„Stierhafte Gereiztheit“ – typisch Oberbayer

Bauernhausmuseum: Unterhaltsames über die Klischees

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Amerang – So also ist hier das Volk: „Von einer dumpfen, stierhaften Gereiztheit, Streitlust und Rauflust, die zu der ohnehin bedeutenden Herzensrohheit, welche uns Deutsche leider auszeichnet, noch als bayerische Besonderheit hinzutritt!“ Der österreichische Schriftteller Heimito von Doderer hat das vor fast 60 Jahren geschrieben und damit ein Klischee verstärkt. Das Klischee vom Oberbayern, der gerne streitet, rauft, ständig mit Lederhose und Gamsbart durch die Gegend läuft, schuhplattelt, jodelt und dabei Unmengen Bier trinkt.

Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler klärte in einer unterhaltsamen Veranstaltung im Bauernhausmuseum Amerang die Besucher darüber auf, wie solche Klischees entstanden sind und warum es sie heute noch gibt. „Empfindlich dürfen Sie nicht sein“, warnte er die Gäste. Und tatsächlich muss man als Oberbayer schon viel aushalten, wenn man die Literatur der vergangenen Jahrhunderte studiert.

Denn das Klischee vom g’scherten Bayernmenschen ist alt. Schon der in Abensberg geborene Johann Georg Turmair, besser bekannt unter seinem Humanistennamen Johannes Aventinus, urteilte in seiner bayerischen Chronik von 1526: „Das bairische Volk trinkt sehr, macht viel Kinder, ist etwas unfreundlicher und eigensinniger, wie es geht bei Leuten, die nit viel hinauskommen. Der gemeine Mann sitzt Tag und Nacht beim Wein, schreit, singt, tanzt, kartet, spielt, mag Wehr tragen, Schweinsspieß und lange Messer.“

Die Liste solcher Ausführungen, die Göttler den Zuschauern präsentierte, war lang. „Vorurteile sind schwerer zu zertrümmern als Atome!“ zitierte er Albert Einstein, und klärte darüber auf, dass ein „Klischee“ eigentlich in der Druckersprache heimisch war. Es bedeutete Probeabzug oder Abklatsch. Erst nach und nach gelangte es in die Alltagssprache, und erhielt im Lauf der Zeit die Bedeutung eines Stereotyps. Und das Stereotyp hat eine Besonderheit: Es entsteht nicht durch persönliche Erfahrung. „Es wird uns aufgedrückt“, so Göttler. „Durch Schule, Milieu, Medien, Politik. Kaum jemand von uns kennt einen Japaner persönlich – aber er weiß, wie die Japaner ticken.“

Gerade im 19. Jahrhundert legten die Bayern selbst die Weichen für Klischees: mit der Einführung des Oktoberfestes, der Geburt des „Münchner Kindl“, der Erfindung der Weißwurst und der Premiere für den Schäfflertanz. Viele Trachtenvereine entstanden in dieser Zeit. „Und die Staatslenker erkannten schnell die symbolische Bedeutung einer gemeinsamen Kultur- und Brauchtumswelt für den Multi-Kulti-Staat Bayern und nutzten sie kräftig“, erläuterte Göttler. So unglaublich es klingt: Die Oberbayern sind Göttlers Ansicht nach teilweise selbst schuld daran, dass ihr Sepplhosn- und Jodlerimage heute immer noch gilt. „Den Oberbayern wurde das Sepplbayertum, die geistige Mittelmäßigkeit, so lange aufgeschwätzt, bis viele von ihnen ihre Selbstdarstellung danach ausrichteten.“ Stimmt – leider! „Mia san mia!“ heißt es oft.

Doch das ist noch harmlos gegen Filme wie „Unter der Lederhosn wird gejodelt“. Da ist es doch schade, dass viele die Renaissance der Heimatfilme wie etwa von Marcus H. Rosenmüller vergessen, oder den Juristen und Schriftsteller Ludwig Steub. Göttler hatte noch einen wertvollen Tipp für alle bereit, die sich nicht dem verbreiteten Sepplbayertum unterwerfen wollen. Sie sollten sich an Josef Maria Lutz halten. In seinem Bayernführer schreibt er: „Überlade deinen Hut nicht mit allen Vereinszeichen… es wirkt kraftmeierisch und übertrieben, genauso wie reichlicher und zu kühner Federschmuck, du bist schließlich kein Indianer auf bayerischem Kriegspfad.“

Den Abschluss dieses spannenden Klischee-Nachmittags bildete ein Dialektquiz, bei dem alle Besucher mit großer Begeisterung mitmachten. So lernten doch einige die Besonderheiten des oberbayerischen Dialekts kennen. Das „Klapperl“ konnten alle noch als Sandale identifizieren. Doch dass ein „Ipsumpara“ ein Bienenkorb und „Gschlohdorade“ Menschen mit abstehenden Ohren sind, war für viele neu!

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