Tabuthemen klar angesprochen

Pädiatrietag zu Gewalt unter Jugendlichen, Sucht und Kindesmisshandlung

image_pdfimage_print

paediatrie ps_SchleckerRosenheim – Zum Pädiatrietag begrüßte Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer rund 90 interessierte Besucher. Sie betonte die besondere Bedeutung des gewählten Themas auf Grund der geographischen Lage der Stadt Rosenheim, und dankte für das Aufgreifen der Problematik, da sich so das Netzwerk der breit gefächerten Jugendhilfe erweitern könne. Die Zahl der Helfer könne nicht groß genug sein. „Jeder Jugendliche, der verloren geht, ist einer zu viel“, so die Oberbürgermeisterin.

Dr. Torsten Uhlig, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am RoMed Klinikum Rosenheim führte durch das Symposium. Wie in den letzten Jahren wurde beim Pädiatrietag ein umfangreiches Programm an kindermedizinischen Schwerpunktthemen zusammengestellt.

Christian Wolf, Polizeihauptmeister der Polizeiinspektion Rosenheim, gab zu Beginn der Veranstaltung einen Einblick in das aktuelle Thema Gewalt unter Jugendlichen. Er vermerkte, dass bei tendenziell steigendem Gewaltpotenzial die Anzahl der Vergehen rückläufig sei. Des Weiteren unterstrich Wolf: „3 bis 5 % der Täter begehen 60 % der betreffenden Straftaten.“ Auf diese Gruppe versuche man deshalb gezielt durch spezielle Arbeitsgruppen einzuwirken. Er hob zudem die gute Kooperation von Ämtern, Schulen, Präventionseinrichtungen, Polizei und Klinikum in Rosenheim hervor.

Der darauf folgende Vortrag von Monika Schindler stellte die Präventionsarbeit der Diakonie Rosen-heim zur Problematik des Substanzmissbrauchs vor. Mit zahlreichen Partnern und Projekten, wie unter anderem Aufklärungsständen von „mindzone“ oder dem „HaLT-Projekt“, einer Kooperation mit der Polizei und dem RoMed Klinikum, ziele die Einrichtung darauf ab, Hürden abzuschaffen. So werde beispielsweise durch ein Alkoholquiz vor Ort der Austausch auf Augenhöhe erreicht.

Es sei erfreulich, dass der Tabakkonsum von 12- bis 17-Jährigen derzeit nur mehr bei 13 % liege und sich so um die Hälfte reduziert habe. Der neue Trend des Shisha (Wasserpfeife) Rauchens nehme dagegen stark zu und durch Fehlinformationen würden darin enthaltene schädliche Substanzen zudem als gesund verkauft. Das Konsumverhalten bei Alkohol habe sich dahingehend verändert, dass vorwiegend mit Hochprozentigem der schnelle Rausch gesucht wird.

Von Brisanz sei, laut Schindler, auch die Entwicklung neuer psychoaktiver Substanzen, die sogenannten Legal Highs oder Research Chemicals, die unter der Bezeichnung Badesalz oder Kräutermischung im Internet bestellbar seien. Da diese Produkte zum Zeitpunkt des Erwerbs noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fielen, seien sie legal erhältlich. Nur schwer an Geruch oder Geschmack erkennbar und für Mediziner über ein Screening nicht nachweisbar, seien mögliche Langzeitschäden der Stoffe bisher nur unzulänglich erforscht.

Besorgnis erregend sei ebenso der zunehmende Konsum an Amphetaminen bei Jugendlichen. Sie würden bevorzugt zur Leistungssteigerung eingenommen, häufig in Kombination mit ADHS-Medikamenten oder Antidepressiva. Vor allem dieses Mischwesen berge für die Konsumenten eine hohe Gefahr.

„Das Suchtverhalten ist immer noch schuld- und schambesetzt“, erklärte die Referentin, deshalb würden viele Eltern nicht die Hilfe der Einrichtungen suchen. Durch die interdisziplinäre Vernetzung werde jedoch zunehmend umfassender informiert und das Tabuthema an die Öffentlichkeit gebracht.

Im Anschluss erläuterte Dipl. Sozialpädagoge Benjamin Grünbichler von „neon Prävention und Suchthilfe Rosenheim“ die Suchtentwicklung bei neuen Medien wie Internet und Computerspielen, welche, seiner Meinung nach, in der Öffentlichkeit ambivalent betrachtet werde. Das Krankheitsbild sei, trotz auffälliger Entwicklung, bis heute nicht eindeutig definiert. 2013 sei jedoch die „internet gaming disorder“ als vorläufige Diagnose festgelegt worden. Grünbichler betonte: „Es gilt den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, denn Spielsucht macht schleichend abhängig.“ Projekte wie „logout“ und „connect“ böten Familien weitreichende Unterstützung.

Die darauf folgende Präsentation von Thekla Getzinger, Kinderärztin am RoMed Klinikum Rosenheim, behandelte das häufig tabuisierte Thema der Kindesmisshandlung. Die alarmierende Zahl von geschätzten 1,4 Millionen Fällen pro Jahr in Deutschland spreche für sich. Erschreckend dabei wäre, dass besonders null- bis dreijährige, behinderte sowie verhaltensauffällige Kinder betroffen seien. Getzinger stellte die hinweisgebende Diagnostik, wie beispielsweise fehlende Erklärung des Verletzungshergangs durch die Familienmitglieder oder „doctor hopping“, vor. Äußere Anzeichen auf Misshandlung wurden detailliert beschrieben und bildlich dargestellt. Eben diese exakte Dokumentation sei bei der Verfolgung der Straftat von außerordentlicher Wichtigkeit, betonte die Ärztin.

Später standen dann noch chirurgische und dermatologische Themen, sowie Tipps und Tricks zur Behandlung von Verbrennungen und Verbrühungen auf dem Programm.

Dr. Uhlig sprach insbesondere den zahlreichen Sponsoren, die die Veranstaltung unterstützten, seinen Dank aus. Während der Pausen konnten sich die Besucher an den vielen Fachständen ausführlich über Neuerungen aus der Industrie informieren.

Auf dem Foto (von links): Dr. med. Michael Buss (Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am RoMed Klinikum Rosenheim), Dr. med. Torsten Uhlig (Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am RoMed Klinikum Rosenheim), Benjamin Grünbichler (Dipl. Sozialpädagoge, Suchttherapeut der „neon Prävention und Suchthilfe Rosenheim“), Oberbürgermeistern Gabriele Bauer, Monika Schindler (Diakonie Rosenheim, Fachambulanz für Suchterkrankungen).

Foto: Peter Schlecker

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.