Zugunglück: „Es war ein menschlicher Fehler“

Staatsanwaltschaft betont: Kein Vorsatz - Pressekonferenz in Bad Aibling

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Foto 1Die Ursache für das schwere Zugunglück in Bad Aibling – sie war ein Fehlverhalten des 39 Jahre alten Fahrdienstleiters. Das sagte soeben der leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese von der Staatsanwaltschaft Traunstein bei der Pressekonferenz im Aiblinger Rathaus. Gestern am Nachmittag habe der Fahrdienstleiter bei einer mehrstündigen Vernehmung alle Einzelheiten zum Unglück geäußert. Der Stand der Ermittlungen demnach: Sein Verhalten sei nicht in Einklang zu bringen mit einem regelkonformen Verhalten, so Giese. Von der Freigabe des Zugverkehrs bis hin zu dem Versuch, die Katastrophe noch zu verhindern, wurde gesprochen. Es sei ein menschlicher Fehler gewesen – ohne Vorsatz, betonte Giese …

Derzeit spricht der Chef des Polizeipräsidiums Robert Kopp.

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Bei dem Unglück wurden elf Personen getötet, 24 Menschen zum Teil schwerst verletzt und 61 Personen leicht verletzt. Wieviele Menschen sich zum Zeitpunkt des Unglücks in den beiden Zügen befanden, sei unklar – deshalb die Bitte von Kopp, unverletzt gebliebene Personen sollten sich doch bitte bei der Polizei melden. Es sei wichtig für die weitere Klärung der Katastrophe.

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Foto Quelle BR

Warum die Klärung der Unfallursache so wichtig sei, wurde ebenfalls erläutert. Es sei relevant für folgende Verhandlungen. Es gehe primär dabei um die folgenden Prozesse wie Schmerzensgelder und Schadenersatz-Forderungen. Zudem gehe es natürlich für die Bahn darum, Schlüsse zu ziehen, um künftig solche Unglücke vermeiden zu können.

Technische Fehler in Bezug auf Bremsanlagen, Signalgebung und so weiter werden ausgeschlossen.

Hier die Presseerklärung des Polizeipräsidiums heute am Nachmittag im Wortlaut:

Nach dem folgenschweren Zugunglück bei Bad Aibling am 9. Februar 2016 mit elf Toten, 24 schwer- und 61 leichtverletzten Personen, hat die Staatsanwaltschaft Traunstein gegen den 39-jährigen Fahrdienstleiter ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung und des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr eingeleitet.

Am Faschingsdienstag stießen gegen 6.47 Uhr ein Meridianzug von Holzkirchen nach Rosenheim und ein Meridian-Zug von Rosenheim nach Holzkirchen auf Höhe Bad Aibling zusammen. Die beiden Züge kollidierten an der eingleisigen Bahnstrecke zwischen dem Haltepunkt Bad Aibling Kurpark und dem Bahnhof Kolbermoor.

Wie viele Personen sich tatsächlich in den Zügen befunden haben steht nicht definitiv fest. Es wird von rund 150 Reisenden ausgegangen. Unverletzte haben sich teilweise ohne Registrierung frühzeitig von der Unfallstelle entfernt. Diese werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei Rosenheim unter der Telefonnummer 08031/2000 zu melden, da sie für die weiteren Ermittlungen als wichtige Zeugen von Bedeutung sind.

Die Ermittlungen unter Sachleitungsbefugnis der Staatsanwaltschaft Traunstein sind kompliziert, aufwendig und zeitraubend. Die Sonderkommission der Kriminalpolizei Rosenheim arbeitet eng mit der Bundespolizei, mehreren Gutachtern der Eisenbahnbehörden sowie einem externen Sachverständigen zusammen. Mittlerweil konnten alle drei vorhandenen Datenspeicherkarten (Blackboxes) sichergestellt und ausgelesen werden.

Die vollständige Auswertung dieser Daten dauert allerdings noch an. In Hinblick für eine Begutachtung wurden die beiden Triebwägen, weitere technische Datenträger und Aufzeichnungen sowie schriftliche Unterlagen, die in Zusammenhang mit dem Fahrdienstleiter in Bad Aibling stehen, sichergestellt. Parallel dazu wurde mit der Vernehmung von Zeugen des Unglücks begonnen. Dazu gehören die leicht- und schwerverletzten Personen, unverletzte Zuginsassen und Angehörige des Bahnbetriebspersonals.

