Mit dem Panzer durchs Gehege …

Zu Besuch bei Gusti Meyer und ihren 88 Schildkröten

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schildWeichselbrunn/Schonstett – Ruhig ist es, sehr ruhig. Je näher man sich dem Gehege nähert, desto eher hört man es rascheln, scharren oder auch grunzen. Ein genauer Blick verrät die Verstecke. „Werft eine Hand voll Gras ins Gehege, dann kommen sie raus“, empfiehlt Gusti Meyer. Und tatsächlich: Aus allen Ecken kriechen Schildkröten jeder Größe, jeden Alters. 15 Stück sind es leicht. Sie stürzen sich regelrecht auf den frischen Löwenzahn. „Sie lieben frisches Gras, Spitzwegerich, Löwenzahn oder Klee“, erzählt Gusti Meyer mit einem Blick auf ihre Lieblinge. Sie ist stolze Besitzerin einer Schildkrötenzucht in Weichselbrunn bei Schonstett. 

Von zwei Schildröten zu 88 …

Gekommen sei die Leidenschaft für die Reptilien im Alter von zehn Jahren, als sie die ersten beiden Exemplare von ihren Eltern bekam. „Die Tiere haben mich schon immer fasziniert“, erzählt die Besitzerin. „Mit Anfang 20 hat sich die Faszination erst richtig entfaltet, da hatte ich fünf Kröten. Ich begann, das Hobby mit vier verschiedenen Rassen intensiv zu betreiben: Der griechischen, maurischen und russischen Schildkröte sowie den Breitrandschildkröten.“ Mittlerweile leben 88 Tiere in Weichselbrunn. Wasserschildkröten habe sie auch, die buddeln sich im Schlammgrund des hauseigenen Gartenteichs ein, seien daher kaum sichtbar. „Ab und an können wir sie beim Sonnenbaden beobachten“, schmunzelt Gusti Meyer und lässt den Blick auf den Teich schweifen. „Doch kaum nähert man sich, verschwinden sie blitzschnell mit einem ‚Platsch‘ ins Wasser.“

Freigehege mit Verstecken

Auch ihr Mann Günter teilt mittlerweile ihre Leidenschaft mit den „außergewöhnlichen Haustieren“. Er hat für die Tiere auf der Wiese neben dem Haus das naturnahe und ausführliche Schildkrötengehege gebaut. Es besteht aus verschiedenen weitläufigen Flächen sowie einem Glashaus und mehreren Häuschen – eine etwa ein Meter hohe, begrünte Steinmauer deutet die Grenzen an.  „Die Tiere sind nach Geschlechtern und Rassen getrennt“, erklärt Gusti Meyer. Wichtig für die Reptilien sei genügend Freifläche zum Auslauf und Verstecke in Form von Baumstämmen, Wurzeln, Büschen oder kleinen Häuschen.

Aufgrund ihres wechselwarmen Gemüts, so die Schildkröten-Expertin, sei der Tagesablauf der Tiere an die Außentemperatur angepasst. „Aktiv werden sie ab 20 Grad, bei kühlerem Wetter verschanzen sie sich in ihren Häusern, in denen sie ideale Temperaturen vorfinden.“ An heißen Sommertagen suchen die Schildkröten regelmäßig die Wasserbecken auf zum Baden und Abkühlen oder in sie halten in schattigen Plätzen Mittagsschlaf.

„An der frischen Luft in der Natur fühlen sie sich am wohlsten“, so Gusti Meyer. Dort könne man sie auch beim Fressen beobachten. „Grünzeug aller Art fressen sie am liebsten, ab und an bekommen sie Obst und Gemüse. Obwohl sie als Pflanzenfresser gelten, lassen sich die Kröten auch Schnecken, Regenwürmer oder den einen oder anderen Käfer nicht entgehen“, erzählt sie lachend.

Stetiger Nachwuchs

Für die Zucht der Reptilien hat Günter Meyer ein Extragehege angelegt – vor 15 Jahren schlüpfte erfolgreich der erste Nachwuchs. „Schildröten gehören zu den wechselwarmen, eierlegenden Reptilien“, erklärt die Besitzerin. Ab Mai legen die weiblichen Tiere ihre Eier in einem speziell angelegten „Lege-Hügel“ aus Sand und Erde ab. „Direkt nach der Ablage sammle ich die Eier ein – pro Kröte variiert die Zahl zwischen zwei und acht Stück – und lasse sie in einem speziellen Reptilienbrutapparat ausbrüten“, erzählt Gusti Meyer.

