Mit Wünschen auf dem Weg zur Inklusion

Landkreis berät über 50 konkrete Vorschläge - Bündel an Ideen

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Landkreis – Mit einem ganzen Bündel von Ideen und Maßnahmen soll die Inklusion im Landkreis Rosenheim vorangebracht werden. Auf der zweiten sogenannten Teilhabekonferenz im Gymnasium in Raubling wurden jetzt über 50 konkrete Vorschläge beraten. Die Konferenzteilnehmer wählten daraus Schwerpunkte aus, die in den Teilhabeplan einfließen sollen. Im Bereich Arbeit und Beruf sollen öffentlich wirksame Kampagnen dazu beitragen, Arbeitgeber davon zu überzeugen, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Begleitend dazu sollen zusätzliche Fördermöglichkeiten zur Integration auf dem Arbeitsmarkt geschaffen werden. Zudem sollen es in der kommunalen Verwaltung und in den mit den Kommunen verbundenen Betrieben mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geben. Um kommunale Veranstaltungen und Freizeitangebote umfassender als bisher nutzen zu können, sollen diese regelmäßig auf ihre Barrierefreiheit hin überprüft werden. Die Kommunen sollen angehalten werden, diesbezüglich Standards zu setzen, an denen sich andere Veranstalter orientieren können.

Schulung für Busfahrer

Die Zusammenarbeit von Behinderten- und Jugendbeauftragten in den Gemeinden soll verstärkt werden. In den Vereinen soll es Initiativen geben mit dem Ziel, mehr Menschen mit Behinderung teilhaben zu lassen. Die von den Konferenzteilnehmern ausgewählten Schwerpunkte im Bereich Mobilität liegen eindeutig im öffentlichen Personennahverkehr. Die Busunternehmer sollen im regionalen Nahverkehr auf den Einsatz von Reisebussen verzichten, da diese in aller Regel nicht barrierefrei sind. Um den Umgang mit Menschen mit Behinderung zu beherrschen, sollen Busfahrer regelmäßig verpflichtend geschult werden. Außerdem sollen bürgerschaftliche Fahrdienste als Ergänzung zum öffentlichen Personennahverkehr organisiert werden.

Neue Wohnformen entwickeln

Die Stellung der Behindertenbeauftragten soll gestärkt werden, unter anderem durch Rederecht im Gemeinderat und seinen Ausschüssen. Eine unabhängige Anlaufstelle könnte über Angebote und Dienstleistungen informieren und die Vernetzung im Landkreis fördern, so die Teilnehmer. Die örtlichen Medien, aber auch Hausärzte sollen für die Belange von Menschen mit Behinderung sensibilisiert werden. Eine unabhängige Anlaufstelle wird auch im Bereich Wohnen gewünscht. Neue Wohnformen sollen entwickelt werden. Zudem sollen Menschen mit Behinderung dahingehend unterstützt werden, um von einer stationären in eine ambulante Wohnform zu wechseln.

Förderung in Schulen

In der Schule soll die Teilnahme von Menschen mit Behinderung am Unterricht gefördert werden, beispielsweise durch den Einsatz von Schulbegleitern oder dem Ausbau und der Förderung des „Mobilen sonderpädagogischen Dienstes“. Das Verständnis für Menschen mit Behinderung soll auch durch schulübergreifende Aktionen erhöht werden. Landrat Josef Neiderhell hofft auf ein zukunftsfähiges Konzept, das weiterhin ständig verbessert werden soll. Neiderhell bedankte sich bei allen, die an der Erarbeitung des Teilhabeplans mitwirken.

Bauprojekte oft enttäuschend

„Wir wollen, das einiges vorangeht“, sagte der Landrat, verwies aber auch auf die schwierige Frage der Finanzierbarkeit. Er verhehlte zudem nicht, dass schon heute oft viel mehr möglich wäre. Es sei enttäuschend, wenn Häuser mit mehreren Wohnungen gebaut würden und keine einzige Einheit behindertengerecht sei. Auch im Bereich des öffentlichen Personennahverkehrs sei Geld zur Förderung von barrierefreien Bussen vorhanden, aber die Partner wollten nicht mitmachen.

Zum Einstieg in die zweite Teilhabekonferenz hatte der Geschäftsführer des projektbeleitenden BASIS-Instituts Michael John Umfrageergebnisse präsentiert. 2.800 Menschen mit Behinderung oder deren Angehörigen war ein zwölfseitiger Fragebogen zugeschickt worden. Knapp 30 Prozent, konkret 829 hatte ihn beantwortet zurückgeschickt. Für John ein positiver Wert, er hatte nicht mit so viel Rücklauf gerechnet. 85 Prozent sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden oder sehr zufrieden, wobei nur 23 Prozent angaben, ihre Wohnung sei vollständig barrierefrei. John erklärte sich das unter anderem damit, dass ein guter Kontakt zur Nachbarschaft positiv zur Wohnsituation beiträgt, auch wenn die eigene Wohnung nicht alle Voraussetzungen für Barrierefreiheit erfüllt.

Mehr Zugang zu Vereinen

Nur 22 Prozent sind mit dem Informations- und Beratungsangebot in den Gemeinden sehr zufrieden. Über die Hälfte der Befragten gaben an, die vorhandenen Kultur- und Freizeitangebote uneingeschränkt nutzen zu können. Allerdings fällt auf, dass der Zugang zu einem Verein mit jedem höheren Grad der Behinderung zunehmend eingeschränkt wird. Gleiches gilt für die beruflichen Möglichkeiten. Je geringer die Einschränkung, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, am Arbeitsmarkt eine Stelle zu bekommen.

 

Zu wenig Fachärzte

Beim Zugang zu öffentlichen Gebäuden bzw. der Nutzung gibt es noch viel zu tun. Das ergab eine Befragung der Städte und Gemeinden. Besonders kritisch wird der gemeindliche öffentliche Personennahverkehr gesehen. Die Einkaufsmöglichkeiten und die Versorgung durch Allgemeinärzte sehen die Kommunen positiv. Dagegen sieht fast jede zweite Gemeinde die Versorgung durch Fachärzte als nicht ausreichend an. An der Befragung zum Teilhabeplan hatten sich im Landkreis Rosenheim nur 35 der 46 Gemeinden beteiligt. John nannte dies einen Wermutstropfen. Es zeige, dass die Diskussion um Inklusion in mancher Gemeinde noch nicht so weit sei. Im Dezember soll der Teilhabeplan im Kreistag vorgestellt werden.

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