Irgendwo zwischen Leben und Tod

... musst du eine Lösung finden: Ein syrischer Flüchtling aus Haag im Porträt

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Film LudwigHeute ein besonderes Porträt – über Bassam (Name von der Redaktion geändert), einen syrischen Flüchtling, der zur Zeit in Haag lebt. Es geht um sein Leben in der Vergangenheit in Syrien, seine Flucht nach Europa und sein aktuelles Leben jetzt in Haag. Sarai ist eine ehrenamtliche Helferin der syrischen Flüchtlinge in Haag, sie ist bei dem Gespräch dabei und erzählt, welche alltäglichen Probleme auftauchen und wie die jungen Männer in Haag aufgenommen werden. Ein Erfahrungsbericht.

Wir treffen uns in einem ganz gewöhnlichen Mehrfamilienhaus in einem Wohngebiet in Haag. Begrüßt werde ich von Sarai und drei Männern aus Syrien. Bassam begrüßt mich und bietet mir was zu trinken an. „Water? Saft?“, fragt er.

Auf dem Balkon sitzend und Saft trinkend erklärt mir Sarai ein paar allgemeine Dinge. Zur Zeit leben hier neun syrische Flüchtlinge. Im Stockwerk drüber lebt eine syrische Familie mit vier Töchtern. Unten, im Erdgeschoss, lebt eine Haager Familie.

Sarai-300x300Sarai (unser Foto rechts) kümmert sich mit vier anderen ehrenamtlichen Helfern intensiv um die Betreuung der Flüchtlinge. Das heißt, sie kümmern sich um Bürokratisches, gehen zur Post, organisieren Arzttermine oder kommunizieren mit dem Landratsamt in Mühldorf. „Wir sind die Feuerwehr, wir sind da, wenn´s brennt“, erklärt sie. Für Unterhaltung blieb bis jetzt wenig Zeit. Die Helfer haben alle bereits Kinder, für Ausflüge mit den Flüchtlingen bleibt da ebenfalls wenig Zeit.

„Ab September soll es immerhin wieder ehrenamtliche Deutschkurse geben. Interesse ist da, aber das gestaltet sich selbst mit einer so kleinen Gruppe von nur acht oder neun Menschen schwierig. Hier sind Männer dabei, die sind Analphabeten und welche, die studiert haben. Sogar diese kleine Gruppe muss während des Deutschkurses noch geteilt werden, weil die Ansprüche so unterschiedlich sind“, erklärt Sarai, die tagtäglich mit solchen Aufgaben konfrontiert wird.

So einer, ein „Studierter“, ist Bassam. Der 30-Jährige hat in Masyaf, Syrien, Gesundheits- und Krankenpflege studiert. Weil Bassam Atheist ist, hat er in seiner Heimat immer schon Probleme gehabt. 2014 hat er Syrien dann verlassen, bekam einen Monat später aber eine Nachricht von seiner Mutter. Sie sei sehr krank und er müsse nach Hause kommen. Als er seine Mutter besuchen wollte, wurde er erwischt und musste das Land endgültig verlassen.

Neun Monate hat seine Reise von Syrien über die Türkei bis nach Deutschland gedauert. Am 28. Oktober 2014 ist er in Deutschland angekommen. Bassams Freundin wollte immer in Deutschland studieren, deshalb sei er hierher gekommen, erzählt er. „Sie ist jetzt noch in Syrien. Wir haben auch Kontakt, jeden Tag … na ja, jede Stunde. Sie studiert Ernährungswissenschaft in Syrien und versucht einen Platz in Deutschland zu bekommen. Es kann aber auch passieren, dass sie so nach Deutschland kommen muss, wie ich das getan habe. Ich werde auf jeden Fall alles tun, dass sie hierher kommen kann. Wenn das nicht geht, gehe ich zurück … und hole sie“, sagt Bassam.

Bassam erzählt, dass es in seiner Heimatstadt fast keine Männer mehr gibt. „Dort leben nur noch Frauen, die Männer sind alle weggelaufen“. Er selbst hat neun Geschwister, seine Brüder leben gerade alle in Moskau, seine Schwestern sind in Syrien geblieben.

