„Wo sind die Leute, die Menschen pflegen?“

Beauftragter der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, in Rosenheim

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ludwigRosenheim – Immer mehr ältere Menschen, immer mehr Fälle von Demenz, und ein Beruf, der zu wenig Wertschätzung bekommt – da zieht der Pflegebeauftragte der Bundesregierung Karl-Josef Laumann dieses Fazit: „Die Pflege ist die größte gesellschaftliche Herausforderung der nächsten 20 Jahre. Die zentrale Frage lautet: Wo finden wir die Leute, die Menschen pflegen?“ Das Thema Pflege brennt der Politik, aber auch den Pflegediensten unter den Nägeln. Das zeigte die Veranstaltung „Pflege braucht Zukunft“ der Rosenheimer CSU-Bundestagsabgeordneten Daniela Ludwig. Sie hatte Vertreter …

… von Pflegeeinrichtungen und Arbeitskreisen zur Diskussion mit Laumann eingeladen.

„Das Thema Pflege nimmt eine rasante Entwicklung“, sagte die heimische Wahlkreisabgeordnete. „2008 waren 4,9 Prozent der Deutschen über 80 Jahre alt, 2050 werden es 14 Prozent sein.“ Bis dahin würden 2,2 Mio. Menschen auch an Demenz leiden. „Die hohe Belastung der Pflegekräfte ist nur eines von vielen Problemen.“

Wichtig seien in Zukunft niederschwellige Angebote für Betroffene und Angehörige. Zwei Initiativen stellten sich der Öffentlichkeit vor. So will der „Rosenheimer Weg gegen Vergesslichkeit“ die Stadt Rosenheim zu einer demenzfreundlichen Kommune machen. Getragen wird die Initiative vom Verein „Pro Senioren Rosenheim e.V.“. „Wir bieten allen Schulungen an, die mit Demenzkranken zu tun haben – vom Apotheker über den Taxifahrer bis hin zum Busfahrer“, sagte die Vorsitzende Inge Ilgenfritz. Außerdem bemüht sich der Verein um eine eigene geriatrische Abteilung im RoMed-Klinikum Rosenheim.

Die Pflege-Stiftung Meltl kümmert sich um das Thema Pflegekräfte. „Bei unseren Schulungen und Seminaren auf der Fraueninsel bekommen Pflegekräfte das, was ihnen im Alltag fehlt, nämlich Wertschätzung“, sagte Stiftungsvorstand Dr. Götz Busse. Er kritisierte die bürokratischen Dokumentationspflichten für die Pflegekräfte durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. „Die sind oft nicht mehr nachzuvollziehen und sind ein Ausweis des Misstrauens, das unsere Gesellschaft der Altenpflege entgegenbringt.“

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung Karl-Josef Laumann zeigte für die Kritik viel Verständnis. Im neuen Pflegestärkungsgesetz des Bundes werde die Dokumentationspflicht deutlich entschärft werden. „Wir werden hier auch den Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definieren. Davon werden insbesondere Demenzkranke profitieren, da sie nun besser erfasst werden.“

Deutschland stehe vor einem gewaltigen Problem, betonte Laumann. „Wir haben Jahrzehnte vor uns mit steigendem Pflegebedarf. Wir werden bis zu 35.000 Pflegekräfte mehr brauchen. Wo sollen wir diese Menschen finden?“ 2,6 Millionen Bundesbürger bekommen derzeit Geld aus der Pflegeversicherung. Ein großer Halt für die Kranken seien die Familien. „Wenn nicht so viele Angehörige in der häuslichen Pflege tätig wären, bräuchten wir eine Million Pflegekräfte.“

Erster Lösungsansatz ist für Laumann die Ausbildung. Sechs Bundesländer verlangen Schulgeld für die Ausbildung zur Pflegekraft. „Aber Arzt oder Apotheker kann man kostenlos werden.“ Ändern soll das das neue Berufsbildungsgesetz. „Ich hoffe, dass das nicht am Egoismus einzelner Länder scheitert.“ Laumann forderte eine bundesweite Ausbildungsumlage für alle Pflege- und Altenheime. Nur so sei zu verhindern, dass Heime, die in Ausbildung investieren, Wettbewerbsnachteile haben.

Zudem forderte er eine Pflegekammer. „Denn überall, wo über Pflege entschieden wird, sitzt die Pflege nicht am Tisch.“ Deutlich ausgebaut werden müssten Angebote zur Tagesbetreuung, ähnlich wie bei Kindern. „Das wäre eine große Erleichterung für pflegende Angehörige. Ich appelliere hier an die Kommunen, sich mit Trägern der Pflege zu vernetzen.“

Bei allen gesetzlichen Änderungen und staatlichen Investitionen: Die Rolle der Familie könne im Pflegefall niemand ersetzen, betonte Laumann abschließend. „Das, was die Menschen in diesem Falle brauchen, nämlich Liebe, Zuwendung und Gespräche, das werden wir nicht allein über bezahlte Pflegekräfte bekommen. Aus diesem Grund wollen und müssen wir eine Politik machen, die den Zusammenhalt der Familie fördert.“

Unser Foto (ganz oben von links): Dr. Götz Busse, Stiftungsvorstand der Pflege-Stiftung Meltl, Thomas Waldvogel, Vorsitzender des Arbeitskreises Pflege von „Pro Senioren Rosenheim“, MdB Daniela Ludwig, Staatssekretär Karl-Josef Laumann, Pflegebeauftragter der Bundesregierung, und Inge Ilgenfritz, Vorsitzende des Vereins „Pro Senioren Rosenheim“

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