„Alle Beteiligten haben Blut an ihren Händen“

Islamexperte Dr. Lüders: Der Westen hat massive Verantwortung für die Flüchtlingskrise

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schattDer Westen hat eine massive Verantwortung für die Flüchtlingskrise – das ist die These des Islamexperten und Buchautors Dr. Michael Lüders (links). Bei einer Veranstaltung des Wirtschaftsbeirates der Union im Bezirk Rosenheim sagte Lüders, alle Beteiligten hätten Blut an ihren Händen. Mit seinem Vortrag „Pulverfass Naher und Mittlerer Osten“ vor über 200 Besuchern bei Schattdecor in Thansau nahm  Lüders Zuhörer mit auf eine spannende Reise durch die Welt der Außenpolitik. Er warf dem Westen vor, zu kurz zu denken.

Unser Foto zeigt von links Dr. Michael Lüders, Unternehmer Walter Schatt, Andreas März, Vorsitzender des Wirtschaftsbeirats der Union Bezirk Rosenheim.

So wolle man einen Regimewechsel in Syrien, habe aber keinen Plan für die Zeit nach der Ablösung der Machthaber in Krisenländern. So schön es auch wäre: Ein Happy-End der Flüchtlingskrise und der internationalen Terrorgefahr sei nicht in Sicht. „Wir werden uns daran gewöhnen müssen, mit der Unsicherheit zu leben!“

Lüders war auf Einladung des Wirtschaftsbeirates der Union im Bezirk Rosenheim gekommen und nahm die Zuhörer mit auf eine zuweilen verblüffende Reise durch die Welt der Außenpolitik. Der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats Andreas März sagte es schon in der Begrüßung: „Wenn wir über den Nahen und Mittleren Osten sprechen, dann reduzieren wir das oft auf religiöse und regionale Konflikte. Ich glaube, das ist viel zu kurz gegriffen. Wir müssen die Interventionen und die Politik des Westens kritisch hinterfragen.“ März hatte damit recht, denn das Fazit des Referenten fiel hart aus.

„Der Westen hat eine massive Verantwortung für die Flüchtlingskrise“, betonte Lüders. Grundfehler Nummer eins des Westens: „Alle Ziele sind darauf gerichtet, einen Regimewechsel herbeizuführen. Aber es gibt keinen Plan für die Zeit danach.“  Der Westen bedenke die gesellschaftlichen Strukturen in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens nicht. In Staaten wie Saudi Arabien gebe es wenige Superreiche in Familienclans, die ihr Vermögen immer weiter vermehren würden. „Die Staatskasse ist sozusagen die Familienschatulle. Investiert wird allenfalls in Tourismus oder Immobilien, das meiste Geld geht aber ins Ausland. Es wird nichts in Infrastruktur, Bildung oder soziale Sicherung investiert.“

Von Geburt an gehöre ein Bürger dieser Staaten einer Gruppe an, Aufstiegschancen gebe es nicht. Gesellschaftlicher Wandel ist deshalb nach Lüders Worten in diesen Staaten schwierig. Es fehle die soziale Basis, die stark genug sei, die Macht der Elite zu erobern und ein neues System zu etablieren.

Begonnen habe die Krise im Nahen und Mittleren Osten im Jahr 2003, als die USA und eine „Koalition der Willigen“ Sadam Hussein aus dem Amt fegten. „Hier hat es eben keinen Plan für die Zeit danach gegeben.“

Der zweite Fehler: die USA lösten die Armee auf und entfernten die Sunniten aus den Ämtern. „2000 Sunniten wurden arbeitslos, aber sie behielten die Waffen.“ Danach regte sich Widerstand gegen die USA, im Staat entstand ein Vakuum. All das wäre ein regionaler Konflikt geblieben, wenn nicht auch in Syrien ein Machtvakuum entstanden wäre. Dort brach der Bürgerkrieg in einem Aufstand gegen Machthaber al-Assad aus. Auch in diesem Land habe der Westen keinen Plan für die Zeit danach. „Es gibt keine gemäßigte syrische Opposition, die die Macht übernehmen könnte.“

Bomben auf Syrien würden das Problem nicht lösen, betonte Lüders. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf ein anderes Land: Im Libanon drohe der Kollaps. Das Land habe 4,5 Millionen Einwohner und 1,5 Millionen Flüchtlinge. „Dort rekrutiert der IS bereits seine Kämpfer – auch unter Kindern. Hier müsste man ansetzen, den Menschen eine Perspektive und Bildung bieten.“

Lüders räumte mit der Vorstellung auf, die Intervention des Westens diene allein Menschenrechten, Demokratie und Freiheit. Vielmehr seien es Stellvertreterkriege der westlichen Staaten, die einen Sturz Assads wollten. Ihnen stünden Russland und China gegenüber, die ihren Partner Assad nicht verlieren wollten. Der Rat des Islamexperten: Mehr Einigkeit in der Europäischen Union, Differenzierung der politischen Interessen, und vor allem: miteinander reden.

