„Ein Stück Nachtleben ging verloren“

Nach einem Jahr Sperrstunde in der Altstadt: Diskussionsrunde des Bürgerforums

Ein Jahr Sperrstunde in der Altstadt – das war das Thema einer Diskussionsrunde am gestrigen Mittwochabend, zu dem das Wasserburger Bürgerforum eingeladen hatte. Der allgemeine Tenor: Weniger – besonders weniger junge – Menschen von auswärts kommen in die Altstadt. Für die Lärmsituation hat das hingegen wenig gebracht. Viele Gäste stehen jetzt um 3 Uhr vor den Lokalen auf der Straße. Eine Stunde länger könnte ein guter Kompromiss sein.

Edith Stürmlinger, Stadtratsmitglied vom Bürgerforum Wasserburg, begrüßte stellvertretend für ihre Kollegen Norbert Buortesch und Lorenz Huber die Versammlung, zu der sich Bürger aus allen Altersschichten eingefunden hatten: „Es ist wichtig, dass wir bei unserem Kampf um eine liberalere Regelung, was die Sperrzeit betrifft, von den Menschen unterstützt werden, die diese besonders betrifft: Den Anwohnern, den Wirten und natürlich den jungen Leuten, die abends feiern möchten.“

 

Chris Roth, der über einer Kneipe am Marienplatz wohnt, betonte, dass sich seit Einführung der Sperrstunde für ihn als Anwohner nicht viel verbessert habe – eher im Gegenteil: „Wenn um 3 Uhr überall die Schotten dicht gemacht werden, stehen natürlich alle Gäste auf einmal auf der Straße. Die Taxis kommen nicht hinterher, es wird laut und es gibt Schlägereien. Früher hat es solche Ansammlungen nicht in der Form gegeben, weil die Leute zwischen 3 und 5 Uhr heimgegangen sind und sich alles besser verteilt hat. Seit der Regelung ist einfach ein Stück Nachtleben verloren gegangen. Vielleicht wäre es ja ein Kompromiss, die Sperrzeit auf 4 Uhr zu verkürzen.“

Stürmlinger berichtete vom Pächter einer anderen Kneipe am Marienplatz. Dieser sei aufgrund der Sperrzeitregelung sehr frustriert. „Dieser Gastrobetrieb hat ein Publikum, das um 24 Uhr erst aus dem Haus geht. Um drei Uhr morgens alle rauszuwerfen, wenn die Leute gerne länger bleiben würden, sorgt für Missmut.“ Außerdem klage der Pächter über finanzielle Einbußen, da er abends Essensgäste verliere, die nun direkt nach Rosenheim oder München fahren würden.

Manuel Scheyerl vom „Q-Stall“: „Natürlich könnten wir länger wirtschaften, wenn wir nicht um 3 Uhr zusperren müssten. Wenn um drei alle draußen sein müssen, bedeutet das ja, dass wir gezwungen sind, sogar noch früher Schluss zu machen.“

Ob sich hinsichtlich der Lärmbelästigung und der Störung der Nachtruhe in Wasserburg etwas geändert hat – darüber war man sich gestern Abend nicht einig: „Es gibt noch keine offizielle Statistik dazu, ob die Sperrstunde die Zahl der Vorfälle in der Altstadt gesenkt hat,“ berichtete Scheyerl aus der Sicherheitskonferenz der Wirte in Wasserburg.

Laut Scheyerl spricht die Polizei von weniger Vorfällen seit der neuen Regelung. Die versammelten Anwohner konnten hingegen keinen Unterschied feststellen.