Die Sonderkommission wird den Sachverhalt in den kommenden Wochen und Monaten umfassend untersuchen und dabei auch auf alle rechtlichen Fragen eingehen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nach allen bisherigen Ermittlungen und Erkenntnissen keine Hinweise auf ein technisches Versagen oder technische Mängel.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat schon kurz nach dem Unglück gegen den für die Zugabwicklung zuständigen Fahrdienstleiter ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr eingeleitet.

Der Fahrdienstleiter hat sich am Montagnachmittag mit seinen Verteidigern einer mehrstündigen Vernehmung gestellt und sich in allen Einzelheiten zu seinem Verhalten im Zusammenhang mit der Zugabwicklung vor dem Unfallgeschehen geäußert. Sein Verhalten ist nicht mit dem für ihn geltenden Regelwerk als Fahrdienstleiter in Einklang zu bringen. Hätte er sich regelgerecht – also pflichtgemäß – verhalten, wäre es nicht zum Zusammenstoß der Züge gekommen.

Ein vorsätzliches Fehlverhalten scheidet allerdings aus. Die Einlassung des Beschuldigten zu seinen Handlungen auch zur Verhinderung der bereits anlaufenden Katastrophe muss nun anhand der umfassend gesicherten Daten und den sonstigen Ermittlungsergebnissen überprüft werden. Es ist aber ebenso wichtig mitzuteilen, dass nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen keine Anhaltspunkte für ein technisches Versagen der Züge oder der Signal- und Bremsanlagen erkennbar sind.

Fotos: Georg Barth

 

 

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7 Gedanken zu „Zugunglück: „Es war ein menschlicher Fehler“

  1. Mir tut der Fahrdienstleiter leid
    Ich möchte nicht in seiner Haut stecken!

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  2. Mir geht’s genau so.

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    1. Mir auch. Bin fassungslos über dieses furchtbare Ereignis. Entsetzlich, was Opfer und deren Familien erleiden mussten und müssen. Aber auch der Fahrdienstleiter wird zeitlebens nie mehr froh werden.
      Ich weiß nicht, ob die Verletzten und die Angehörigen der Toten irgendwann Erbarmen für ihn aufbringen können, wünsche es ihm.

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  3. Einen Fehler macht jeder einmal. Wenn es dann ein Fehler mit solchen fatalen folgen ist,ist das für alle Beteiligten furchtbar. Mir tut der mann sehr leid. Er muss damit leben können. Ich weiß aber nicht wie ich wirklich damit umgehen könnte, wenn ich oder ein Familienmitglied betroffen wären.

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    1. Ich glaube, ich würde ihm vergeben. wie du gesagt hast, Fehler machen ist menschlich.

      Jemanden zu hassen, das bringt auch den Angehörigen nicht zurück. Der Fahrdienstleiter ist gestraft genug.

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      1. Sehe ich grundsätzlich auch so. Falls ich aber in der Situation eines Betroffenen wäre, weiss ich nicht, ob es dann auch so wäre. Deshalb ist es schwierig, darüber eine Meinung zu äußern. Hoffentlich kommt man nie in die Situation.

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  4. Dieser Kommentar trifft so genau meine Meinung, dass ich ihn hier wiedergeben möchte:
    Zitat:
    >> Jeder von uns kann ein schicksalsgetroffener Fahrdienstleiter sein

    Es wird vielleicht schnell vergessen oder verdrängt oder nicht wahrgenommen: Das Schicksal dieses Fahrdienstleiters kann jeden von uns genauso treffen.
    Es wird nur nicht so sehr wahrgenommen.
    Ein Beispiel: Als Autofahrer nehme ich einem Reisebus die Vorfahrt. Er weicht aus, überschlägt sich eine Böschung hinab und viele Menschen sterben oder sind schwer verletzt. Der Fahrdienstleiter ist dann „nur“ ein Autofahrer. Es kann ein Motorradfahrer sein, ja, sogar Fußgänger haben Tragödien ausgelöst.

    Ich will damit sagen, es ist tragisch und es ist entsetztlich, aber von der persönlichen strafrechtlich vorwerfbaren Schuld ist der Fahrdienstleiter vermutlich nicht viel weiter weg als der obengenannte Autofahrer. Bahnunglücke sind zum Glück sehr selten. Jedenfalls seltener als die „Katastrophen“ im Strassenverkehr.
    Der Mann ist ohnehin für sein Leben gestraft. Das Ereignis wird ihn verfolgen. Ich hoffe nicht suizidal. <<

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