Deutschland müsse sich daran gewöhnen, dass Flüchtlingskrise und die Terrorgefahr so schnell nicht verschwinden werden. „Es gibt nicht die eine Lösung. Auch der Terror gehört dazu. Irgendwann wird es Terroranschläge in Deutschland geben, das ist eine Frage der Zeit. Aber es ist kein Anlass, unsere Gesellschaft in Frage zu stellen oder in Panik zu verfallen.“

 

 

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12 Gedanken zu „„Alle Beteiligten haben Blut an ihren Händen“

  1. ‚Hier hat es keinen Plan für die Zeit danach gegeben‘ – das trifft auf Deutschland auch zu.

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  2. Wer Waffen in Krisenländer exportiert,
    wird mit den Konsequenzen leben müssen.

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    1. Anders ausgedrückt:
      Die Rüstungskonzerne produzieren.
      Die Bundesregierung segnet (zum Teil) die Waffenexporte ab.
      Mordbuben auf der halben Welt betätigen den Abzug –
      und das ‚blöde‘ Volk muss mit den Konsequenzen leben.
      Sorry, aber DAS kanns nicht sein!

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  3. Das, was Herr Dr. Lüders sagt, wird mit Sicherheit stimmen. Ist das die einzige Ursache?
    Müssten sich nicht auch die Briten und Franzosen an die Nase fassen, was sie in diesem Gebiet nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg angestellt haben?

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  4. Uns, das Volk, uns, den Bürger hat keiner gefragt, ob wir Waffenexporte wollen.
    Für uns, das Volk, den Bürger gibt es doch NULL Vorteile durch die Waffenexporte.
    Von den Waffenexporten profitieren einzig und allein die Waffenschmieden nebst den Waffendealern, die schon immer und immer noch in den Regierungen sitzen!

    Die Folgen der Waffenexporte, durch die Kriege erst möglich werden,
    für die sind aber dann wir, das Volk, die Bürger zuständig ?!?!

    Müssten die Profiteure der Waffenindustrie und des Waffenhandels die Folgen dieser Kriege tragen, gäb es längst keinen Krieg mehr.

    Der Satz unserer Eltern und Großeltern
    KRIEG IST DAS SPIEL DER GROSSEN AUF KOSTEN DER KLEINEN
    gilt heute wie damals.

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    1. Nein, gefragt hat uns, das Volk nicht direkt jemand, aber indirekt schon. Oder hat sich unsere Regierung etwa selbst gewählt???
      Aber wer stur immer das wählt, was in Bayern eben schon immer gewählt wurde, der darf sich nicht beschweren…
      Und es gibt durchaus Alternativen – und damit mein ich NICHT die AfD

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      1. Hallo Maria, bring unsere Politiker nicht auf dumme Gedanken. Am Ende wählen Sie sich doch noch selbst 🙂

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    2. Hallo Andrea, Waffenexporte sind nicht gut. Aber du wirst immer jemanden finden, der es verkauft. Wenn es Deutschland nicht ist, dann ist es Russland oder die USA oder sonstwer.

      Ein Verbot für Waffenexporte wird kein Mensch jemals auf diesem Planeten erleben. Daher finde ich die Forderung zwar richtig – aber weltfremd.

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  5. Carola Sommer

    Es ist schon richtig, dass wir, der sogenannte „Westen“ mit Waffenexporten viel Geld verdienen und deshalb dieses Geschäft auch nicht aufgeben wollen.
    Was aber UNBEDINGT auch GESAGT werden muss ist, dass die Regierungsmitglieder in der sogenannten „dritten Welt“ schwerst kriminell und rücksichtslos korrupt sind.

    Schaut doch auch bitte mal etwas über den „Rüstungs-Tellerrand“. In Afrika gibt es wohl kein einziges Land, das keine korrupten Politiker an der Spitze hat. Diese Typen sind rund und fett, reich und satt, während ihr Volk hungert.

    Es ärgert mich immer wieder maßlos, wie einseitig, wie „schwarz/weiß“ das alles betrachtet wird.
    Sollte die weitreichende Korruption und die unersättliche Gier dieser afrikanischen Regierungen nicht auch berücksichtigt werden, bevor man/frau immer nur auf Europa einhackt?

    Und: Gäbe es keine KORRUPTEN REGIERUNGEN, die diese WAFFEN KAUFEN, gäbe es KEINE WAFFENEXPORTE.

    Alles hat ZWEI SEITEN, sogar die Wurscht !!

    Mit freundlichen Grüßen
    Carola

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    1. Die eine Seite genauer zu beleuchten, schließt nicht aus, es mit der anderen Seite auch zu tun.

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    2. „…die weitreichende Korruption und die unersättliche Gier dieser afrikanischen Regierungen…“ sollte bei den Waffenverkäufen berücksichtigt werden: aber Geld stinkt nicht

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    3. Nachtrag:
      Wer trägt Schuld? Der „Dealer“ oder der „Käufer“?

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