„Ich komme ursprünglich aus München“, berichtet ein weiterer Anwohner. „Aus meiner Sicht habe ich nicht das Gefühl, dass die Randale in der Nacht durch die Regelung abgenommen haben. Doch es ist merklich weniger los auf Wasserburgs Straßen – das ist wirklich schade, das zu beobachten. Man muss jetzt gut aufpassen, dass nicht jegliches Nachtleben aus Wasserburg verbannt wird.“

Auch Monika Häuslmann, Geschäftsführerin der Schranne nahm dazu Stellung: „Dass man bei besonderen Anlässen die Sperrzeit etwas verkürzen kann, halte ich für einen guten Kompromiss. Das kann auch jeder Wirt mal für einen Abend beim Stadtrat beantragen.“

Und Rainer Gottwald vom Kino Utopia ergänzte: „Wir haben deutlich weniger junge Gäste. Es ist allgemein weniger los seit der Sperrstunde, das ist deutlich aufgefallen und eine sehr traurige Entwicklung.“

Ein Anwohner aus der Hofstatt berichtete: „Ich komme ursprünglich aus Haag. Früher hieß es: Entweder wir gehen in Wasserburg weg oder fahren direkt nach München. Seit der Sperrstunde stellt sich für die meisten die Frage gar nicht, man fährt einfach direkt nach München oder mal nach Rosenheim.“

Marina Zielke aus Wasserburg sagte: „Ich habe früher direkt über dem ehemaligen „M14″ gewohnt. Die Lärmbelastung war da manchmal extrem. Doch ich bin dann persönlich in die Bars gegangen und habe gefragt, ob man zum Beispiel den Bass etwas runterdrehen könne. Das hat immer gut funktioniert!“

Auch wurde angesprochen, dass ein Nachtexpress, der erst um 3.15 Uhr nachts fährt, die Taxis etwas entlasten und somit für weniger akute Menschenansammlungen sorgen würde. Auch die Sperrzeit um eine Stunde zu verkürzen, wurde allgemein als guter Vorschlag angenommen – immerhin wolle man „Wasserburg nicht zu einer Museumsstadt verkommen lassen.“

Abschließend richtete Stürmlinger ein Plädoyer besonders an die jungen Wasserburger: „Wir ,Alten‘ bestimmen über euch! Wenn ihr was ändert wollt, übt Druck aus. Kommt zu den Stadtratssitzungen und zu Bürgersprechstunden, reicht Anträge ein und werdet aktiv. Nur so können wir gemeinsam etwas bewegen.“

  HF

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5 Gedanken zu „„Ein Stück Nachtleben ging verloren“

  1. Ich wohne selbst in einem Altstadthaus mit Bar. Gefühlt ist es seit der Sperrzeitenregelung schon ruhiger geworden. Ob das an einer geringeren Besucherzahl oder an der Sperrstunde liegt kann ich nicht sagen.

    In Rosenheim gibt es übrigens auch eine Sperrstunde ab 4 Uhr.

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  2. Eine Frage an Frau Stürmlinger: Welcher Pächter am Marienplatz hat denn Essensgäste verloren? Heizt er sonst zwischen 3 und 4 Uhr noch seinen Küchenherd ein? Und dass manche jungen Leute erst ab 24 Uhr fortgehen, dafür gibt es bei alten Leuten eine medizinische Bezeichnung :Tag-Nacht-Umkehr, das ist eine krankhafte Störung.
    im Übrigen finde ich, dass es deutlich ruhiger geworden ist. Danke, Stadtrat.

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    1. Sehr geehrte Frau Schulz, bitte genauer lesen, bei den Essensgästen ist von abends, nicht von drei bis vier Uhr die Rede: „…finanzielle Einbußen, da er abends Essensgäste verliere, die nun direkt nach Rosenheim oder München fahren…“

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    2. Gusti Schnecke

      Auch ich möchte mich bedanken beim Stadtrat, Lärm Vandalismus und der ganze Saustall haben sich erheblich reduziert.

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  3. Prof. phil. Heine

    Meine Leber möchte sich auch bedanken, geh seitdem nicht mehr in Wasserburg weg und in München ist es alles gleich ungemein teurer, schont die Leber, danke Stadtrat!

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