Container-Bewohner unter Schock

Aiblinger Täter und Opfer teilten sich ein Zimmer - „Sie hatten sich doch verstanden"

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container aibDie Messerstecherei mit einer schwer verletzten Person am Wochenende in den Wohncontainern an der Krankenhausstraße in Bad Aibling (wir berichteten) beschäftigt die Menschen in der Region sehr. Nicht nur die Bürger sind entsetzt, auch die Bewohner im Aiblinger Containermodul können es nicht fassen. Wollen sie doch eigentlich nichts anderes, als hier in Frieden miteinander leben. Ein Stimmungsbericht aus dem Container …

Es ist beinahe frühlingshaft an diesem frühen Samstagnachmittag. Die Sonne scheint, die Luft riecht frisch, die Wärme macht Lust auf einen Spaziergang, auf draußen sein, auf Lachen und das Leben unbeschwert genießen. Doch hier – im Haus 1 der Containeranlage an der Aiblinger Krankenhausstraße – ist an diesem Samstag niemandem zum Lachen zumute. Die Stimmung ist gedrückt, es herrscht eine beinahe gespenstische Ruhe. Alle Bewohner sind entweder ausgeflogen oder sie haben sich in ihren Zimmern verschanzt.

Nur ein Flüchtling, der hier seit Anfang an lebt, ist zu sehen. Er wischt den Flur. Das Schmutzwasser hat sich mit Blut vermengt. Blut, das am Abend zuvor hier sinnlos vergossen wurde und im ganzen Flur verteilt war.

Schweigend wischt der junge Mann aus Syrien die Spuren aus dem Container hinaus. So, als wolle er das, was geschehen ist, ungeschehen machen, als wolle er das, was ihn an den Abend zuvor erinnert, mit dem Wasser hinaus und aus seiner Erinnerung wischen. Er redet nicht viel. Er putzt. Aus einem anderen Zimmer kommt ein anderer Bewohner hinzu. Ebenfalls ein junger Mann. Schweigend nimmt er einen weiteren Schrubber und hilft, den Flur zu reinigen.

Überall Polizei

Gesprochen wird wenig. Und doch erzählen sie mir dann, wie es sich zugetragen hat am Abend zuvor. Wie er, der junge Syrer, vom Sporttraining nach Hause kam und ihm die Polizei schon vor dem Container den Weg versperrte. Kein Zutritt. Wie er dann trotzdem reingekommen ist. Einfach hintenrum durchs Fenster in sein Zimmer im Erdgeschoß geklettert.

Dort saßen am Freitag einige seiner Mitbewohner. Konsterniert und schockiert. Bei ihnen hat der junge Pakistani, der von allen hier „Jony” genannt wird, aber anders heißt, kurz zuvor schwer verletzt an der Tür geklopft. Sie haben die Polizei alarmiert, sie haben gesehen, wie das Opfer im Flur zusammengebrochen ist, mit dem Messer im Brustkorb.

Als ich in die Augen der Männer schaue, braucht es keine Worte. Die Syrer sind müde, erschöpft und stehen immer noch unter Schock.

„Warum?”, sagen ihre Augen. „Warum?” sprechen sie es schließlich auch aus. „Es ging um irgendeine Frau, eine Bekannte”, sagen sie. „Das ist doch kein Grund, mit dem Messer aufeinander loszugehen.” Sicher – das Leben im Container ist kein Wunschkonzert. Hier liegen Männer miteinander auf einem Zimmer, die sich fremd sind, die unterschiedliche Interessen haben, die unterschiedliche Lebensrhythmen haben. Der eine raucht, der andere nicht. Der eine geht abends aus, der andere will früh schlafen. Dazu die ständige Nähe, der Verlust fast jeglicher Privatsphäre: Seit Wochen, seit Monaten.

Das alles ist enormes Konfliktpotenzial. Es erklärt vielleicht manches, entschuldigen tut es nichts. Auch Täter und Opfer teilten sich ein Zimmer. Sie kamen bisher nach Aussagen der anderen Containerbewohner ganz gut miteinander aus.

Wie konnte so etwas passieren?

Auch die fünf jungen Syrer leben in einem engen Raum zusammen. Sie haben sich nicht gegenseitig ausgesucht, aber sie haben sich arrangiert. Und sie verstehen es auch nach dem x-ten Mal Nachdenken nicht: Wie konnte so etwas passieren? Wie konnte ein Mitbewohner im Zimmer nebenan plötzlich auf den anderen mit dem Messer losgehen?

Eigentlich wollen alle Männer an diesem schönen Samstag nur schlafen, denn in der Nacht, als die Polizei geschätzte zehn Stunden im Container war und Spuren gesichert und Anwohner befragt hat, war an Schlaf nicht zu denken. Doch auch jetzt, in dieser vermeintlichen Ruhe, gelingt es nur zwei von fünf Männern, etwas zu dösen. Der Rest sitzt entweder teilnahmslos auf dem Stuhl oder im Bett und versucht die Erinnerung auszuknipsen. Ein Freund der WG-Bewohner, der ebenfalls Flüchtling ist und schon länger in Deutschland lebt, ist zu Besuch und spricht aus, was die Syrer denken: „Nun wird wieder ein schlechtes Bild von den Flüchtlingen nach außen vermittelt.” Öl ins Feuer der Gegner.

„Wir wollen doch nur in Frieden leben“

Asyl-Gegner sollten sich hier mal selbst ein Bild machen: Hier sind junge Männer, die aus ihrer Heimat vor Gewalt geflohen sind und hier genau auf das am allerwenigsten Lust haben. Sie wollen in ihrer neuen Heimat Fuß fassen und in Frieden leben.

Und sie haben mittlerweile Perspektiven für ihr Leben: Zwei von ihnen können demnächst an der Berufsschule anfangen – sie sind als Asylbwerber anerkannt. Diese Männer werden sich in Bad Aibling integrieren, sie lernen seit mehreren Wochen deutsch und freuen sich darauf, bald mit vielen Mitschülern zusammen zu sein, die ohnehin nur deutsch reden. Damit sie die Sprache so schnell wie möglich lernen. Nein, mit gewalttätigen Auseinandersetzungen wollen sie nichts zu tun haben.

Die Zeit ist inzwischen etwas vorangeschritten, erste Wolken bedecken die Sonne über Bad Aibling. Mittlerweile ist der Flur sauber – das Blut ist vom Boden, den Wänden und der Zimmertür entfernt. Der mutmaßliche Täter sitzt in Haft. Ihm droht eine Klage wegen versuchten Mordes; er wird nicht zurück in den Container kommen …

Doch die Sorge bleibt. Wie geht es dem Opfer? Ich zeige ihnen den soeben erhaltenen Polizeibericht, den ich per Mail auf meinem Handy habe: Der 31-jährige Mann aus Pakistan ist außer Lebensgefahr, er wird durchkommen.

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag ein kleines Lächeln auf den müden Gesichtern. So bald es geht, wollen sie ihn besuchen. Man ist schließlich zusammengewachsen in den vergangenen Wochen, in denen man Tür an Tür lebte. Und es scheint so, als ob diese Nachricht die Nerven beruhigt. Nach langen quälenden Stunden werden die Syrer wohl endlich für ein paar Stunden Schlaf finden.

Andi Fallscheer

 

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