Als Bassam von seiner Reise hierher erzählt, versteht man auch warum: „Für mich war es noch vergleichbar einfach, ich spreche englisch und habe GPS, das ich nutzen kann. Viele Leute können die Sprache aber nicht und für sie ist es wirklich schwer. Ich bin mit einem Boot nach Italien gekommen. Wir waren etwa 40 Menschen auf einem sechs Meter langen Boot. Da ist nichts, nur Wasser! Und du bist auf dich allein gestellt. Für Frauen und Kinder ist das eine Qual, sie haben Angst und schreien den ganzen Tag“.

Für seine Überfahrt nach Italien hat er einem Schleuser 1400 Euro gezahlt. Damals war Herbst – Bassam meint, dass es inzwischen und besonders im Sommer, wenn viele rüber wollen, noch etwas teurer ist. „Man ist da irgendwo zwischen Leben und Tod und man muss eine Lösung finden um in Sicherheit zu sein.“

Bassam und die anderen Flüchtlinge bieten mir selbst gemachten Käse an. Ein Gaumenschmaus, „und ganz einfach zu machen“, erklären sie mir. Bassam erzählt mir seine Geschichte, als wäre das, was er erlebt hat, ganz alltäglich. Logisch, für ihn war es das ja auch.

„Ich habe zu viele schlimmster Situationen erlebt. Hier eine: In dem Krankenhaus, in dem ich gearbeitet habe, habe ich gesehen, wie Anhänger der ISIS lebende Menschen in die Kühlräume der Rechtsmedizin gesperrt haben, bis sie erfroren sind. Das ist nicht mehr menschlich. Das sind Bestien“, sagt Bassam.

Bassam hat selbst schon Beziehungen zu Europa und Deutschland gehabt. Er wusste damals ungefähr, was ihn in Deutschland erwartet. „Ich kann da nur für meine Freunde sprechen: Ich glaube die Leute, die zum ersten Mal nach Deutschland kommen, sind schockiert – ein positiver Schock. Es liegt irgendwo zwischen einem Traum und der Wirklichkeit. Alle Syrer denken, Deutschland ist das Nirwana. Wenn sie hier sind, denken sie: ‚Ich kann einfach so durch die Straßen gehen und niemand kann mir etwas tun, ich muss keine Angst mehr haben‘ – als ich zum ersten Mal nach Haag gekommen bin, habe ich den Ort geliebt. Das ist auch immer noch so, aber ich komme nicht aus dem Haus raus. Ich möchte deutsch lernen, arbeiten, meine Ausbildung beenden. Manchmal sitze ich dann hier auf meinem Stuhl und am Ende des Tages denke ich mir dann, ich hab diesen Tag wieder total verschwendet!'“

Grundsätzlich wurden die syrischen Flüchtlinge in Haag gut aufgenommen. Es gab eine ganze Menge Sachspenden und einige haben ihre Hilfe angeboten. Verschiedene Haager Firmen haben finanzielle Unterstützung zugesagt. Sarai erzählt, dass es aber besonders über Soziale Netzwerke immer wieder Anfeindungen gibt. Probleme, beispielsweise mit Nachbarn, habe es bisher aber noch nicht gegeben.

Gestern hat Bassam erfahren, dass alle seine Freunde, mit denen er hierher gekommen ist, einen Ausweis bekommen haben. „Alle, nur ich nicht“, sagt er leise.

Manchmal vermisst er einfach nur seine Familie. „Manchmal denke ich mir dann: ‚was tu ich hier eigentlich?‘ und will zurückgehen. Ich weiß, wenn ich jetzt zurückgehen würde, würde ich zu 99 Prozent erschossen werden. Und trotzdem habe ich manchmal das Bedürfnis, heimzugehen.“

Um das alles zu verstehen, muss man es wahrscheinlich selbst erlebt haben. Trotzdem bin ich nach meinem Gespräch mit Bassam und Sarai mehr als nachdenklich. Und um eine Einladung zum gemeinsamen Kochen reicher – Syrer sind wirklich sehr gastfreundlich.

fm

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