„Kein Planungsfehler, sondern falsches Wort“

Bürgerinitiative „Der bessere Weg für Haag" nimmt Stellung

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Der-bessere-Weg-fuer-Haag-Logo-800x395In einer Pressemitteilung hat heute die Bürgerinitiative „Der bessere Weg für Haag“ zu den Berichten aus dem Rathaus, der Gutachter der Initiative habe einen Fehler eingeräumt, Stellung genommen. Andreas Sax: „In letzter Minute versucht die Bürgermeisterin noch einmal Stimmung zu machen. Der von uns beauftragte Gutachter Detlev Gündel wurde seitens der Gemeinde eindringlich aufgefordert, seine Stellungnahme zu überarbeiten .Das hat er getan.“ Dass die fehlenden Sicherheitstrennstreifen als „verpflichtend“ bezeichnet wurden, im technischen Regelwerk, an dem Gündel selbst mitgearbeitet habe, aber lediglich „empfohlen“ seien, sei noch kein „Planungsfehler“. „Das bestätigt auch Gündel“, so Andreas Sax.

Sax weiter: „An seiner übrigen Sicht, dass die Gehwege zu schmal für durchgehende Freigabe sind und 6,30 Meter prinzipiell eine nicht empfohlene Lösung ist, ändert das nichts. Nach wie vor ist der Vorschlag des Bürgerbegehrens die bessere Lösung.“

Detlev Gündel arbeite als Verkehrsplaner und Sicherheitsauditor für innerörtliche Hauptverkehrsstraßen im Büro PGV-Alrutz in Hannover, einer der renommiertesten Adressen zum Thema Fahrrad-Verkehrsplanung. „Er hat an zahlreichen Veröffentlichungen und auch an geltenden Regelwerken der Technik mitgewirkt“, so Sax.

Die aktuelle Stellungnahme des  Gutachters in einem Interview (Pressetext der Bürgerinitiative im Originalwortlaut):

Herr Gündel, wie wurden Sie auf die Haager Planung aufmerksam ?

Die Initiatoren des Bürgerentscheids haben mich gebeten, die bisherige Planung und die von ihr vorgeschlagene Alternativlösung nach den Regeln der Technik zu vergleichen und zu bewerten.

Wie beurteilen Sie die gewählte Fahrbahnbreite von 6,30 Metern ?

Die geplante Fahrbahnbreite von durchgehend 6,30 metern entspricht nicht den empfohlenen Werten, bei denen Radverkehr im Mischverkehr, also auf einer Fläche mit den Kfz geführt werden kann.

Warum ist das so ?

Bei  Breiten zwischen 6,00 und 7,00 Metern bleibt beim Überholen eines Radfahrers mit Gegenverkehr zu wenig Platz für einen ausreichenden Abstand. Es besteht für Radfahrer erhebliche Gefahr, wenn Pkws trotzdem überholen.

Dann fahren die Radler also besser auf den Gehwegen ?

Die geplanten Gehwege sind für eine Freigabe des Radverkehrs  fast durchgehend sehr knapp bemessen. Die für eine Freigabe empfohlenen. Sicherheitstrennstreifen  sind nicht eingeplant. Sie sind allerdings nicht vorgeschrieben.

Könnten Sie das bitte genauer ausführen ?

Die 2,50 Meter breiten Gehwege sind deshalb nicht breit genug, weil für die Zulassung des Radverkehrs – zusätzlich zu den 2,50 Metern – weitere Sicherheitsabstände zu Gebäuden, Parkflächen, aber vor allem auch zum fließenden Verkehr sinnvoll sind. Allerdings, wie schon gesagt, sie sind nicht vorgeschrieben. Da diese annähernd durchgehend fehlen, ist eine Freigabe aus meiner Sicht nicht zu empfehlen.

Also weder auf der Straße noch auf den Gehwegen ist eine sichere Radfahrt nach dem Stand der Technik möglich ?

So ist es, bei der derzeitigen Planung.

