„Hier können wir in Frieden leben“

Was wissen wir über die Neubürger? Ein Gespräch mit Hosein Ali aus Syrien

image_pdfimage_print

syrerSie gehören mittlerweile längst zum Stadt- oder Ortsbild: Die Flüchtlinge aus den Wohncontainern und privaten Unterkünften. Über die meisten Neubürger wissen die meisten Bürger kaum etwas. Wie sind sie hergekommen, was bewegt sie, wie erging es ihnen auf der Flucht? Michael Habecker ging diesen Fragen nach und interviewte Hosein Ali (Foto) aus Syrien, der …

… im Container in Bad Aibling lebt. Michael Habecker arbeitet im Kreis Migration e.V. mit. Er gibt den Asylbewerbern Gitarrenunterricht und ist auch Autor.

Michael Habecker: Hosein, du kommst aus Syrien. Erzähle mir von Deiner Heimat.

Hosein Ali: Syrien ist ein sehr schönes Land, aber nicht jetzt, wo dort Krieg ist. Es war ein schönes Leben dort in Friedenszeiten, aber das ist vorbei. Es ist alles zerstört.

MH: Wo bist du aufgewachsen?

HA: Ich bin in der Gegend um Aleppo aufgewachsen, in der Provinz Afrin, ganz im Nordwesten von Syrien. Es ist eine landwirtschaftliche Gegend mit sehr fruchtbarem Land. Wir haben dort auch antike historische Stätten, die man besichtigen konnte. Es ist so schön, doch wenn ich daran denke, werde ich sehr traurig.

MH: Wie war das Leben dort?

HA: In meiner kleinen Stadt gab es Kurden, Araber und verschiedene Religionen, doch das spielte keine Rolle, wir lebtenalle zusammen und unterstützten einander. Es gab eine große Solidarität. Wenn jemand in Schwierigkeiten war, halfen alle. Die nächstgrößere Stadt ist Aleppo, dort konnte man auch studieren. Es ist – oder war – eine sehr schöne Stadt, die zweitgrößte Stadt in Syrien. Ich habe viel gelesen und interessiere mich auch für Philosophie.

Das ist jetzt alles zerstört, und wo früher ein gemeinschaftliches Leben war, bildeten sich mehr und mehr kriminelle Strukturen aus. Früher hatten wir ein soziales System, was zwar kein Geld bezahlt hat, aber was einen mit Lebensmitteln versorgte. Man konnte gut leben. Jetzt ist die Wirtschaft am Boden, es gibt keinen Strom, keine Infrastruktur, und es wurde auch politisch immer gefährlicher und lebensgefährlicher für die Menschen.

Als Kinder haben wir miteinander gespielt, doch dann ist alles auseinandergebrochen. Einige kämpfen in der Armee, andere für die PKK, wieder andere für den islamischen Staat. Wir haben früher miteinander als Freunde gespielt und jetzt kämpfen wir gegeneinander, warum?

In meiner Familie sind wir zu sechst, unsere Eltern und vier Kinder. Unsere Eltern haben es uns Kindern ermöglicht, dass wir lernen und eine Ausbildung machen konnten. Ich habe Ingenieurwesen gelernt, doch es gibt jetzt keine Möglichkeit, diesen Beruf dort auszuüben. Jetzt gibt es nur noch Soldaten auf allen Seiten. Aber das kann ich nicht. Ich möchte gerne helfen, aber ich kann nicht einen anderen Menschen töten. Und die Mädchen werden verschleppt und verkauft, das ist furchtbar.

Ich bin mit meinem Bruder in die Türkei gegangen, um dort zu arbeiten, in Istanbul und Izmir, und das war sehr schwer. Es war viel Arbeit für sehr wenig Geld, und schlafen mussten wir in der Fabrik. Hinzu kommt, dass wir Kurden sind. Unser Vater hat dann gesagt, dass wir nach Deutschland gehen sollen. Doch wir sind eine Familie und für mich war klar, dass wenn wir gehen, dass wir dann alle miteinander gehen.

Wir haben uns über die Balkanroute auf den Weg gemacht, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und Deutschland. Das war sehr hart, ein langer Weg, und auf jeder Station mussten wir bezahlen. Warum können Menschen nicht einfach so einander helfen? Und es war sehr kalt, das waren wir nicht gewohnt.

Wir leben jetzt hier in Bad Aibling in einem Containerdorf. Es ist nicht einfach, aber in Syrien ist es für uns unmöglich geworden zu leben. Hier können wir in Frieden leben und ich kann lernen. Es gibt viele Menschen hier, die uns helfen, das ist sehr schön.

Hosein wird vom Kreis Migration Bad Aibling e. V. betreut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.