„Nimm mein Brot – ich brauche es nicht mehr“

Vor 70 Jahren: Erschütternder Schnaitseer Todesmarsch - Gedenken an die Opfer

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GedenkfeierSandgrub – In der Waldidylle bei Sandgrub geschahen vor 70 Jahren Morde an unschuldigen KZ-Häftlingen, die in einem Todesmarsch durch Schnaitsee getrieben wurden. Bei der Gedenkfeier jetzt am Mahnmal für die ermordeten Opfer des Todesmarsches, der damals durch Schnaitsee seinen Weg nahm und der bei Sandgrub und in Seppenberg viele Tote forderte, zitierte Ortsheimatpfleger Reinhold Schuhbeck aus dem erschütternden Todesmarsch-Bericht von Alois Gmeindl …

Unser Foto: Bei getragener Musik fand die Gedenkfeier für die ermordeten Opfer des Todesmarsches 1945 durch Schnaitsee seinen Auftakt. Bürgermeister Thomas Schmidinger (rechts) bedankte sich für die lebendige Erinnerung. Richard Hellmeier leitete die Andacht.

Dieser Schnaitseer konnte als junger Mann damals vom Todesmarsch in Baden-Würtemberg flüchten und sich in seine Heimat durchschlagen. Da allerdings hier im Südosten bei seiner Rückkehr die Heimat noch nicht befreit war, musste er sich in einem Bienenhaus im unzugänglichen Seengebiet verstecken.

Dort hielt er seine noch frischen Erinnerungen an die erlebten Greuel schriftlich fest: „Einen meiner besten Kameraden, ein lustiger Kerl, der die Lagerinsassen mit seinem Humor und mit seiner Geige unterhielt, holte man um elf Uhr nachts aus dem Bett, um ihn zu erschießen. Weinend nahm er Abschied von mir. `Hier nimm das Brot – ich brauche es nicht mehr` waren seine letzten Worte“.

Auch vom Todesmarsch schrieb Gmeindl auf: „Ohne Verpflegung marschierten wir weg. Die Kolonne war langsam, rings herum streiften die Hunde. Schon nach zehn Kilometern starben die Ersten, die nicht mehr mitkamen den Tod durch Genickschuss. Bei Tag schliefen wir im Wald. Es wurde nur nachts marschiert. Die Toten wurden immer mehr.“

Gmeindl wählte in der frischen Erinnerung der Greueltaten drastische Ausdrücke. Dieses Zeitdokument ist ein wichtiges und vor allem auch unverfälschtes Zeugnis der Verbrechen in jener schrecklichen Zeit.

Gedenk 2Schuhbeck (Foto) fragte bei der Gedenkfeier: „Und was kommt jetzt? Wir erleben es allgegenwärtig. Die Gewalt kommt wieder zurück. Allein auf das Mahnmal hier wurden schon mehrere Anschläge verübt und erst 2013 hatten wir rechtsradikale Schmierereien am Buswartehäuschen am Fernsehturm. Auch wir in Schnaitsee leben nicht auf einer seligen Insel.“

Heimatpfleger Schuhbeck nannte die Gewalt, die seiner Ansicht nach von den Islamisten und Salafisten auf der einen Seiten und von den Neonazis auf der anderen Seite drohe „Erst im letzten Jahr gab Martin Winklbauer bei der Gedenkfeier einen erschütternden Bericht von den rechtsradikalen Bedrohungen in Halsbach.“

Zum Schluss seiner Rede mahnte Schuhbeck: „Wir dürfen nicht glauben, dass unsere demokratische und freiheitliche Grundordnung für alle Zeiten gesichert ist. Es kommt auf jeden von uns an, sich täglich dafür einzusetzen.“

Zu Beginn der Gedenkfeier sagte Bürgermeister Thomas Schmidinger. „Beim Fußweg hierher konnte ich mit dem Zeitzeugen Hubert Neuberger sprechen. So ein authentischer Bericht vom Todeszug durch unser Dorf schockiert. Wir haben in Schnaitsee mit dem Mahnmal ein Zeichen gesetzt. Jetzt gilt es die Erinnerungen wach zuhalten. Ich danke dem Heimatverein und dem Musikverein, die mit der jährlichen Feier an diesem Mahnmal dieses bewerkstelligen“.

Richard Hellmeier leitete die Andacht und fand Gebete und Psalmen, die aufzeigten, dass solche Greueltaten und Vertreibungen im Alten Testament schon vorkamen. An die vielen anwesenden jungen Leute gerichtet, sagte er: „An euch liegt es, dieses Gedenken weiter in die Zukunft zu tragen.“

Die Musikkapelle Schnaitsee unter der Leitung von Rupert Schmidhuber umrahmte mit passenden Musikstücken das Gedenken an die unzähligen Kriegsopfer im Ganzen und an die Opfer des Schnaitseer Todesmarsches im Besonderen. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie hier in dieser Waldidylle vor 70 Jahren solche Verbrechen verübt werden konnten. Aber gerade deswegen ist die lebendige Erinnerung so wichtig.“

uk  ju

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