Nach etwa 55 bis 60 Tagen folgt der große Moment. Wie viel Neuzugänge es tatsächlich werden, weiß sie erst wenn die Kleinen das Licht der Welt erblicken – jedoch werden nicht alle Eier entnommen und auch nicht bebrütet. „Die Zahl der Jungen ist abhängig von Wetter und der jeweiligen Befruchtung. Von daher ist die genaue Zahl der Kröten-Babies von Jahr zu Jahr unterschiedlich.“ Gusti Meyer hat es auch schon wenige Jahre erlebt, in denen der Nachwuchs komplett ausfiel. „Doch das ist zum Glück die Ausnahme“, lacht die Züchterin.

Im Winter wird es ruhig …

Nach dem Schlupf kommen die kleinen Schildröten laut Gusti Meyer sofort ins Freigehege. „Bis es kalt wird bleiben sie draußen.“ Von November bis Ende März überwintert die Besitzerin ihre Lieblinge bei idealer Temperatur zwischen fünf und acht Grad in großen mit Heu und Laub ausgekleideten Holzkisten in einem Kellerraum.

Im ersten Jahr ihres langen Schildkrötenlebens halten die Tiere jedoch laut ihrer Besitzerin nur etwa vier bis sechs Wochen Winterschlaf – den restlichen Winter verbringen die Kleinen in einem Terrarium im Haus. Gusti Meyer erzählt schmunzelnd: „Im Idealfall hören wir in den kalten Monaten keinen Mucks von unseren Mitbewohnern. In warmen, frostarmen Wintern jedoch sind sie unruhig und scharren in ihren Kisten, da wollen sie einfach nicht schlafen.“

Amtlich gemeldet

Dass artgerechte Schildkrötenhaltung mit hauseigener Zucht kein einfaches Unterfangen ist, wird spätestens beim Anblick des „Personalordners“ der Tiere klar. „Jedes meiner Tiere ist beim Landratsamt, Abteilung ‚Untere Naturschutzbehöhre‘ gemeldet“, klärt Gusti Meyer auf. „Das bedeutet, jedes Tier besitzt ein sogenanntes ‚Cities‘, das die Schildkröte identifiziert.“ Neben Merkmalen wie Gewicht, Größe oder Geburtsjahr befinde sich in der „Cities“ auch jeweils ein Foto der Reptilien – einmal auf dem Rücken und einmal auf dem Bauch abgelichtet.

Gusti Meyer erklärt die Umstände: „Das Bauchmuster der Schildröten ist vergleichbar mit dem Fingerabdruck des Menschen. Sie werden keine Schildkröte mit derselben Musterung finden. Das dient zur Identifizierung.“ Des Weiteren werden die 58 älteren Reptilien namentlich verzeichnet, der restliche Nachwuchs mit weißem Nagellack auf dem Panzerrücken durchnummeriert, „sonst kann nicht mal ich die Kleinen auseinanderhalten“, lacht Gusti Meyer.

Herkules ist der Älteste

Und die Namen sind einfallsreich: Von der griechischen Mythologie bis hin zu bayerischen Namen sei alles vertreten. Gusti Meyer: „Wir haben bei den weiblichen zum Beispiel Cleo, Hera, Susi, Frieda, Berta und Speedy, Salomon oder Herkules bei den männlichen Kröten.“ Herkules, so die Besitzerin, sei mit etwa 85 bis 90 Jahren der Älteste und mit einer Größe von 40 Zentimetern auch der Größte in der Krötenfamilie. „Er wiegt circa 5,5 Kilogramm“, sagt Gusti Meyer.

Die Kröten-Babies gibt Gusti Meyer an Schildkrötenliebhaber weiter. „Allerdings nur paarweise“, warnt die Besitzerin, „denn die Kröten können rasch vereinsamen.“ Der Altbestand, der seit jeher in Weichselbrunn wohnt, ist dagegen unverkäuflich. „Einen alten Baum pflanzt man ja schließlich auch nicht um, oder?“, fragt die Besitzerin lachend. Bei Abgabe steht Gusti Meyer ihren Käufern mit Rat und Tat zur Seite.

„Manchmal kommen auch Leute aus München oder Rosenheim mit ihren Schildkröten und wollen mehr über Rasse, Alter oder auch artgerechter Haltung erfahren“, erzählt die Schildkröten-Expertin. Schildkröten sind einzigartige Tiere, die – artgerecht gehalten – eine wahre Freude sein können. „Doch nicht ein jeder ist als Schildkrötenbesitzer geschaffen“, mahnt Gusti Meyer.

„Ich hatte einmal ein skurriles Erlebnis mit einer potenziellen Käuferin, einer Lehrerin samt Sohn. Die erste Frage der Dame war, ob es stimme, dass Schildkröten in Bäumen nisten würden und die prompt darauffolgende, wie die Tiere denn dort hinauf kämen.“ Logisch, dass diese Frau ohne Schildkröte nach Hause ging …

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