Wie sieht es denn mit der Alternativlösung des Bürgerbegehrens aus ? Ist diese denn regelgerecht? Es wurde das Gerücht gestreut, dass es auch hier Probleme gäbe bei zu vielen Autos ?

Von diesen Bedenken habe ich gehört, allerdings beziehen die sich auf einen längst überholten Stand der Vorschriften. Schutzstreifen sind bei den vom Büro Infra verwendeten Verkehrsmengen für den Haager Verkehr eine gut geeignete Lösung angesichts der durch die Platzverhältnisse eingeschränkten Optionen. Bei einer Neuplanung sollte man aber auch berücksichtigen, dass auch bei Schutzstreifen an Längs- und Senkrechtparkständen die wichtigen Sicherheitstrennstreifen erforderlich sind. Bitte nicht noch einmal vergessen!

Können und wollen Sie für den anstehenden Bürgerentscheid eine Empfehlung aussprechen ?

Unter dem gegebenen Anlass, dass unter diesen zwei Möglichkeiten gewählt werden muss, ist die Lösung mit Schutzstreifen unter dem Gesichtspunkt von Fußgänger- und Radverkehr die deutlich zu bevorzugende.

 

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Ein Gedanke zu „„Kein Planungsfehler, sondern falsches Wort“

  1. Schutzstreifen argumentativ mit zu geringen Überholabständen durch Kraftfahrer zu begründen finde ich ziemlich dreist. Denn Schutzstreifen führen gerade zu geringeren Überholabständen, nicht zu größeren. Aus genau diesem Grund sind klassische Schutzstreifen mittlerweile zugunsten der Freigabe von Gehwegen auf dem Rückzug. Die ursprüngliche Planung der Gemeinde war also aktueller als die jetzt auszuführende mit Schutzstreifen. Ein Schutzstreifen führt zu: Übholen durch Kraftfahrer „an der Linie“ statt mit den notwendigen 1,5m. Was wiederum dazu führt, dass unsichere Radfahrer verbotenerweise auf den Gehweg ausweichen. Weder für Fußgänger noch für Radfahrer (die nur die Wahl haben zwischen zu eng überholt zu werden oder regelwidrig den Gehweg zu benutzen) profitieren von dieser Lösung, sie ist eine Kraftverkehrsförderung. Die von der BI angegebenen Ziele „Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer“ und „Verringerung des Durchgangsverkehrs“ werden also konterkariert.

    Mein Apell an die Gemeinde ist nun ein Schutzstreifen nach „Soester Modell“ in der Mitte der Fahrspur.
    http://adfc-blog.de/2014/03/soest/

    Zitat Dr. Kettler (der als der Spezialanwalt Deutschland für Radverkehrsrecht gilt und an zahlreichen Veröffentlichungen und an geltenden Regelwerken der Technik mitgewirkt hat):

    „… führen diese “Schutzstreifen” dazu, dass die notwendigen Überholabstände durch Kraftfahrer praktisch überhaupt nicht mehr eingehalten werden. Ist es sonst schon selten, dass Kraftfahrer die gesetzlich vorgegebenen und notwendigen Überholabstände einhalten, kommt das neben Radfahrern auf Schutzstreifen praktisch überhaupt nicht mehr vor. Überholen mit einer guten Handbreite Abstand ist der Normalfall. Die Radfahrer werden auf solchen “Schutzstreifen” also unter Aufgabe der notwendigen Überholabstände praktisch in (offene) Reservate geschickt, um das Überholen durch Kraftfahrer zu erleichtern. Kraftverkehrsförderung wird mit dem Mäntelchen “Radverkehrsförderung” behängt.“
    „Verkehrssichere Radfahrer fühlen sich darauf angesichts der augenscheinlich höheren Gefahren regelmäßig sehr unwohl. “
    „Irgendeine radverkehrsfördernde Wirkung ist für diese Streifen noch nicht nachgewiesen worden, irgendein Verkehrssicherheitsgewinn auch nicht.“
    (Nachzulesen auf http://www.recht-für-radfahrer.de/Aktuelles.html)

    Oliver Kunze
    Initiative Cycleride

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