„Wir werden es schaffen. Irgendwann.“

Eine Familie, die nur zusammen leben will - Aber das ist nicht so einfach

image_pdfimage_print

asyl 1Dieser Mann ist verzweifelt! Seit fast einem Jahr lebt Sharafadeen Yussuf nun als Asylbewerber in Bayern. Im Herbst zog er in die Container in Bad Aibling ein, doch mit seiner Frau und seinem Kind, die in Paderborn leben, zusammen sein – das kann er nicht. Denn die deutschen Behördenmühlen mahlen in diesem Fall sehr langsam. Der Umsiedlungsantrag ist seit Juli 2015 gestellt, getan hat sich allerdings noch nichts. Die Trennung setzt nicht nur Sharafadeen zu, auch seine Frau leidet. Was ist ein sicheres Herkunftsland? Die EU sagt, Nigeria wäre so eines. Sharafadeen Yussuf hat da leider andere Dinge zu berichten.

Denn er hat sich eines Vergehens schuldig gemacht, das ihn in Nigeria der Verfolgung aussetzt: Er ist Moslem und liebt eine Christin. Und er besteht nicht darauf, dass sie den Glauben wechselt.

„Jeder Mensch sollte frei sein dürfen“, sagt der 36-Jährige. „Wir haben doch alle einen Gott.“ Das sah seine Familie anders, die ihn mit einer Muslimin verheiraten wollte, außerdem ist so jemand wie er in Nigeria ein potenzielles Opfer für islamistische Terrorgruppen. Religiöse Misch-Ehen unerwünscht!

Deshalb wählten er und seine Frau den riskanten und gefährlichen Weg in die vermeintliche Freiheit. Sharafadeen und seine Frau Ekeso Serah Asebhofo heirateten traditionell und ohne Heiratsurkunde, verließen Nigeria und landeten über Umwegen in Libyen. Doch dort herrschte Bürgerkrieg und Terror.

Eines Tages, als er dort auf den Straßen allein unterwegs war und sich vor einer Bombenattacke in Sicherheit bringen musste, wurde er von seiner inzwischen schwangeren Frau getrennt.

„Ich habe sie nicht wieder gefunden“, sagt er. „Sie hatte kein Handy und wir konnten uns wochenlang nicht erreichen. Ich wusste nicht, ob sie noch am Leben ist.“ Irgendwann meldete sich Serah aus Italien. Dort landete sie mit einer Gruppe von Flüchtlingen nach einer wahrlich tödlichen Mittelmeer-Überfahrt in einem Schlauchboot – sie war die einzige von 14 Frauen, die die Reise überlebte.

Der Erleichterung von Sharafadeen folgte dann der Frust: Als er es endlich auch nach Italien geschafft hatte, wurde seine Frau kurz zuvor weggeschafft. Nach Deutschland. Dort kam sie nach Paderborn.

Ihr Mann gelangte zwar dann irgendwann auch nach Deutschland, allerdings nur bis München, von wo aus er weiter verteilt wurde – bis er schließlich in Bad Aibling im Container landete.

Zu Beginn dachte sich Sharafadeen noch „na ja, das wird sich erübrigen, schließlich komme ich bald mit meiner Familie zusammen.“ Denn inzwischen kam der gemeinsame Sohn in Paderborn zur Welt, und ein Vaterschaftstest, den der Nigerianer gemacht hat, bestätigt ihn zweifelsfrei als Vater des Kindes.

Doch über einen schon im Juli 2015 gestellter länderübergreifenden Umsiedelungsantrag ist bis jetzt noch nicht entschieden. Sharafadeen und sein Betreuer vor Ort haben inzwischen alle erforderlichen Papiere schon mehrmals eingereicht, werden dennoch jedesmal wieder von Behörde zu Behörde geschickt und ernten dabei immer nur wohlwollendes Schulterzucken.

 

So lange über Sharafadeens Bleiberecht noch nicht entschieden sei, wäre das alles sehr schwierig. Außerdem sei er ein Einzelfall. Als der Familienvater endlich innerhalb Deutschlands reisen durfte, fuhr er gleich nach Paderborn, um dort seine Frau und zum ersten Mal seinen Sohn in die Arme zu schließen.

Doch erstens kosten die Fahrten von Bayern in den hohen Norden sehr viel Geld, das ein Flüchtling nicht hat, und zweitens können sie dort in der Unterkunft der Frau nicht ungestört zusammen sein. In Bad Aibling ebenfalls nicht. Dort lebt Sharafadeen in einem Gemeinschaftsraum mit drei weiteren Afrikanern, zudem ist es in den Containern nicht erlaubt, nach 22 Uhr Besuch zu empfangen oder zu übernachten.

