„Personal der Altenpflege in Not“

Schaffen es nicht bis zur Rente, sagen 74 Prozent

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Landkreis – „Pflege in Bewegung – aber wohin?“ unter diesem Motto lud ver.di Rosenheim jetzt zu einem Diskussionsabend über die Situation in der Altenpflege ein. Der Tenor: Die Arbeitsverdichtung in der Pflege und die im Verhältnis zur Verantwortung zu geringe Entlohnung gefährde die Altenpflege. Abhilfe können neben betriebliche Verbesserungen, eine verbesserte Refinanzierung und ein allgemeingültiger Tarifvertrag Soziales bringen.

Lorenz Ganterer, von ver.di Bayern – ein Experte für das Sozialwesen – ging auf die Situation der Beschäftigten in der Altenpflege ein und zeigte Lösungswege auf. Nur 20 Prozent der Pflegekräfte in der Alten- und Krankenpflege glauben, bis zur Rente durchhalten zu können. Das ist das zentrale Ergebnis der Sonderauswertung der bundesweiten Repräsentativumfrage zum DGB-Index Gute Arbeit für die Pflegeberufe. 74 Prozent der Pflegekräfte sind laut dieser Umfrage der Meinung, dass sie es unter ihren derzeitigen Arbeitsbedingungen bis zur Rente nicht schaffen werden.

Weitere Ergebnisse der Befragung sind:

  • 87 Prozent der in der Pflege Arbeitenden müssen seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten, 84 Prozent fühlen sich bei der Arbeit sehr häufig oder oft gehetzt.
  • PflegerInnen arbeiten in beträchtlichem Umfang auch dann, wenn sie sich richtig krank fühlen; 39 Prozent taten das sogar an mehr als zehn Tagen im Jahr.

„Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, dass die Beschäftigten in der Pflege in Not sind“, führte Lorenz Ganterer aus. Er ist überzeugt, dass unzureichende Arbeitsbedingungen auch mittelbar zu Qualitätseinbußen führen würden. So haben bei der Umfrage zum DGB-Index Gute Arbeit 47 Prozent des Pflegepersonals angegeben, sie haben ein so hohes Arbeitsvolumen zu bewältigen, dass sie häufig Abstriche bei der Qualität der Arbeitsausführung machen müssen.

Einkommen unbefriedigend

Dazu kommt, die unbefriedigende Einkommenssituation. Sie stellt einen gewichtigen Unsicherheitsfaktor dar. Kaum ein anderer Bereich wird von den Beschäftigten in der Altenpflege nach wie vor so negativ beurteilt, wie die Dimension Einkommen (nach DGBIndex Gute Arbeit). Der monatliche Durchschnittslohn von Altenpflegefachkräften betrug 2012 2.148 Euro und von Altenpflegehilfskräften lag er bei 1.877 Euro. Vor diesem Hintergrund verwundert es nach Ganterer nicht, dass die resultierenden Nettoeinkommen als „kaum oder nicht ausreichend“ eingeschätzt werden und Altenpfleger/innen auch im Hinblick auf ihre spätere Altersvorsorge stark verunsichert sind.

Eine Auswirkung der Arbeitsbelastung zeige sich am Krankenstand. Laut dem Pflege-Report der AOK Bayern ist der Gesamtkrankenstand der Branche 2011 gegenüber dem Vorjahr um fast fünf Prozent angestiegen. Mit 5,75 % lag er im Jahre 2011 deutlich über dem Bayernwert.

Eine Ursache an der schwierigen personellen Situation in der Altenpflege ist die Refinanzierung. Lorenz Ganterer zeigt, dass die „Mechanik“ der Pflegesatzverhandlungen zu einer Spirale nach unten führt. „Wenn in einer Region kaum Tarifverträge oder Tarifverträge mit niedrigem Entgelt das Lohngefüge prägen, dann kommt es zu einer schlechteren Refinanzierung durch die Kostenträger, denn der ortsübliche Lohn ist der Vergleichsmaßstab. Wenn die sich daraus ergebende schlechtere Refinanzierung wiederum dazu führt, dass Tarifflucht begannen wird, dass die Gehälter durch die Arbeitgeber weiter gesenkt werden, dann führt dies zu einer weiteren Verschlechterung der Refinanzierung. Wenn nun wiederum die Gehälter oder die Tarife abgesenkt werden, dann verschlechtert sich nochmals die Refinanzierung, usw.“

Lorenz Ganterer ist überzeugt, dass es auch im Interesse der Pflegebedürftigen ist, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Gehälter zu erhöhen und den Beruf attraktiver zu machen. Wichtige Schritte dazu sind: Den tatsächlichen Tariflohn als Grundlage für die Pflegesatzverhandlungen zu machen – den Personalschlüssel zu verbessern – die Dienstpläne zu optimieren – das Lohndumping durch einen allgemeingültigen Tarifvertrag Soziales zu verhindern. Eine wichtige politische Vision wäre die jetzige Teilkostenversicherung Pflege zu einer Pflegevollversicherung umzubauen.

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