  Und wenn Sie meinen, ich hätte meinen Schlaf wiedergefunden, dann irren Sie, denn der Zuschauerstrom riss bis Mittag nicht ab. Wie gebannt klebte ich am Fenster und beobachtete Herren mit dicken Jacken und roten Köpfen die ihre Hühner unsanft aus dem Gitterpalast holten um sie dann, nicht ohne eingehendes Fachgespräch, an andere Herren mit ebenfalls gerötetem Gesicht zu verkaufen. Ein paar Frauen waren auch dabei. Sie bewegten sich in sicherer Distanz zu den Gitterpalästen und hatten in dieser Angelegenheit ganz offensichtlich nichts zu sagen.

Gegen Mittag war der Zauber vorbei und das Gurren hatte schlagartig ein Ende. Die Käfige verschwanden wie durch Geisterhand und an das Spektakel erinnerte nur noch ein wenig Hühnerkot und Sägespäne auf der Straße. Aber auch letzteres wurde durch fleißige Herren in orangen Anzügen zeitnah und akribisch genau entfernt. Die spinnen doch, die Wasserburger, oder?

Tiere spielen in meinem Leben eine immer größer werdende Rolle. Ob tot, sauber filetiert und verwurstet in der Theke meiner Metzgerei oder eben klein und kläffend bei mir zu Hause, das Tier ist immer präsent!

Und so meint wohl auch mein Lokomotivführer Franz, dass eine sichere Methode, mein Herz zu gewinnen, darin besteht, mich mit Tieren zu konfrontieren. So kam es, dass er mich am Samstag tatsächlich seinen Eltern vorstellte.

Die Eltern vom Franz wohnen in Oibich (…so sagen die Menschen hier zu Albaching!) und sind Landwirte. Dem Tagesmotto entsprechend (ver-)kleidete ich mich ländlich mit Strickpullover, Woll-Leggins und witzig bunten Gummistiefeln. Ob das dem Franz gefiel, das kann ich nicht so genau sagen, aber der Vater vom Franz hat mich gleich recht überschwänglich umarmt. Dass er auch Franz heißt, fand ich zwar sonderbar, meinem verschusselten Naturell kam es jedoch entgegen.

Oh ja, die Bauern haben es gar nicht so leicht. Das merkt man der Mutter vom Franz auch irgendwie an. Sie bewohnen ein heftig raues Milieu, das Frauen wie ich eher scheuen als ersehnen. Daher hat die Mutter vom Franz, zu der ich Mari sagen darf, auch offensichtlich die Blüte ihrer Jahre hinter sich und statt fröhlicher Lachgrübchen hat sie einen eher harten Zug um den Mund. Ich hatte gleich ein wenig Angst vor ihr und heuchelte, um der drückenden Stille zu entkommen, großes Interesse an Kühen…

„Franzl, wusstest du eigentlich, dass ich schon immer mal Melken lernen wollte!“. Das ließ sich der Franz (Junior!) nicht zweimal sagen und ich bereute meine Forschheit spätestens in dem Moment, als ich die bedrohlich wedelnden und kotverkrusteten Kuhschwänze sah. Das Schicksal meinte es allerdings nochmal gut mit mir, denn der Franz Senior rief zum Kaffee. Die Mari hatte eine prima Schwarzwälder Kirschtorte gebacken und mein mitgebrachter Eierlikör erfreute sich bei beiden „Franzens“ – und natürlich bei mir – größter Beliebtheit. Mari verweigerte den edlen Tropfen, ihr Mund glich einem Briefkastenschlitz und ich weiß nicht wirklich, ob sie mich mag oder ob sie mich kurzerhand in die Schublade „zuagroaste Schnappsdrossel“ gesteckt hat.

Ich werde das schon noch herausfinden.
Es grüßt.

Die Hille

 

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2 Gedanken zu „Die zuagroaste Schnapsdrossel

  1. Holger Kalvelage

    Hallo Hille,

    ker, ne Münsteraner Kaline in Wasserburg, ist das nicht jovel? Die Welt ist nicht groß genug, dass einem nicht überall Münsteraner Seegers und Kalinen übern Weg laufen. Hab Deine Geschichte so ab und zu verfolgt – echt lecker zu lesen sach ich mal.
    Wünsch Dir weiter ein spannendes und abwechslungsreiches Einleben in dem schönen Städtchen Wasserburg – Bogengänge ham se ja auch, wenn auch nich so imposant wie auf´m Prinzipalmarkt.

    Liebe Grüße von einem Münsteraner Seegers 6 km vor Wasserburg

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  2. Immer wieder gut, die Glossen von der Hille……

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