Es ist diese Hilflosigkeit gegenüber den Ämtern, die sowohl Sharafadeen, als auch seiner Frau an die Nieren gehen. Zusammen – und doch nicht. Zumal sich weiterer Nachwuchs bei der kleinen Familie ankündigt. Serah ist im vierten Monat schwanger und hat große Angst, durch den Behördenstress und das ablehnende Verhalten der Verantwortlichen, das ungeborene Kind zu verlieren. „Wir sind geflohen, um als Familie gemeinsam in Freiheit und ohne Todesangst leben zu können“, sagt Sharafadeen. „Und jetzt dürfen wir in Deutschland nicht zusammen sein.“

Für dieses Leben ohne Angst hat er zu Hause eine sichere Existenz aufgegeben. Denn bis zu seiner Flucht war Sharafadeen schon 20 Jahre lang CNC-Fräser in Nigeria. Das würde er auch gerne in Deutschland wieder machen. Doch noch sind seine Sprachkenntnisse zu schlecht.

Sharafadeen spricht Englisch und ein bisschen Deutsch. Derzeit büffelt er im Deutschunterricht, um sich hier zu integrieren. Denn trotz aller Schwierigkeiten: Er und seine Familie wollen es hier schaffen. Serah hat in Paderborn bereits einen Job. Sie arbeitet in Paderborn zweimal in der Woche als Friseurin in einem Afrika-Shop. Ihrerseits einen Umsiedelungsantrag stellen kann sie nicht, Denn dann würde automatisch der Antrag von ihrem Mann gestoppt – und der Behördenmarathon würde wieder von vorne beginnen.

Und überhaupt: Wo würden die Beiden in Bad Aibling und Umgebung unterkommen können? Die Wohnraumsituation ist hier um einiges angespannter als in Paderborn.

Damit sie wenigstens in den wenigen Momenten ungestört sind, in denen sie sich in Bad Aibling sehen können, suchen die Beiden ein Zimmer oder eine kleine Wohnung in der Region für das Wochenende. So hätten sie wenigstens für ein paar kurze Augenblicke die Möglichkeit, hier so etwas wie ein Familienleben zu führen. Gerade aus den Situationen, in denen sie alle drei zusammen sind, schöpfen sie ihre Kraft. Denn sie wissen: Sie gehören zueinander, sie haben schon so vieles gemeinsam durchgestanden. Sie werden es auch dieses Mal schaffen. Irgendwann.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 Gedanken zu „„Wir werden es schaffen. Irgendwann.“

  1. Kein einziger Kommentar bisher …weder mitfühlend, noch ablehnend?

    Bekommen wir vielleicht schon „zu viele“ Schicksalsberichte von bzw. über geplagte Menschen? Wer unter dem nf Link (Stand 18.4.16) liest, wie es in Nigeria zugeht, der soll sich selbst seine Meinung zum Thema „sicheres Herkunftsland“ bilden.

    https://www.auswaertiges-amt.de/sid_731AB255C0DFE781A2CE6F4E5E42B156/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/NigeriaSicherheit.html?nn=346482#doc346430bodyText1

    Heute morgen hörte ich im Radio, dass sich die Bearbeitungszeit von Asylgesuchen immer weiter verlängert, anstatt verkürzt. Und dass ein zumindest englisch sprechender CNC-Fräser mit 20 Jahren Berufserfahrung hier und heute keine Anstellung bekommt (so er denn arbeiten darf), spricht nicht gerade für eine hilfreiche Arbeitsvermittlung in Aibling, meine ich.

    15

    16
    Antworten
    1. Ich würde es ganz vorsichtig so interpretieren/beschreiben… Und so, wie auch ich es fühle und es irgendwie sprachlos macht…
      „Ein hilfloses, Schulterzucken, in Anbetracht der unendlich vielen, sicherlich berührenden, Schicksalsberichte „.
      Viele Menschen wurden schon aufgenommen um Ihnen das blanke Leben zu retten. Viele Millionen auf dieser Welt würden die Möglichkeit, wenn sie sich Ihnen bietet, natürlich und nachvollziehbar ebenso nutzen,. Viele, viele davon werden es auch versuchen., denn sicher….viele, viele Länder haben es tatsächlich um Welten schlechter. Aber wievielen dieser Menschen können wir die Träume erfüllen….?

      26

      5
      Antworten
  2. Mich verblüfft ein bisschen: Einerseits sehr berührend „Wir gehören zusammen“, andererseits ein Vaterschaftstest?

    11

    6
    Antworten
    1. Sie haben traditionell (ohne Heiratsurkunde) geheiratet. Das gilt in Deutschland nicht. Keine Papiere, keine bestehende Ehe. Deshalb der Vaterschaftstest – er ist der Nachweis dafür, dass sie wirklich zusammengehören.

      10

      1
      Antworten
      1. Danke, @Elisabeth.

        3

        0
        Antworten